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Hoffnung ist ein großes Wort

Von Knapp hundert Tage ist Andrea Nahles jetzt Vorsitzende der SPD. An ihr hängt das Leben und vielleicht Sterben der Partei.
Andrea Nahles (rechts) spricht mit der 83-jährigen Mieterin Marianne Ried, die seit knapp 59 Jahren in ihrer Wohnung in Frankfurt lebt und jetzt dafür kämpft, dort bleiben zu dürfen. Foto: Andreas Arnold (dpa) Andrea Nahles (rechts) spricht mit der 83-jährigen Mieterin Marianne Ried, die seit knapp 59 Jahren in ihrer Wohnung in Frankfurt lebt und jetzt dafür kämpft, dort bleiben zu dürfen.
Frankfurt. 

Prinzessinnen findet Ella daneben. Absolut. Ihr Held, momentan, heißt David. Der mit Goliath. Kennt jeder. Die Geschichte ist so populär, weil ihr Ende einen Menschheitstraum erfüllt. Der Schwache besiegt den Starken. Der Chancenlose nutzt seine Chance. Der Loser ist gar keiner.

Ellas Mutter, Andrea Nahles, steht gerade inmitten dreier einigermaßen durchgeknallter Damen, die sehr gern Prinzessin wären. Es ist ein heiteres Bild. Der Himmel krachblau, die Sonne knallgelb – und Nahles trägt Rot, die anderen Grün. Das Witzige ist, dass niemand politische Farbanspielungen macht. Allerdings ist nicht heraus, ob das nun ein gutes Zeichen ist oder ein schlechtes.

In diesem ersten Sommer der dritten großen Koalition von Angela Merkel bringen SPD und Grüne es in den Umfragen gemeinsam auf maximal 32 Prozent; das schafft die Union auch alleine. Gerade noch so. Rot-Grün aber ist vom Regieren so weit entfernt wie Berlin vom Mond.

Näher als der Mond

Näher liegt Hanau, und dort das Amphitheater, wo die drei grünen Damen für die Brüder-Grimm-Festspiele engagiert sind, als die Bösen und Neidischen und Giftigen. Bei Grimm denkt die Welt an Märchen, bestenfalls noch an Sprachforschung; Nahles indes, die Germanistin, weiß, wie sehr sich Jacob und Wilhelm für die Demokratie starkgemacht haben. „Moderne Menschen“, sagt sie, „in einem Zeitalter der Reaktion.“ Und: „Die beiden lebten auch in einer Zeitenwende.“

Man kann den Schluss der Zehner-Jahre zu Beginn des dritten Jahrtausends durchaus als Phase allfälligen Umbruchs empfinden. Erst recht, wenn man SPD-Vorsitzende ist und die Partei vor dem Untergang retten muss. Nahles selbst würde das niemals so sagen. Aber sie weiß: Noch eine Bundestagswahl um die zwanzig Prozent oder gar mit einer Eins vornean – und der Titel „Volkspartei“ ist perdu.

Hinter den Grünen

Falls die Regierung Merkel IV trotz des irrlichternden Horst Seehofer und des zündelnden Jens Spahn und der ermatteten Kanzlerin es irgendwie durch die Legislaturperiode schafft, kommt die nächste Bundestagswahl erst in drei Jahren. Aber schon im Oktober drohen binnen zwei Wochen die Entscheidungen in Bayern und Hessen. Und auch da prophezeien die Meinungserforscher der SPD Schreckliches: Zwölf, dreizehn Prozent im Süden, Rang drei noch hinter den Grünen; kein Gedanke, dass Spitzenkandidatin Natascha Kohnen sich als ernsthafte Herausforderin der CSU und ihres neuen Wortprotzes Markus Söder verstehen darf.

Und auch, wenn es in Hessen nicht halb so düster aussieht: Die durchschnittlich 24 Prozent bringen die SPD allenfalls als Juniorpartner in einer großen Koalition nach 19 Jahren endlich wieder zum Regieren; und Thorsten Schäfer-Gümbel wäre dann nur der Vize hinter Ministerpräsident Volker Bouffier.

