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Frankfurt erinnert mit einer Preisverleihung: Ignatz Bubis: Ein Mann von Format

Von Ignatz Bubis war Deutscher und Jude, Geschäfts- und Medienmann: Sein Wirken prägte die Geschichte der jungen Bundesrepublik. Übermorgen wäre er 90 Jahre alt geworden. Ein Wegbegleiter erinnert sich.
Ignatz Bubis Bilder > Foto: Arne_Dedert (dpa) Ignatz Bubis
Frankfurt. 

Am Donnerstag wäre Ignatz Bubis 90 Jahre alt geworden. Der Frankfurter war mir ein Muster an Menschlichkeit, Klugheit und Humor. In seinen Augen blitzte oft der Schalk. Dann lauerte er geradezu darauf, einen Witz zu erzählen oder endlich einen der wenigen jüdischen Scherze oder Anekdoten zu erfahren, die er noch nicht kannte. Darauf setzte sein meckerndes Lachen ein, das alle mitriss.

Der Immobilienkaufmann gab nicht vor, ein Heiliger zu sein, dazu hatte er in seinem Leben zu viel durchgemacht. Gelegentlich packte Bubis der Zorn. Er konnte und wollte in solchen Momenten verletzend werden. Als typischer Choleriker hatte er nach wenigen Momenten seine Wut überwunden. Danach konnte man wieder mit ihm debattieren und lachen. Jeder, der Ignatz kannte, wusste, dass er für ihn da sein würde, wenn man ihn brauchte.

Stets human und loyal

Humanität und Loyalität gegenüber seinen Mitmenschen waren die Frucht eines atemberaubenden Lebens. Der 1927 in Breslau zur Welt gekommene Junge zeigte früh eine rasche Auffassungsgabe. Doch eine nennenswerte Schulbildung war ihm nicht vergönnt. 1933 übernahmen die judenfeindlichen Nazis in Deutschland die Macht. Kurz darauf floh Familie Bubis nach Polen. Es war ein vergeblicher Versuch, ihrem Schicksal zu entrinnen. 1939 eroberte die Wehrmacht Polen. Die Juden wurden zu rechtlosen Wesen degradiert. Familie Bubis wurde ins Ghetto gezwungen – ein Parkplatz auf dem Weg zur Vernichtung. Sein Vater und seine Geschwister wurden ermordet, Ignatz als Sklavenarbeiter in eine Rüstungsfabrik deportiert, wo der Halbverhungerte im Januar 1945 von der Roten Armee befreit wurde.

Doch die Polen verweigerten den überlebenden Juden zumeist die Rückkehr in ihre Häuser. Die Hebräer wurden bedroht, viele misshandelt oder umgebracht. Sie mussten erneut fliehen, vielfach ins Land der Täter. Einer von ihnen war der gerade 18 Jahre alte Ignatz Bubis. Wie viele andere hielt sich der Überlebende damals mit Schwarzmarktgeschäften über Wasser. Dadurch geriet er in der Ostzone ins Visier der Sowjets und musste erneut fliehen. Nach einer Odyssee durch Europa landete er mit seiner Frau Ida schließlich 1956 in Hessen. „Wo immer ich war, ich kam von Deutschland nicht los“, berichtete er mir.

Reich durch Betongold

Ende der 60er Jahre war Ignatz Bubis einer der erfolgreichsten Immobilienkaufleute Frankfurts. Er war am Abriss der alten Villen und dem Bau von Geschäftshäusern im Westend beteiligt. Das Geld dazu kam von den Banken, manche Unternehmer waren Juden.

Diese Art der Stadtveränderung war in Frankfurt sehr unpopulär. Es gab Widerstand. Rainer Werner Fassbinder schrieb das Drama „Der Müll, die Stadt und der Tod“. Es war kein antisemitisches Werk, eher eines, das frei nach Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ die Motive des gequälten und verhöhnten jüdischen Geschäftemachers zu erklären versuchte. Ignatz Bubis meinte sich in der Hassfigur des jüdischen Immobilienspekulanten zu erkennen. Er protestierte.

Unterdessen war Bubis zum Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Frankfurts geworden. Er war stets für jeden – Juden wie Nichtjuden – erreichbar. „Not hält sich nicht an Bürostunden“, erläuterte er mir. „Wenn mich jemand braucht, muss ich für ihn da sein.“

1992 wählte ihn der Zentralrat der Juden in Deutschland zu seinem Vorsitzenden. Als ich ihn wenige Tage zuvor auf seine Haltung gegenüber Deutschland ansprach, zögerte Bubis. Er meinte, nach der grauenhaften Vergangenheit könnten die Juden sich nicht vorbehaltlos als Deutsche fühlen. Ich war dagegen der Meinung, mit dieser Einstellung werde er seinem Amt nicht gerecht werden.

Medial allgegenwärtig

Ignatz Bubis’ Persönlichkeit sprach die meisten Menschen an. Rasch wurde er zu einem der populärsten Bürger dieses Landes. In den Medien war er schier allgegenwärtig. Seine klare Haltung und Sprache, seine Natürlichkeit beeindruckte viele. 1993 sprachen sich Medien und manche Bürger für die Wahl von Ignatz Bubis zum Bundespräsidenten aus. „Dieses Land ist für ein jüdisches Staatsoberhaupt noch nicht reif“, ahnte Bubis und behielt leider Recht.

Als der Schriftsteller Martin Walser Jahre später davor warnte, dass die Juden die „Moralkeule“ schwingen würden, stand Bubis mit seiner Kritik an Walsers Haltung allein. Das verbitterte ihn. Doch unverdrossen setzte der Frankfurter sein Wirken fort. Vernachlässigte darüber seine Geschäfte.

Als ich im Sommer 1999 erfuhr, Bubis sei schwer erkrankt, meldete ich mich umgehend bei ihm. Er gab vor, ihm gehe es „besser“, zugleich bat er mich zu einem Interview in sein Haus. Er wünschte sich „ein ausführliches Gespräch“. Ich lud den „Stern“-Journalisten Michael Stoessinger dazu ein. Als ich Bubis sah, erschrak ich. Er war offensichtlich dem Tod geweiht. Doch sein Geist war klar wie stets.

Fünf Stunden lang berichtete er von seiner Verbundenheit mit Deutschland, aber auch von seinen zahllosen Rückschlägen. Immer noch sahen ihn selbst Politiker als Fremden an. Er bekam zu hören, Israel sei seine Heimat, der dortige Präsident sein Staatsoberhaupt. Habe seine Arbeit nicht geholfen, wollte Stoessinger wissen. „Ich habe nichts, fast nichts erreicht“, zog Bubis seine Lebensbilanz. Das war nüchtern und ehrlich.

Wenige Wochen später starb er. Hochgeehrt, doch seine Liebe zu Deutschland war auf wenig Gegenliebe gestoßen – auch wenn er viel Verständnis weckte. Ein typisches deutsch-jüdisches Schicksal. Man denke nur an den Frankfurter Ludwig Börne.

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