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Joints statt Schokolade: In der Schweiz wollen die Grünen Cannabis legalisieren

Für einige ist Cannabis nicht gefährlicher als Alkohol. Deshalb betrachten sie das formell immer noch bestehende Verbot als spießig. In Deutschland warnen Ärzte davor, den Joint zu verharmlosem weil der suchterregende und aufputschende THC-Gehalt dreimal so stark ist wie in alten Hippie-Zeiten. In der Schweiz ist die Lage etwas anders.
Sommer, Park und Joint sind für viele junge Leute synonym: Experten warnen vor Verharmlosung des Cannabis-Rauchens: In der Schweiz wird jetzt weniger gefährliches Gras angeboten. Der „Joint“ auf unserem Foto enthält nur Tabak. Foto: Dieter Hintermeier Sommer, Park und Joint sind für viele junge Leute synonym: Experten warnen vor Verharmlosung des Cannabis-Rauchens: In der Schweiz wird jetzt weniger gefährliches Gras angeboten. Der „Joint“ auf unserem Foto enthält nur Tabak.
Zürich. 

Ist Cannabis eine Droge mit weitreichenden Psychoeffekten oder nur ein nettes Wohlfühlmittelchen? Die Frage spaltet die Leute in vielen Ländern. Jetzt auch die Schweiz – wieder einmal muss man sagen. Dafür sorgen die Grünen. Anfang Mai lancierten sie im Parlament in Bern eine Initiative. Das Ziel ist klar, der Konsum von Haschisch soll erleichtert oder in ihren Worten „entkriminalisiert“ werden. „Mein eigenes Kiffen ist verjährt“, bekannte unlängst der Grünen-Vizepräsident und Parlamentsabgeordnete Bastien Girod, aber nun müsse der Konsum aus den dunklen Ecken der Illegalität geholt werden.

In der Schweiz mit ihren gut acht Millionen Einwohnern greifen schätzungsweise 500 000 Menschen zumindest gelegentlich zu „Gras“, wie die Droge gerne verharmlosend genannt wird. Eigentlich verstößt der Genuss eines Joints gegen das Gesetz. Alle Versuche, dies zu ändern, sind bisher gescheitert. Nach der Jahrtausendwende versenkte der Nationalrat, in Bern, eine Gesetzesrevision, wenn auch nur knapp. Eindeutig fiel das Votum der Bevölkerung aus. 2008 sprachen sich die Stimmbürger in einer Volksabstimmung mit 63 Prozent unmissverständlich gegen eine Legalisierung von Cannabis aus.

Allerdings franst das Verbot an den Rändern aus. Wer seit 2013 mit weniger als zehn Gramm erwischt wird, kommt mit einer Ordnungsbuße von 100 Franken davon; das entspricht der Buße für einen leichten Verkehrsverstoß. 2015 war das knapp 23 000 Mal der Fall, die Täter sind damit aber nicht vorbestraft. Zugleich werden die Städte aktiv. Basel, Bern, Genf und Zürich dringen auf Genehmigung für Pilotprojekte zur kontrollierten Abgabe von Cannabis, um den Schwarzmarkt auszutrocknen.

Politisch können die Befürworter einer Hasch-Legalisierung auf die Grünen bauen, die Gegner auf die nationalkonservative Schweizerische Volkspartei (SVP). Dazwischen gibt es im bürgerlichen Lager viele Schattierungen. In Teilen der FDP stößt die Initiative der Grünen aus Liberalisierungs- und Praktikabilitätsgründen auf Gegenliebe. „Die heutigen gesetzlichen Grundlagen bestehen den Reality-Check nicht“, meint zum Beispiel die Parlamentsabgeordnete und Direktorin der Zürcher Handelskammer Regine Sauter. Ihr hält die Parlamentskollegin Ruth Humbel von der Christlichdemokratischen Volkspartei (CVP) die relativ bescheidenen Bußen für kleine Kiffer entgegen. Das trage der Realität genügend Rechnung. Humbels grundsätzliche Besorgnis mildert das nur wenig. Die meisten Konsumenten seien Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 15 und 19 Jahren, betonte sie kürzlich in einer TV-Diskussionsrunde. Rund 9 Prozent in dieser Altersgruppe greifen nach Angaben der unabhängigen Stiftung „Sucht Schweiz“ zu der Droge. Es gehe um den Schutz der Jugend, schleuderte Humbel in der Sendung der Gegenseite mit Girod von den Grünen und Patrick Frey, einem in der Schweiz bekannten Schauspieler und Verleger, entgegen.

Dieser hatte zuvor gesagt, die Menschen hätten zur Steigerung ihres Wohlbefindens schon immer zu Drogen gegriffen. Im Übrigen würden die meisten Jugendlichen nach ihren Sturm- und Drangjahren die Joints eh zur Seite legen.

So harmlos, wie Frey es darstellt, ist Cannabis sicher nicht. Daran ändern auch internationale Liberalisierungsbestrebungen wie zuletzt in Uruguay und Kanada nichts. Die Altersuntergrenze für den Kleinverbrauch soll in Kanada bei 18 Jahren liegen, Ärzteorganisationen empfehlen 21 bis 25 Jahre. Das Suchtpotential verbirgt sich laut „Sucht Schweiz“ im Inhaltsstoff Delta-9-Tetrahydro-cannabinol (THC). Dies hat seit einiger Zeit Anbieter auf den Plan gerufen, die „legales Gras“ anbieten. Es enthält zehn bis zwanzig Prozent des entspannend wirkenden Stoffes Cannabidiol (CBD), aber nur 0,3 bis 0,7 Prozent THC und damit unterhalb der Unbedenklichkeitsgrenze des Schweizer Betäubungsmittelgesetzes von 1 Prozent. Die Behörden stufen die CBD-Raucherware wie Zigaretten ein. Agi Petrova, die zusammen mit ihrem Partner in Zürichs zentralem Ausgehviertel den Laden „Green Passion“ betreibt, sagt, sie habe Kunden von (der gesetzlichen Altersuntergrenze) 18 Jahre bis 84 Jahre. Harte Cannabis-Befürworter stimmt die Ersatzlösung nicht zufrieden. Girod stellte daher in der Fernsehsendung klar, auch bei einer Annahme des Grünen-Antrags werde man Cannabis künftig sicher nicht einfach im Supermarkt kaufen können. Wahrscheinlich entscheidet am Ende wieder das Schweizer Stimmvolk. Hier deutet bisher nichts darauf hin, dass es seine Meinung gegenüber 2008 geändert haben könnte.

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