„Hoffnung“, sagt Nahles, wenn die Rede auf Bayern kommt, „ist ein sehr großes Wort. Aber wir sind gut unterwegs und kämpfen.“ Seit 61 Jahren hat die SPD die Münchner Staatskanzlei nur noch auf Besuch von innen gesehen. Kohnen will Stimmen vor allem in den Städten holen. Manche glauben, dass sie sich mit dieser Strategie brutal verkalkuliert. Von Berlin aus kann man leicht Zweifel hegen. Und muss, folglich, auf Hessen hoffen. Wahlen dort rutschen gern unter der nationalen Aufmerksamkeitsschwelle durch, und erst recht unter der internationalen. Nahles beginnt ihre Sommerreise trotzdem in Frankfurt. Oder gerade deswegen. Sie ist einigermaßen ausgeruht; in elf Tagen Familienurlaub auf Sardinien hat sie versucht, nur wenig an den Zustand ihrer Partei zu denken.

Das volle Programm

In Deutschland zurück blieb das Hochnervöse. Der SPD fehlt jede Sicherheit; sie ringt weiter mit sich. Und um Haltung. Nahles weiß, wo sie steht. Gerne an der Seite derer, die sich wehren. Marianne Ried, beispielsweise, 83. Kämpft seit fünf Jahren um ihre Wohnung.

Hausverkauf, Luxusmodernisierungsankündigung, Schikanen, weil sie nicht weichen will – das volle Programm. „Wir bleiben“ steht an ihrer Tür. 30 000 Wohnungen fehlen jetzt schon in Frankfurt. Falls der Brexit die Londoner Banker dorthin treibt, nicht nach Paris, wird es für die Alteingesessenen noch enger. Und teurer. Die Wingertstraße 21 im Ostend ist längst ein Symbol des Widerstands gegen Gentrifizierung und Brachial-Geldmache. Vier Mieter haben aufgegeben. Vier halten durch. „Wir“, sagt einer von ihnen, als Nahles bei Marianne Ried im Wohnzimmer sitzt, „sind die Mitte der Gesellschaft.“

Irgendwann vergaß die SPD das. Wer auf sie setzt. Für wen sie zuständig ist. Die Wähler haben sie dann erinnert. Mit Stimmenentzug. Sie haben die Sozialdemokratie abschmieren lassen. Entweder bringt Nahles sie wieder hoch. Oder. . . ?

SPD in einer Person

Möglicherweise hat das die Republik noch gar nicht begriffen. Das Leben und vielleicht Sterben der SPD, dieser ältesten, stolzesten, verzagtesten deutschen Partei, hängt an Nahles. 48. Katholisch. Handwerkerkind. Akademikerin. Mutter. Geschieden.

Nicht ganz, aber schon ziemlich alleinerziehend. Die SPD, in einer Person konzentriert. Und auf sie. Wie dünn ist die Luft da, wo Nahles jetzt ist? Man könnte Sigmar Gabriel fragen – und er würde etwas offensichtlich oder versteckt Gemeines sagen. Das tut er gern, seit Nahles ihn nicht Außenminister bleiben ließ. Man könnte Martin Schulz fragen – und er würde antworten: Sehr.

Wer Chefin ist, hat niemanden mehr zum Verantwortlichmachen. Wie viel Druck erzeugt dieses Wissen? Oder macht es – zusammen mit den lausigen 66 Prozent von der Vorsitzenden-Wahl – vielleicht sogar frei? In Hanau erweist sich, wie hart der Job der SPD-Chefin ist, selbst in seinen allerphantastischsten Momenten. Die Möchtegern-Prinzessinnen, die einfach nur dumme Zicken auf Reichtums- und also Männerfang sind, wie immer im Märchen, singen: „Auf dieser Welt gibt es Gewinner und Verlierer.“ Und Nahles lacht.

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