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Hase und Söder: Im bayerischen TV-Duell geht es zu wie in dem bekannten Märchen

Von Ausgerechnet die beiden, die nach aktuellen Umfragen als einzige eine Zweier-Koalition in Bayern bilden könnten, treffen sich zum Fernseh-Duell: CSU-Ministerpräsident Markus Söder und der Grüne Ludwig Hartmann.
Im TV-Studio: Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU, links) und der Grünen-Spitzenkandidat Ludwig Hartmann. Foto: Sven Hoppe (dpa) Im TV-Studio: Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU, links) und der Grünen-Spitzenkandidat Ludwig Hartmann.
München/Berlin. 

Zweierlei weiß der ausdauernde Zuschauer ganz sicher am Ende: Bayern ist die Insel der Seligen – und der Herr Hartmann kein Kirchenmitglied. Was dazu führt, würde er Ministerpräsident, dass er seinen Amtseid doch tatsächlich ohne „so wahr mir Gott helfe“ spräche. Warum das Publikum das wissen muss?

Weil der Bayerische Rundfunk (BR) eben in Bayern daheim ist – und dort 76 Prozent der Einwohner entweder katholisch (viele) oder evangelisch (auch einige) sind. Eventuell etwas weniger, die Tendenz ist selbst hier, wie überall in der Republik, fallend – und die Zahlen sind von 2011, aktuellere gibt es nicht. Jedenfalls sind das 39 Prozent mehr Kirchenmitglieder als in Berlin. Und in Berlin, auch das lernt das Publikum an diesem Abend, so es vorm Fernseher sitzt oder dem Laptop oder der vom Beamer bestrahlten Wand, ist das Chaos zu Haus’.

Im Freistaat erfahren das mit Berlin am Mittwochabend 740 000, weitere 190 000 lernen es im Rest der Republik; insgesamt ist das sogenannte „Duell“ von Ministerpräsident Markus Söder (CSU) mit dem grünen Spitzenkandidaten Ludwig Hartmann ein Quotenknaller. 17,6 Prozent zwischen Hof und Passau, wie es gerne heißt, wenn das Land von Nord bis Süd ausgemessen wird. Da kann die Konkurrenz von Johannes B. Kerner bis Mario Barth aber einpacken.

CSU abgestürzt

Jenseits von Bayern wird der weiß-blaue Freistaat ja für den Hort der unendlichen christsozialen Alleinherrschaft gehalten. In Bayern selbst allerdings bröckelt die Gewissheit gerade; vor allem im Franz-Josef-Strauß-Haus, der CSU-Zentrale. Allein im September sind die Werte von demütigenden 36 Prozent auf noch demütigendere 34 gestürzt; letztere taggenau zum Duell. Die Differenz zum Ergebnis von 2013 liegt jetzt für die CSU bei 13,7 Prozent.

Schlimmer geht es nur noch der SPD, deren Anhängerschaft sich von 20,6 verloren hat auf irgendwo zwischen 11 und 13. Werte halbiert, abgestürzt auf Rang drei, bestenfalls. Deshalb – so hat der BR zum Zorn der Genossen entschieden – darf auch nicht die sozialdemokratische Spitzenfrau Natascha Kohnen mit Markus Söder streiten, sondern eben Ludwig Hartmann. Denn die Grünen haben ihr 8,6-Prozent-Resultat auf 16 bis 18 Prozent etwa verdoppelt und halten Rang zwei wie zementiert.

Dass die ehemalige Gaszählerwerkstatt der Münchner Stadtwerke mit Parkett und riesigen Glastüren eher Schloss-Atmosphäre ausstrahlt: Besser als in Berlin, würde Söder sagen, wo ja selbst ein nagelneuer Flughafen Ruinencharakter hat. Die Hauptstadt ist an diesem Abend sein bevorzugtes Bashing-Opfer. „Solche Verhältnisse wie in Berlin“, ätzt er bei Thema 3, dem Zustand der großen Koalition, zu der die CSU ja gehört, „das tägliche Sich-Zerfleischen…“ Eine Brillanzvorlage für Hartmann. „Das Chaos in Berlin“, fährt er dazwischen, „hat doch einen Namen: Horst Seehofer!“

Immer schon da

Es ist einer der seltenen Momente, in denen der Grüne dem Schwarzen voraus ist. Der größere Teil der rund fünf Viertelstunden funktioniert nach dem Prinzip Hase gegen Söder. Ob beim Wohnungsmangel, bei der Familienförderung oder beim Umweltschutz: Was Hartmann auch anprangern und als Gegenstrategie anpreisen mag – immer behauptet Söder, er und die CSU täten das schon. „Es passiert, was Sie fordern“, sagt er einmal, „aber noch eine Menge mehr.“ Und klingt in einem fort wie der Igel im bekannten Märchen: „Ick bün all dor.“

Nicht alles ist wirklich wahr. Die angeblichen fünf Jahre für Baugenehmigungen im SPD-regierten München sind um vier Jahre und gut acht Monate übertrieben. Und Bayern ist auch nicht mehr das „Öko-Energie-Land Nummer eins“, sondern ins Mittelfeld abgerutscht. Nur: Wer da draußen auf den Sofas weiß das?

Und wer widersteht auf Dauer all den Hymnen auf „das sicherste Land“, das „erfolgreicher als andere“ ist? Vielleicht alle, die wie Hartmann finden, „das Kreuz gehört den Gläubigen und nicht dem Staat“, der auf Söders Erlass Kruzifixe in alle freistaatlichen Einrichtungen drängt.

Der Fixere an diesem Abend ist Hartmann, dem vor lauter Schnellsprechen und Söder-Einholen fast der Atem nicht reicht. Der Gerissenere aber ist Söder, der unbeliebteste Regierungschef der Republik laut jüngster Umfrage. Ausgerechnet er, der Liebhaber des Brachialen, gibt den Wohlerzogenen. „Meine Frau hat mir gesagt, ich soll mich höflich benehmen, also mach’ ich das auch.“

Man wüsste gern, wie viele der knappen Million auf der Couch schallend gelacht haben.

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