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Sprachforscherin: Interview mit Elisabeth Wehling: „Schulz könnte das schaukeln“

Heute empfängt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die CDU-Chefin Angela Merkel, CSU-Chef Horst Seehofer und SPD-Chef Martin Schulz, um Auswege aus der Regierungskrise zu beraten. Im Gespräch mit Redakteurin Wiebke Rannenberg erklärt die Wissenschaftlerin Elisabeth Wehling, wie sich die SPD in der derzeitigen Lage vom Vorwurf der Verantwortungslosigkeit befreien könnte.
Elisabeth Wehling analysiert die Lage nach den gescheiterten Jamaika-Koalitionsverhandlungen. Foto: Karlheinz Schindler (dpa-Zentralbild) Elisabeth Wehling analysiert die Lage nach den gescheiterten Jamaika-Koalitionsverhandlungen.

Nach fünf Wochen Verhandlungen trat FDP-Chef Christian Lindner vor die Mikrofone der wartenden Medienleute und verkündete das Aus der Jamaika-Sondierungen. Hat er das geschickt gemacht?

ELISABETH WEHLING: Nicht so ganz. Zwar ist die FDP wie im Wahlkampf auch diskursiv in die Offensive gegangen, auch weil sie wusste, dass sie den schwarzen Peter zugeschoben bekommen. Christian Lindner sagte ja: Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren. Und er sprach davon, dass die Vertrauensbasis fehle, baute das Bild von einer drohenden schmutzigen Scheidung auf. Aber das hat nicht komplett gezogen. Grüne und CDU/CSU haben schnell eine gemeinsam Front gebildet und ein Gegennarrativ aufgebaut. Dabei haben sie die Rollen verteilt: Die CDU und Frau Merkel sind zurückhaltend geblieben. Die Grünen nicht so, Cem Özdemir sagt immer wieder in die Mikrofone: Die FDP hat „German Mut“ plakatiert, aber ich sehe hier „German Angst“.

Ein Begriff hat derzeit Konjunktur: Verantwortung. Was sagt die Kognitionswissenschaftlerin dazu?

WEHLING: Da gab es sofort einen Framing-Konflikt zwischen der SPD und der FDP.

Was bedeutet noch mal Framing?

WEHLING: Framing läuft ständig in unserem Gehirn ab, es sind die neuronalen Strukturen, die unser Denken organisieren. Frames haben immer dann die größte Zugkraft im Gehirn, wenn sie möglichst konkret sind. Das Wort Verantwortung ist sehr abstrakt, es sagt unserem Gehirn erstmal nicht viel und muss semantisch ausgefüllt werden.

Und dazwischen bewegen sich SPD und FDP?

WEHLING: Ja, sie werfen sich gegenseitig vor, keine Verantwortung für das Land zu übernehmen. Ein recht abstrakter Vorwurf, der konkretisiert werden muss. Und da ist es insbesondere der SPD nicht gelungen, ihre Sicht auf die Verantwortung deutlich zu machen.

Könnte es denn gelingen? Oder ist der abstrakte Begriff Verantwortung der falsche, um auch die Gefühle der Menschen anzusprechen?

WEHLING: Ja, es könnte. Aber dafür hätte die SPD gleich nach Wahl viel intensiver auf einen Punkt konzentriert formulieren müssen: Wir können nicht die AfD als stärkste Kraft in der Opposition haben, deshalb gehen wir in die Opposition und sorgen für ein gesundes Gegengewicht. Denn der andere Grund, den Herr Schulz gleich nach der Wahl anführte – die Groko ist abgewählt, regieren wäre unverantwortlich - den kann man natürlich in Frage stellen. Zumal die SPD dann ja auch sagen muss, die Groko war nicht gut, aber unsere Politik war gut und verantwortlich für das Land. Das funktioniert nicht, man merkt einfach, wenn eine Geschichte nicht schlüssig ist.

Sprache und Politik

Elisabeth Wehling, geboren 1981 in Hamburg, ist Kognitionswissenschaftlerin an der University of California, Berkeley. Sie forscht unter anderem mit Methoden der Neuro- und Verhaltensforschung

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Wie kommt die FDP mit dem Vorwurf der Verantwortungslosigkeit klar?

