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#neinheisstnein: Janine Wissler: "Jede Frau soll selbst entscheiden, was sie anzieht"

Schlagworte wie „#metoo“, „#aufschrei“ oder „#neinheisstnein“ bestimmten die Geschlechter-Diskussion der vergangenen Jahre. Janine Wissler, Fraktionsvorsitzende der Linken im hessischen Landtag, Jahrgang 1981, zieht eine vorläufige Bilanz. Mit ihr sprach Daniel Gräber.
Janine Wissler begrüßt, dass mehr Frauen es wagen, über ihre Erfahrungen mit Belästigungen zu sprechen. Foto: Paul Müller Janine Wissler begrüßt, dass mehr Frauen es wagen, über ihre Erfahrungen mit Belästigungen zu sprechen.

Unter dem Schlagwort „#metoo“ (Ich auch) berichten derzeit Frauen weltweit über sexuelle Übergriffe durch Männer. Eine ziemlich aufgeregte Twitter-Debatte. Was halten Sie davon?

JANINE WISSLER: Ich finde es gut, dass sich Frauen in diesem Rahmen trauen, über ihre Erlebnisse zu sprechen, die oft schon Jahre zurückliegen. Viele Frauen haben bisher geschwiegen – aus falscher Scham oder weil sie zunächst die Schuld bei sich selbst gesucht haben. Nun erkennen sie, dass es vielen so geht. Und gehen an die Öffentlichkeit. Das ist wichtig, damit sich etwas ändert.

Einige dieser Frauen sind Politikerinnen – wie Sie. Haben Sie im Hessischen Landtag auch schon unangenehme Erfahrungen mit Männern gemacht?

WISSLER: Nicht so, dass es körperlich bedrohlich wurde. Aber ich musste mir als junge Frau schon einige herabwürdigende Sprüche anhören, Anzüglichkeiten und Versuche, mir meine fachliche Kompetenz abzusprechen. Es ist leider immer noch so, dass Frauen mehr leisten müssen, um ernstgenommen zu werden.

Rosina Sphyridou (29) studiert Germanistik und Philosophie in Frankfurt.
#neinheisstnein Rosina Sfyridou berichtet, wie Frauen im Alltag ...

Wo hört ein Kompliment auf und wo fängt sexuelle Belästigung an? Unsere Autorin, Studentin der Germanistik und der Philosophie in Frankfurt, berichtet sehr persönlich aus ihrem eigenen Erleben.

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Wie sind Sie damit umgegangen?

WISSLER: Unterschiedlich. Manchmal habe ich einfach weggehört, manchmal habe ich mich dagegen gewehrt. In einem Fall sogar mit einer Beschwerde beim Landtagspräsidenten. Aber ich würde mir wünschen, dass sich in solchen Situationen nicht nur die Betroffene wehren muss, sondern dass auch andere eingreifen. Denn oft passiert so etwas in Gesellschaft. Ein Mann macht einer jüngeren Kollegin gegenüber einen anzüglichen Spruch. Die um ihn herumstehenden Kollegen merken, dass es der Frau unangenehm ist. Aber sie greifen nicht ein, sondern lachen.

Unter jüngeren Männern macht sich allerdings auch Verunsicherung breit. Manche trauen sich nicht mehr, einer Frau ein Kompliment zu machen – aus Angst davor, dann als Sexist zu gelten.

WISSLER: Es geht doch nicht um Komplimente. Wir reden hier von abfälligen und belästigenden Äußerungen bis hin zu sexuellen Übergriffen. Oft werden dabei auch bestehende Abhängigkeitsverhältnisse ausgenutzt. Und im Übrigen können auch Männer Opfer von sexueller Belästigung werden.

Die aktuelle Debatte in den USA trägt teilweise schon hysterische Züge. Müssen wir nicht aufpassen, dass aus einem berechtigten Anliegen keine Hexenjagd wird?

WISSLER: Diese Gefahr sehe ich nicht. Das viel größere Problem ist doch, dass viel zu viele Fälle unentdeckt bleiben, weil die Opfer schweigen und viele Vergewaltigungen erst gar nicht angezeigt werden.

In Deutschland wurde vor gut einem Jahr das Sexualstrafrecht verschärft. Kritiker befürchten, dass dadurch die Hürde für Falschbeschuldigungen sinkt. Der Fall des Wettermoderators Jörg Kachelmann oder des hessischen Lehrers Horst Arnold zeigen, wie vernichtend ein falscher Vergewaltigungsvorwurf sein kann.

WISSLER: Jeder Fall, in dem ein Mann zu Unrecht beschuldigt wird, ist ein Fall zu viel. Aber ich glaube nicht, dass es wegen des nun geltenden „Nein-heißt-Nein“-Gesetzes zu mehr Falschbeschuldigungen kommt. Der große Missstand war zuvor, dass sich Opfer körperlich wehren mussten, damit eine erzwungene Sexualhandlung als Vergewaltigung galt. Für Frauen, die in der Regel körperlich unterlegen sind, kann das in solchen Situationen aber noch gefährlicher sein. Dank der Gesetzesänderung reicht es nun aus, wenn sich ein Täter über den „erkennbaren Willen“ des Opfers hinwegsetzt. Das ist eine deutliche Verbesserung, die von vielen Frauen-Beratungsstellen und Organisationen gefordert wurde, und war überfällig.

„Nein heißt Nein. Immer. Ohne Ausnahme.” Dieser Grundsatz gilt bislang nicht im Sexualstrafrecht. Foto: Oliver Mehlis/Archiv
#neinheisstnein Zum Recht ist es ein harter Weg

Vor genau einem Jahr, am 10. November 2016, trat eine Gesetzesänderung in Kraft, die es leichter machen sollte, Sexualdelikte zu bestrafen. In der Praxis ist der Weg für die Opfer gleich schwer geblieben.

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Die Verschärfung des Sexualstrafrechts wurde auch unter dem Eindruck der Kölner Silvesternacht beschlossen. Nimmt mit der Einwanderung muslimischer Männer die Frauenfeindlichkeit in Deutschland zu?

WISSLER: Die Unterdrückung von Frauen ist ein Problem, das es in allen Gesellschaften und Religionen gibt. Viele Flüchtlinge haben ihre Heimatländer ja gerade verlassen, weil sie unterdrückt und verfolgt wurden. Wir sollten nicht so tun, als würden Sexismus und Homophobie in diese Gesellschaft importiert. Auch in Deutschland musste Gleichstellung erkämpft werden und es gibt bis heute Defizite, beispielsweise, dass Frauen weniger verdienen als Männer.

Als Feministin bereitet es Ihnen keine Bauchschmerzen, wenn Sie in Frankfurt eine vollverschleierte Frau hinter ihrem Ehemann herlaufen sehen?

WISSLER: Jede Frau soll selbst entscheiden, was sie anzieht. Keine Frau darf gezwungen werden, ein Kopftuch zu tragen oder sich zu verhüllen. Aber sie darf auch nicht gezwungen werden, es nicht zu tragen. Der Staat darf seinen Bürgern keine Kleidervorschriften machen. Selbst wenn eine Frau dazu gezwungen wird, sich zu verhüllen, ist es der völlig falsche Weg, sie aus der Öffentlichkeit zu verbannen oder sie gar mit Haftstrafen zu belegen wie in Belgien. Deshalb lehne ich ein Verschleierungsverbot wie jetzt in Österreich entschieden ab.

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