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Dresdner Student will junge Menschen für politisches Engagement begeistern: Interview mit Eric Hattke: „Freiheit wirklich leben“

Der Dresdner Student Eric Hattke organisierte in seiner Stadt den Widerstand gegen Ausländerfeindlichkeit. Mit ihm sprach unser Reporter Dieter Hintermeier über die Bedeutung von Freiheit, politisches Engagement und eine offene Gesellschaft.
Jugendliches Engagement, wie es sein soll:  Schüler aus Frankfurt demonstrierten im September 2013 für die Sanierung ihrer Schule. Foto: Christian Christes Jugendliches Engagement, wie es sein soll: Schüler aus Frankfurt demonstrierten im September 2013 für die Sanierung ihrer Schule.

Herr Hattke, Sie waren kürzlich bei einer Veranstaltung der Evangelischen Akademie Frankfurt ein gefragter Gast. Was hat Sie in die Politik gebracht?

HATTKE: Ich wurde erst politisch aktiv, als ich mit meinem Studium begonnen habe. Vor allem durch studentische Themen im Studentenrat und auf Landesebene der Studierendenvertretung kam ich das erste Mal in Kontakt mit politischen Akteuren und Institutionen. Einen deutlichen Aufschwung meines Engagements gab es, als fremdenfeindliche Proteste in Dresden zunehmend an Größe gewannen. Die persönlichen Anfeindungen gegen mich waren mir, zugegeben, auch ein zusätzlicher Ansporn. Mir war es dabei wichtig zu zeigen, dass man nicht durch die Androhung von Gewalt mundtot gemacht werden kann. Viele, die ihre Meinung öffentlich äußern, werden bedroht, da bin ich natürlich kein Einzelfall. Die Projekte, die man verwirklicht und die anderen Engagierten mit denen man zusammen arbeiten darf, geben einem die nötige Energie, weiter zu machen.

Während der Akademie-Veranstaltung war der Begriff „Freiheit“ das Leitthema. Welche Relevanz hat das Thema auch im Hinblick auf die Anschläge in London am vergangenen Sonntag ?

HATTKE: Freiheit ist natürlich erst einmal ein großes Wort. Wirkliche Bedeutung bekommt dieses erst, wenn Freiheit wirklich gelebt wird. Ich glaube, dass einige Menschen das Ausmaß der Freiheit in der wir jetzt leben, nicht ertragen und nun gewaltsam dagegen vorgehen. Aus dem Choral hasserfüllter und propagandistischer Sprüche höre ich aus England vor allem einen heraus: „Jetzt erst recht“! Durch die Angriffe wird uns unsere Verantwortung zum Erhalt der Freiheit wieder bewusster. Attentate dürfen nicht dazu führen, dass wir unsere Art zu leben verraten und das ist nicht nur die Aufgabe der Politik, sondern jedes Einzelnen.

Apropos Einzelner? Welchen Eindruck hatten Sie vor Ihrem politischen Engagement von der Politik?

HATTKE: Bevor ich mich selbst aktiv eingebracht habe, hatte ich „die Politik“ als etwas weit entferntes wahrgenommen. Natürlich hatte ich mir auch nicht viele Gedanken darüber gemacht. Es war halt etwas, was da war, aber nicht viel mit mir zu tun hatte. Das war weder besonders positiv noch negativ konnotiert. Daher kann ich es auch gut nachvollziehen, wenn sich einige Menschen als unpolitisch betrachten oder meinen, Politik betreffe sie nicht. Erst wenn man aktiv wird, Erfahrungen macht, die zeigen, dass man etwas verändern kann, ändert sich das Verständnis von „der Politik“ nachhaltig. Und auf einmal wird ein „die von mir entfernte Politik“ zu „ich mache und bin daher Politik“.

Warum haben Sie sich keiner Partei angeschlossen, sondern einer Initiative?

HATTKE: Ich glaube das ist ein Ergebnis der Geschehnisse und weniger eine Entscheidung gewesen. Da ich im Vorstand eines gemeinnützigen Vereins (Atticus) bin und für die parteineutrale Initiative „Die Offene Gesellschaft“ arbeite, fürchte ich, es wäre momentan für diese Organisationen schädlich, würde ich mich einer Partei anschließen. Ich befürchte, dass viele wichtige und geschätzte Kooperationspartner keine Projekte mehr mit uns machen würden, da sie denken könnten, wir wären durch meine Parteizugehörigkeit, nicht neutral. Vielleicht ändert sich aber dazu meine Einstellung noch – sag niemals nie!

Was ist an solchen Initiativen besser, anders?

HATTKE: Ich würde nicht sagen, dass es per se besser ist. Es ist einfach ein anderer Weg auf die Gesellschaft zu wirken.

Haben Sie unter jungen Menschen eine Politikverdrossenheit festgestellt?

HATTKE: Während meiner Zeit als Engagierter in der studentischen Szene habe ich sehr oft gehört, dass manche sich damit rühmen, unpolitisch zu sein – selbst von gewählten Studierendenvertretern. Ein allgemeines Missverständnis, dass unpolitisch mit parteineutral gleichgesetzt wird und verhindert, dass man sich als politisches Wesen in einer Demokratie versteht.

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Zur Person: Der Engagierte

Eric Hattke (26) studiert derzeit an der Technischen Universität in Dresden Philosophie und Geschichte. Nach seinem Sprecheramt bei dem Netzwerk „Dresden für Alle“ gründete er den Verein

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Warum ist das so?

