Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer

Kriminalität: Interview mit Experte zu Messerattacken: „Angst vor Übergriffen wächst“

Mit dem Kriminalitätsforscher, Dirk Baier, sprach unser Reporter Dieter Hintermeier über die zunehmende Zahl von Messerattacken in Deutschland und die „Motivation“ der Täter .
Zwei junge Frauen legen Blumen und Kerzen für eine 17-Jährige in der Nikolaikirche in Flensburg auf die Stufen vor dem Altar. Das Mädchen war in seiner Wohnung mit einem Messer erstochen worden. Foto: Malte Christians (dpa) Zwei junge Frauen legen Blumen und Kerzen für eine 17-Jährige in der Nikolaikirche in Flensburg auf die Stufen vor dem Altar. Das Mädchen war in seiner Wohnung mit einem Messer erstochen worden.

Herr Baier, die Messerattacken häufen sich in Deutschland? Warum greifen immer mehr Kriminelle zum Messer?

DIRK BAIER: In einigen Städten und Region in Deutschland scheint es tatsächlich Anstiege bei den Messerangriffen zu geben. Was wir auf Basis von Befragungen von Jugendlichen wissen, ist, dass das Mitführen von Messern insbesondere bei männlichen Jugendlichen zunimmt. Das bedeutet aber nicht, dass sie diese Messer auch einsetzen. Aus einzelnen Vorfällen darf zugleich auch nicht auf einen ansteigenden Trend geschlossen werden. Derzeit ist es so, dass jeder Messerangriff in den Schlagzeilen landet; dies war sicher in der Vergangenheit nicht so. Die Sensibilität ist also stark gestiegen.

Was sind nun die Gründe für einen Messerangriff?

BAIER: Bezüglich der Gründe für das Messertragen gilt allgemein, dass diese einerseits mit sich geführt werden, um sich bei möglichen Angriffen wehren zu können. Hier könnte es sein, dass die Angst vor Übergriffen wächst. Andererseits werden Messer getragen, um Männlichkeit oder Wehrhaftigkeit zu präsentieren. Messer werden anscheinend heute häufiger in Gleichaltrigengruppen männlicher Jugendlicher als Mittel der Darstellung von Männlichkeit betrachtet.

Was macht diese Waffe so gefährlich?

BAIER: Messer sind sehr viel einfacher zu beschaffen als zum Beispiel Schusswaffen. Die leichte Zugänglichkeit ist sicher ein Problem. In unseren Jugendbefragungen hat sich gezeigt, dass fast jeder männliche Jugendliche ein Messer mit sich führt. Dies hat zur Folge, dass die Wahrscheinlichkeit generell recht hoch ist, dass in Konfliktfällen (wenn junge, aggressive Menschen aufeinandertreffen) Messer zugegen sind. Die Verfügbarkeit ermöglicht dann auch den Einsatz von Messern. Zwar gehe ich davon aus, dass junge Männer nicht Messer mit dem Vorsatz mit sich tragen, diese unter allen Umständen auch einsetzen zu wollen. In sich eskalierenden Konfliktsituationen wird dann aber doch schnell zu ihnen gegriffen, mit zum Teil dramatischen Folgen.

Was treibt die Täter an, die zum Messer greifen?

BAIER: Einerseits das Motiv, sich gegen mögliche Übergriffe zur Wehr setzen zu können, andererseits das Motiv, insbesondere in der Gleichaltrigengruppe sich beweisen zu wollen, Anerkennung zu erhalten. Es ist derzeit, so mein Eindruck, zu einer Mode geworden, dass junge Männer Messer tragen – ohne Messer gehört man nicht zu Gruppe. Dies ist ein starkes Motiv für junge Menschen: Die Orientierung an den Gleichaltrigen und dem, was derzeit „cool“ und „in“ ist. Ich denke daher, dass es nicht irgendwelche psychischen Auffälligkeiten sind, die junge Männer zum Tragen von Messern motivieren, sondern Gruppennormen unter Gleichaltrigen.

Kriminalitätsforscher Dirk Baier Bild-Zoom
Kriminalitätsforscher Dirk Baier

Welcher Altersgruppe gehören die Messer-Täter an?

BAIER: Derzeit wird meines Erachtens noch zu wenig zwischen zwei typischen Messertaten unterschieden. Fokussiert wird zur Zeit erstens vor allem auf Messertaten, die sich im öffentlichen Raum ereignen und die Resultat von eskalierenden Konflikten, zum Teil auch von Alkoholkonsum sind. Hier sind es meist junge Männer im Alter zwischen 15 und 25 Jahren, die die Täter stellen.

Und der zweite Tätertypus?

BAIER: Der zweite Typus an Taten sind Messerangriffe in der Familie, die sogenannte häusliche Gewalt. Tötungen oder mit Tötungsabsicht ausgeführte Übergriffe gegen Partner beziehungsweise ehemalige Partner, Kinder oder andere Verwandte sind hier ebenfalls Resultat von Männlichkeitsbildern, Ehrvorstellungen und Besitzansprüchen. Hier treten dann auch ältere Täter in Erscheinung, das heißt diese Gewalt beschränkt sich nicht primär auf junge Männer.

Gibt es einen bestimmten Opfertypus, der mit einem Messer angegriffen wird?

BAIER: Das lässt sich direkt im Anschluss an die Typologie der zwei Messertaten beantworten. Beim zweiten Typus handelt es sich vor allem um Frauen, die sich trennen wollen, eine Auflösung der Beziehung suchen und damit Autonomie zeigen, die eine starke Kränkung für die Männer darstellt. Beim ersten Typus sind es vor allem andere Männer, die zu Opfern werden, wobei es sich um Zufallsopfer handeln kann; meist wird das Opfer aber aus ähnlichen sozio-kulturellen Milieus stammen wie der Täter, das heißt Opfer und Täter sind sich ähnlich.

Ist der Messerangriff ein Phänomen von bestimmten Ethnien?

BAIER: Das Messertragen und das Messereinsetzen kommt in allen ethnischen Gruppen vor, und dies deshalb, weil es in allen Gruppen Männer gibt, die ihre Männlichkeit durch Tragen solcher Waffen unterstreichen wollen. Gleichwohl wissen wir auf Basis unserer Jugendbefragungen, dass zumindest das Tragen von Messern in einigen ethnischen Gruppen etwas verbreiteter ist. Hierzu zählen osteuropäische, südeuropäische und arabischstämmige Jugendliche. Es sei an dieser Stelle aber noch einmal betont, dass auch deutsche junge Männer recht häufig Messer mit sich führen.

Zur Startseite Mehr aus Politik

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse