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Autobiografie: „Ich mache es gerne mit Humor“: Gregor Gysi zieht Bilanz

Von Gregor Gysi gehört zu der seltenen Spezies von Politikern, die über die Parteigrenzen hinaus Anerkennung, ja sogar Sympathie genießen. Vielleicht liegt das auch an dem bewegten, von vielen Brüchen geprägten Leben, das er geführt hat und das er jetzt in einem Buch schildert.
Gregor Gysi (Die Linke). Foto: Maurizio Gambarini/Archiv Gregor Gysi (Die Linke).
Frankfurt. 

Gregor Gysi zu beschreiben, gelingt vielleicht am besten mittels einer Anekdote wie der folgenden: Es war im Jahr 2014, der Bundestag diskutierte über den Haushaltsplan, als sich Gysi einen Vorschlag von CDU-Finanzminister Wolfgang Schäuble zur Brust nahm, Straßen zu privatisieren. Er habe damals Schäuble gedroht, die Straße zu kaufen, in der dieser wohnt, dort eine Maut zu erheben und diese umzubenennen. „Das wird Ihnen dann peinlich sein, wenn Sie überall angeben müssen, Zum Gysi 1 zu wohnen“, erzählt Gysi.

Mit Selbstironie

Er habe damit zeigen wollen, wie absurd der Vorschlag ist, sagt der Linken-Politiker mit einem schelmischen Grinsen im gebräunten Gesicht und scheint in diesem Moment die damalige Situation noch deutlich vor Augen zu haben. „Ich mache es ganz gerne mit Humor“, charakterisiert der 69-Jährige seinen speziellen, von viel Selbstironie geprägten Stil, „man erkennt damit leichter politische Zusammenhänge“.

Nachzulesen sind solche und andere Episoden jedenfalls in der Autobiografie „Ein Leben ist zu wenig“, die Gysi am Donnerstag auf der Frankfurter Buchmesse vorstellte. Es ist ein Titel, der Gysis bewegte Geschichte treffend beschreibt oder wie er sagt: „Da waren mehrere Leben“.

Zum einen die Kindheit und Jugend als privilegierter Sohn hoher Kulturfunktionäre in der DDR. Das politisierte Studentenleben, das geprägt war vom Einmarsch der Warschauer Pakt-Staaten in die damalige Tschechoslowakei und als das SED-Mitglied zeitweise an der Universität aus politischen Gründen isoliert war. Das Dasein als Anwalt, der Regimekritiker wie Rudolf Bahro und Robert Havemann verteidigte.

Parteivorsitz bereut

Dann die bewegte Wendezeit und schließlich die Zeit an der Spitze der einstigen Staatspartei SED, die später zur PDS und dann zur Linkspartei mutierte. Einen Schritt, den er, zumindest was den Parteivorsitz betrifft, bereut. „Ich würde heute im Anwaltsberuf bleiben“, bekennt Gysi freimütig, dass er sich im Rückblick anders entschieden hätte.

Es ist der einzige Moment, in dem der charismatische Politiker, der heute als Vorsitzender der Europäischen Linken fungiert, mit seinem Werdegang zu hadern scheint. Zumindest etwas. Ansonsten wirkt Gysi wie jemand, der mit sich im Reinen ist, trotz oder vielleicht auch wegen der vielen Anfeindungen, denen er ausgesetzt war und trotz der vielen Kämpfe, die er austragen musste, bis er auch in der Bundesrepublik anerkannt war. Und auch trotz der zwischenzeitlichen und nie bewiesenen Vorwürfe, informeller Stasi-Mitarbeiter gewesen zu sein. „Vor Gericht habe ich immer gewonnen – das ist entscheidend“, sagte er vor kurzem in einem „Spiegel“-Interview zu den Anschuldigungen ehemaliger DDR-Bürgerrechtler.

Bei seinem Besuch in Frankfurt spielt das Thema jedoch keine Rolle. Stattdessen streut ein sichtlich gut gelaunter und stets wacher Gysi immer wieder Anekdoten aus den politischen Disputen ein, die er sich im Bundestag als langjähriger Fraktionsvorsitzender der Linken vor allem mit CDU-Politikern lieferte. Bei all dem hat es Gysi aber verstanden, Brücken über die Parteigrenzen zu bauen. Etwa zum ehemaligen Bundestagspräsidenten Norbert Lammert. „Er ist konservativ, vielleicht sogar erzkonservativ“, schreibt Gysi über den CDU-Politiker. „Er ist aber auch liberal, tolerant und schätzt den Rechtsstaat.“

Dass Gysi jemand ist, der über den Tellerrand schaut, macht er auf der Buchmesse wiederholt deutlich. Dabei ist es vor allem der Zustand des alten Kontinents, der ihm Sorgen macht. „Europa ist in einem desolaten Zustand“, kritisiert er eine unsoziale Politik, Demokratiedefizite und fehlende Transparenz bei Entscheidungsprozessen. Nationalismus und Abschottung wie von der AfD propagiert, erteilt er eine Absage. Geschichte lasse sich nicht einfach zurückdrehen. „Wir Alten sind verpflichtet, Europa für die Jugend zu retten“, sagt Gysi.

Und wie seine eigene Zukunft aussehen soll, hat er in einem Epilog seiner Biografie geschrieben: „Ich bin wild entschlossen, das Alter zu genießen.“

Gregor Gysi, Ein Leben ist zu wenig“, Aufbau-Verlag, 574 Seiten, 19,99 .

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