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Andreas Kossert im Gespräch: Interview zum Thema Flüchtlingsdebatte: „Klappe halten und anpassen“

Von Die Flüchtlingsdebatte bleibt ein zentrales Thema der politischen Diskussion in Deutschland. Mit Andreas Kossert, Forschungsleiter der Bundesstiftung Flucht, Vertreibung und Versöhnung, sprach Dieter Hintermeier über die Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten und die aktuelle Flüchtlingssituation.
Ankunft von Vertriebenen 1946 in Karben. Viele fanden dort nach dem Krieg ein neues Zuhause. Ankunft von Vertriebenen 1946 in Karben. Viele fanden dort nach dem Krieg ein neues Zuhause.

Seit 2015 treibt die Republik die Flüchtlingskrise um. Jetzt hat sich Deutschland bereiterklärt, weitere 10 000 Flüchtlinge aufzunehmen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden 14 Millionen Deutsche vertrieben. Sind beide Situationen vergleichbar?

ANDREAS KOSSERT: Nein, die Situationen sind in keiner Weise vergleichbar, wenn es um historische Kontexte und Voraussetzungen geht. Die deutschen Vertriebenen hatten als Folge des Zweiten Weltkriegs keine realistische Rückkehroption. Das hieß: Ihr Bleiben im Westen war alternativlos. Allerdings gibt es universale Erfahrungsebenen, die Flüchtlinge und Vertriebene zu allen Zeiten, also auch heute, teilen, die unabhängig von Kontext und Zeitpunkt sind: Krieg, Gewalt, erzwungener Heimatverlust, Mittellosigkeit, Obdachlosigkeit, Ungewissheit, Lager, Ankommen in der Fremde, Trauer, Heimweh und auch Fragen von Integration oder Hoffnung auf Rückkehr.

Die Vertriebenen wurden im Westen nicht mit offenen Armen empfangen. Was mussten Sie erleiden?

KOSSERT: Nach 1945 herrschte im verbliebenen Deutschland wahrlich keine Willkommenskultur, als bis zu 14 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene in sehr kurzer Zeit eintrafen, salopp ausgedrückt, ohne Rückfahrkarte. Sie kamen in eine Gesellschaft, die von Krieg, Niederlage und Besatzung gezeichnet war. Bei den knappen Wohnungs- und Nahrungsressourcen wurden sie als unwillkommene Konkurrenz gesehen. Gleichzeitig war und ist es für Menschen, die weiterhin in ihrer gewohnten Umgebung, in ihrem sozialen Umfeld leben, kaum vorstellbar, was es heißt, alles zu verlieren und nur mit dem Leben davongekommen zu sein.

Wie reagierten die Alliierten darauf, dass die Deutschen ihre Landsleute nur widerwillig aufnahmen?

KOSSERT: Es waren Zwangseinquartierungen in die Häuser der Bevölkerung an der Tagesordnung. Kaum jemand öffnete freiwillig seine Tür. Gleichzeitig wurden auf den Dörfern regelrechte „Märkte“ abgehalten, wo die Vertriebenen von den Bauern gemustert und nur diejenigen bei ihnen aufgenommen wurden, die jung und kräftig für die Feldarbeit geeignet waren.

Inwieweit wirkte hierbei die Ideologie der Nationalsozialisten noch nach?

KOSSERT: Die NS-Ideologie wirkte weiter nach. Rassistische Stereotype von den „slawischen Untermenschen“, vom Osten Europas überhaupt, wurden reaktiviert, als Millionen bettelarme, zerlumpte Menschen ankamen. Ein Einfallstor für Diskriminierung und Ausgrenzung. „Polacken“, „Zigeuner“, „Rucksackdeutsche“ – das sind nur einige der damals verbreiteten Bezeichnungen für die Vertriebenen.

Wie reagierte der Staat? Welche Hilfe bekamen die Vertriebenen?

KOSSERT: Zunächst muss man einmal feststellen, dass niemand auf die Ankunft der Millionen Vertriebenen vorbereitet war, es gab nirgendwo einen „Masterplan“ in der Schublade. Die Vertriebenen kamen in den vier Besatzungszonen an, in denen die Rahmenbedingungen sehr unterschiedlich waren.

Schwierige Integration der Landsleute

Die Flucht und Vertreibung aus den deutschen Ostgebieten und aus Ostmittel-, Ost- und Südosteuropa in der Zeit von 1945 bis 1950 betraf 12 bis 14 Millionen Deutsche.

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Wie sahen diese aus?

KOSSERT: In der frühen Bundesrepublik kamen erst mit dem Soforthilfegesetz und dann dem Lastenausgleichsgesetz 1953 materielle Hilfen zur Anwendung, die den Vertriebenen wenigstens die unmittelbare Existenz sichern halfen. Viele konnten sich mit billigen Sonderkrediten später ein Siedlungshäuschen bauen, aber viele Vertriebene, insbesondere Ältere, lebten häufig noch Jahrzehnte materiell in prekären Verhältnissen.

Wie ging die spätere DDR mit ihren Vertriebenen um?

KOSSERT: In der sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR hat es nach anfänglichen Haushaltshilfen und dem Neubauernprogramm „Junkerland in Bauernhand“ keine staatliche Förderung der Vertriebenen gegeben. Vielmehr wurde die Anwesenheit von 4,3 Millionen Heimatlosen mit einem öffentlichen Tabu belegt.

Bei den heutigen Flüchtlingen ist immer wieder von Traumata die Rede. Sind die Traumata der deutschen Vertriebenen damit vergleichbar?

KOSSERT: Die Traumata sind durchaus vergleichbar: Erzwungene Flucht beziehungsweise Vertreibung aus der Heimat, Gewalterfahrungen durch Terror, Lageraufenthalte unter unwürdigen Bedingungen, der unbekannte schwere Weg, ohne zu wissen, wohin, Ankunft in der Fremde und kaum jemals eine wahre Willkommenskultur.

Ab welchem Zeitpunkt war die Integrationen der Vertriebenen in den beiden deutschen Staaten erreicht?

KOSSERT: Bei dem Begriff „Integration“ wäre ich vorsichtig. Er wird mir zu inflationär gebraucht und vor allem materiell definiert. Was wollten beide deutsche Staaten nach dem Krieg? „Integration“ ist ein sehr positiv aufgeladener Begriff, er klingt sehr freundlich, aber meinte man damals nicht eigentlich Assimilation nach dem Motto: Haltet die Klappe und passt euch an? In der DDR hat es ohnehin keinen öffentlichen Diskurs über Vertriebene gegeben, sie wurden totgeschwiegen. Im Westen feierte man überschwänglich auf Heimattreffen die „gelungene Integration“.

Wie haben die Vertriebenen Deutschland verändert?

KOSSERT: Die Vertriebenen haben mit ihrer bloßen Anwesenheit überkommene Strukturen aufgebrochen, etwa Hierarchisierungen, soziale Strukturen und Traditionen infrage gestellt und damit entscheidend zur Modernisierung des Landes beigetragen. Auch haben sie die homogenen konfessionellen Milieus aufgebrochen, sudetendeutsche Katholiken kamen nach Rügen und evangelische Ostpreußen nach Oberbayern: Das hat zu handfesten kulturellen Konflikten, mancherorts gar einem kleinen religiös motivierten „Kulturkampf“ geführt, dennoch hat es langfristig einen neuen Geist der Ökumene durch harte Alltagspraxis befördert.

: Andreas Kossert, „Kalte Heimat, Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945“, Pantheon-Verlag. 5. Auflage 2009, 431 Seiten, 14,99 Euro

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