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Das übersteigerte Selbst: Interview: Warum Narzissmus auch in der Politik eine immer größere Rolle spielt

In vielen Ländern sind „starke Männer“ als Staatschefs wieder gefragt. Das hat etwas mit der Ausbreitung narzisstischer Tendenzen zu tun, meint Psychologin Bärbel Wardetzki. Im Gespräch mit Redakteurin Pia Rolfs erklärt sie, wie dieser Menschentypus im Privatleben und in der Politik verführt.
Ich bin der Größte – das ist das Motto von US-Präsident Donald Trump. Doch hinter dieser grandiosen Selbstdarstellung des „starken Mannes“, die viele Wähler verführt, verbirgt sich eigentlich ein beeinträchtigtes Selbstwertgefühl. Das meint Psychologin Bärbel Wardetzki. Foto: Michael Reynolds (EPA) Ich bin der Größte – das ist das Motto von US-Präsident Donald Trump. Doch hinter dieser grandiosen Selbstdarstellung des „starken Mannes“, die viele Wähler verführt, verbirgt sich eigentlich ein beeinträchtigtes Selbstwertgefühl. Das meint Psychologin Bärbel Wardetzki.

Wie würden Sie Narzissmus definieren?

WARDETZKI: Narzissmus ist eine Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls, der Identität und der Beziehungsfähigkeit. Menschen mit einer narzisstischen Struktur versuchen, diese Beeinträchtigung dadurch zu kompensieren, dass sie ein übersteigertes Bild von sich selbst aufbauen.

Hat jeder Mensch solche Anteile?

WARDETZKI: Ja. Alle Menschen versuchen, ein geschwächtes Selbstwertgefühl etwa durch Leistungen oder ihr äußeres Erscheinungsbild auszugleichen. Es gibt aber Abstufungen. Beim positiven Narzissmus haben die Betreffenden noch ein ganz gutes Selbstwertgefühl, auch wenn es mal schwankt. Beim pathologischen sind Menschen permanent auf der Suche nach Anerkennung und werden manchmal sogar gewalttätig, wenn sie gekränkt werden.

Wie zeigt sich narzisstisches Verhalten in einer Partnerschaft?

WARDETZKI: Etwa durch mangelndes Einfühlungsvermögen. Wenn etwa eine Frau ihrem narzisstischen Mann erzählt, dass sie gerade fast einen Fahrradunfall gehabt hat, nimmt er sie nicht in den Arm – sondern er würde gleich von seinem eigenen, viel schlimmeren Unfall vor einigen Jahren erzählen. Narzissten haben eine sehr egozentrische Selbstsicht und wollen immer im Mittelpunkt stehen. Wenn ein narzisstischer Mann einer Frau sagt, dass er sie liebt, dann nur, weil er etwas von ihr will. Aber natürlich gibt es auch weibliche Narzissten.

Bei welchen Menschen kann der Narziss damit durchkommen?

WARDETZKI: Viele Leute lassen sich von Narzissten blenden, weil diese oft sehr eloquent und anziehend sind. Besonders gefährdet sind aber diejenigen, die sich selbst minderwertig fühlen. Denn für sie verkörpert der Narziss das, was sie selbst gern sein würden. In der Psychologie sprechen wir von Komplementärnarzissten.

Wie übt der Narziss Macht über sie aus?

WARDETZKI: Etwa dadurch, dass er sie immer im Ungewissen lässt und unberechenbar bleibt. Dadurch lassen sich unsichere Menschen leicht durcheinanderbringen. Im Extremfall kommt es dann zum „Gaslighting“ – dabei wird dem anderen suggeriert, dass das, was er denkt und woran er sich erinnert, gar nicht stimmt.

Sie übertragen diese Mechanismen auf Donald Trump, Erdogan oder Putin. Warum ist dieser Politikertypus derzeit so erfolgreich?

WARDETZKI: Viele Leute sind von der Politik enttäuscht und demokratiemüde, die großen Parteien unterscheiden sich ja kaum noch. Die so genannten Abgehängten fühlen sich nicht mehr vertreten und haben eine Sehnsucht nach einem „starken Mann“, der ihnen verspricht, sich um alles zu kümmern. Dann müssen sie selbst nichts tun.

Sind die Wähler dann alle Komplementärnarzissten?

WARDETZKI: Zum Teil schon. Viele sind gekränkt von ihrer schwierigen Lebenssituation, etwa als Alleinerziehende oder in prekären Jobs. Das alles bedeutet eine Schwächung des Selbstwerts. Dann glauben etwa Amerikaner, dass jemand wie Trump als Geschäftsmann einen besseren Überblick über die Wirtschaftssituation hat. Aber das stimmt natürlich nicht.

Welche Rolle spielt denn Verführung dabei?

WARDETZKI: Verführung ist ein wichtiges Merkmal von narzisstischen Strukturen und beim Erreichen von Macht. Sie suggeriert dem anderen: „Ich kann dir deine geheimsten Wünsche erfüllen, wenn du mir folgst.“ Narzisstische Menschen haben die Fähigkeit, herauszufinden, was der andere braucht. Die haben empathische Menschen auch. Aber Narzissten bringen den anderen dazu, das zu tun, was er eigentlich gar nicht will. Sie verführen ihn nur so lange, wie sie ihn brauchen, um eine Wahl zu gewinnen, einen Job zu bekommen oder einen Partner zu erobern. Danach lassen sie ihn im Regen stehen.

Wie verführt denn der Politiker genau?

WARDETZKI: Trump zum Beispiel hat den abgehängten Metallarbeitern versprochen, sie wieder am Reichtum zu beteiligen. Passiert ist aber gar nichts. Und es handelt sich ja auch um strukturelle Probleme, die er gar nicht so einfach lösen kann. Er hat sie jedoch an der Stelle gepackt, wo sie für einen Heilsbringer empfänglich waren. Eine weitere Variante narzisstischer Verführung besteht in der Demonstration von Show, Prunk und Pomp. Auch das beherrscht Trump.

Was hat Narzissmus mit falschen Informationen zu tun?

WARDETZKI: Es werden viele Lügen benutzt, um die eigene Macht zu erhalten. Das ist nicht nur in der Politik so, sondern auch im Privatleben. Ein narzisstischer Mann, der fremdgeht, wird das seiner Frau gegenüber immer leugnen und den Spieß umdrehen – ihr etwa vorwerfen, dass sie grundlos eifersüchtig ist. Nicht nur weil er seine Frau nicht verlieren, sondern weil er vor allem nicht schlecht dastehen will. Das ist für ihn noch schlimmer. Narzissten können nicht aushalten, wenn ihnen jemand ein Fehlverhalten nachweist.

Sind die sozialen Medien so etwas wie der Brandbeschleuniger des Narzissmus?

WARDETZKI: Ganz sicher. Jeder hat da das Bedürfnis, sich darzustellen. Mancher gibt da sein gesamtes Leben preis, das hat eindeutig etwas Narzisstisches. Aber auch beim Handygespräch in der U-Bahn werden inzwischen alle Intimgrenzen aufgeweicht. Da erzählen die Leute ihre privatesten Erlebnisse, und alle anderen müssen zuhören.

Welche Rolle spielt die Selbstoptimierung für den Narzissmus?

WARDETZKI: Eine große. Jeder muss sich heute optimieren, damit die anderen ihm applaudieren.

Verliert aber derjenige, der zum Beispiel beim Joggen ständig seine Schritte zählt, nicht die Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung?

WARDETZKI: Ja, weil dann sein Maß außen ist und nicht in seinem Gefühl. Beim Narzissmus geht es auch gar nicht darum, sich gut zu fühlen, sondern besser zu sein als die anderen. Wenn man aber das Gefühl für sich selbst verliert, kann das krank machen.

Haben wir heute verlernt, ein wirkliches Selbstwertgefühl zu entwickeln und das von innen zu regulieren?

WARDETZKI: Wir haben so viele Möglichkeiten, es durch Äußeres zu bestimmen, dass die Gefahr besteht, dass wir es von innen nicht mehr steuern.

Werden als Folge dessen in den nächsten Jahren noch mehr narzisstische Politiker an die Macht kommen?

WARDETZKI: Es gab immer einzelne narzisstische Politiker und wird immer welche geben. Im Moment ist es aber auf der Kippe: Werden wir das demokratische System behalten, oder wird es abgelöst von Diktatoren? In der EU haben wir gerade noch die Kurve gekriegt, weil Marine Le Pen nicht gewählt wurde. Aber bei Emmanuel Macron müssen wir auch abwarten, weil er sehr viel Macht bekommen hat. Und Macht fördert narzisstische Anteile. Im Moment sind die demokratischen Kräfte insgesamt noch etwas stärker. Wir können nur hoffen, dass es dabei bleibt.

 

Europa Verlag, Berlin – München – Wien – Zürich 2017, 176 Seiten, 12,90 Euro

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