HATTKE: Aus eigener Erfahrung bin ich davon überzeugt, dass das Bachelor- und Mastersystem das soziale Engagement im Studium zerstört, da der Leistungsdruck aufgrund der engen Zeitpläne und der dichten Erfüllung von Klausuren, Referaten, Hausarbeiten und Co. relativ hoch ist. Andererseits gibt es auch sehr viele junge Menschen, die sich einbringen, neue Wege erkunden und unglaublich engagiert sind. Ich denke, es gibt in dieser Hinsicht eine ziemliche Spaltung der jungen Menschen in diejenigen, die sich gar nicht für Politik interessieren und die, die sehr viel Zeit und Kraft in ihr Engagement stecken.

Können Sie die Jugendorganisationen der Parteien empfehlen? Führen diese junge Leute in die Politik oder ist das nur etwas für Polit-Karrieristen?

HATTKE: Ich habe zu wenige Erfahrungen mit Jugendorganisationen der Parteien, da möchte ich mir kein Urteil erlauben. Um in einer Partei erfolgreich zu sein, denke ich, muss man das Spiel in und mit der Partei verstehen und ein Stück weit auch mitspielen. Manchmal ärgert mich das auch etwas. Wenn zum Beispiel bei Kandidatenwahlen, also beispielsweise beim Landesvorsitzenden einer Partei, nur eine Wahlmöglichkeit besteht, dann finde ich das zwar nicht per se undemokratisch, aber eben nicht wirklich pluralistisch und wird, meiner Meinung nach, nicht den Ansprüchen gerecht, die manche Parteien nach außen postulieren. Allgemein stört es mich aber auch, dass Menschen, die in der Politik arbeiten, oftmals nur darauf reduziert werden oder ihnen allein aus ihrem Beruf heraus ein schlechter Ruf angedichtet wird. Wir sind von einer Anerkennungskultur der politisch Tätigen noch sehr weit entfernt. Das schadet nicht nur den Politikern, sondern auch unserer Demokratie.

Über die „Fremdenfeindlichkeit“ im Osten und Ihrer Heimatstadt Dresden sind Sie zur Politik gekommen. Ist der Osten rassistischer als der Westen?

HATTKE: Ich glaube das kann und sollte man nicht verallgemeinern. Eine allgemeine Politikverdrossenheit gibt es in der ganzen BRD und die AfD hat ihre Wahlerfolge nicht nur im Osten gefeiert. Aber in Sachsen gibt es kaum Erfahrungen mit „dem Fremden“ und damit auch eine größere Angst vor dem Unbekannten und demzufolge auch mehr Möglichkeiten, dies zu instrumentalisieren. Eine Studie der Sächsischen Landesregierung ergab, dass 58 Prozent der Sachsen finden, dass die Bundesregierung durch zu viele Ausländer gefährlich überfremdet ist. Und das bei einem Ausländeranteil in Sachsen, der immer noch unter sechs Prozent liegen dürfte. Sicher hat auch die DDR ihre Spuren hinterlassen, aber meiner Meinung nach ist der Erfahrungsmangel eines der Hauptprobleme. Da braucht man Zeit, Geduld, Politiker mit Rückgrat und gute Vorbilder.

Was kann eine Stadt wie Frankfurt von Ihrer Dresdner Bewegung lernen?

HATTKE: Ich bin der Meinung, dass beide Städte voneinander lernen können. Dresden kann sicher bei vielen Themen von Frankfurt lernen, aber auch andersherum. Dass bei uns so schnell viele Menschen kamen, hat uns vor neue Herausforderungen gestellt, denen wir schnell und effektiv begegnen mussten, sicher nicht fehlerfrei. Die Ansätze sind vielfältig und genau darin besteht die Bereicherung. Das empfinde ich auch immer, wenn ich in anderen Städten bin und Projekte vorstelle, bei denen ich mitwirken durfte. Die Gedanken und Erfahrungsberichte werden ausgetauscht und bereichern den eigenen Horizont. Zum Beispiel, dass die evangelische Akademie in Frankfurt das Thema „Freiheit“ intensiv bearbeiten möchte finde ich spannend. Oft vergessen wir wie wichtig solche allgemeinen Werte für unser alltägliches Handeln sind. Vielleicht können wir aber auch ein wenig Gelassenheit von den Frankfurtern lernen. Eine sehr gute Freundin von mir, die bei Atticus stellvertretende Vorsitzende ist, hat einige Jahre in der Nähe von Frankfurt gelebt. Sie rühmt heute noch die Lebensart die sagt: „Wir raufen uns schon alle zusammen“. Wir Dresdner sind da manchmal etwas steif.

Sie sind, neben Ihrem Vorsitz für Atticus, beruflich der Botschafter der „Offenen Gesellschaft“ für die Region Sachsen. Hat diese bundesweite Initiative der „Offenen Gesellschaft“ auch in Frankfurt Fuß gefasst?

HATTKE: Am Tag der „Offenen Gesellschaft“, dem 17. Juni, laden bundesweit Privatpersonen, Verbände und Vereine mit uns gemeinsam zum Zusammenkommen und Essen ein. Dafür werden Stühle und Tische auf öffentlichen Plätzen bereitgestellt, um gemeinsam unsere Demokratie, Freiheit und Offenheit zu feiern. Dieser Tag soll auch die Möglichkeit geben, mit neuen interessanten Menschen ins Gespräch zu kommen und darüber hinaus durch weitere Projekte in Kontakt zu bleiben. Bisher haben sich in Frankfurt die verschiedensten Initiativen, angefangen von „Aufstehen gegen Rassismus“ – Region Rhein-Main über das Bockenheimer Depot bis hin zum ESS-Bahnhof Mainkur, an diesem Projekt beteiligt. Natürlich kann man auch als Privatperson einen Tisch anmelden und Menschen einladen. Dies geht ganz einfach auf unserer Web-Seite:www.die-offene-gesellschaft.de/17juni

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