WEHLING: Da sagen manche: Erst spuckt Christian Lindner große Töne, aber dann macht er einen Rückzieher. Das kommt er schwer raus.

Einen Rückzieher würde aber auch Schulz machen, falls er sich doch auf eine große Koalition einlässt. Quasi einen Rückzieher vom Rückzieher.

WEHLING: Aber er ist in der glücklichen Situation, dass er das schaukeln könnte. Die SPD könnte eine Heldengeschichte spinnen: Das Land muss regiert werden, denn Deutschland ist wichtig für Europa und die Welt. Und weil die anderen gescheitert sind, müssen wir jetzt die Verantwortung übernehmen. Denn diese Verantwortung, Deutschland zu regieren, ist wichtiger als die Verantwortung, die wir in der Opposition übernommen hätten. Aber wir müssen uns auch darauf verlassen können, dass FDP und Grüne sich zusammenraufen und den Oppositionspart in der besonderen Konstellation mit der AfD übernehmen.

Also Schulz als Retter der Nation?

Ja, er kann die Geschichte zu seiner Geschichte machen, in der er zwar damals recht damit hatte, in die Opposition zu gehen, er jetzt aber als der dasteht, der die komplizierte Situation auflöst.

Wird das so kommen?

WEHLING: Ich weiß nicht, ob das klappt. Im Moment herrscht ja eher internes Gezerre. Frau Nahles sagt so, Herr Schulz so und dann wird auch noch Olaf Scholz als möglicher was-auch-immer gehandelt. Da müsste sich die SPD auf eine diskursive Disziplin besinnen.

Es sollen ja auch die Mitglieder befragt werden, ob sie eine große Koalition wollen. Widerspricht das nicht der Heldengeschichte?

WEHLING: Nein. Wenn sie das alles gezielt und vorsichtig und gut navigieren würde, dann könnte die SPD daraus eine gute Geschichte machen. Sie könnten die Helden sein, die sagen, wir ziehen den Karren aus dem Dreck mit der Legitimierung unserer Mitglieder. Es darf aber nicht eine Geschichte werden wie: Wir beißen mehr oder weniger missmutig in den sauren Apfel. Oder: Wir sind für alles zu haben.

Vor der Wahl sagten Sie, die Menschen treffen ihre Wahl vor allem nach Moral- und Wertvorstellungen. Wie wirkt dieses Hin und Her auf die Wähler?

WEHLING: Kognitiv gesprochen ist das generell eher frustrierend.

Für alle Wähler gleich?

WEHLING: Nein. Wählerinnen und Wähler von Grünen und FDP zum Beispiel haben klare ideologisch-moralische Weltbilder, verkürzt gesagt ein neoliberales beziehungsweise ein stark fürsorglich geprägtes. Ich denke, aus diesem Verständnis heraus haben sich die Grünen so stark bewegt in den Verhandlungen. Sie haben gezeigt, sie wollen zumindest einige Prinzipien durchgesetzt sehen. Deshalb können grüne Wähler derzeit ideologisch-moralisch relativ gut dastehen, sie können sagen: Das Scheitern liegt nicht an unseren gewählten Vertretern, sie haben sich bemüht, entlang unserer Werte Kompromisse zu formulieren.

Und die FDP-Wähler?

WEHLING: Da gibt es zwei Typen: Überzeugte Neoliberale und die, die überspitzt gesagt vom Schlafwagenwahlkampf von Merkel und Schulz genervt waren. Die würden im Zweifelsfall bei Neuwahlen abspringen. Aber im streng geprägten Weltbild der Neoliberalen haben Kompromisse einen nicht so hohen Wert, da geht es auch stark um das Erhalten der eigenen Autorität gegenüber anderen. Und da kann Herr Lindner als ein Mann mit Prinzipien gelten.

Wie fühlen sich die, die für SPD oder CDU votiert haben?

WEHLING: Ich denke, ein echter SPD-Wähler, ein echter CDU-Wähler, ist in seinen moralisch-ideologischen Werten eher unangetastet und unbeeindruckt von dem, was derzeit vor sich geht. Er ist vielleicht von Hin und Her genervt.

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