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Studie zur rechtsextremen Einstellung in Deutschland: Jeder zweite AfD-Wähler ist ausländerfeindlich

Von Eine aktuelle Studie belegt: Viele Wähler der Alternative für Deutschland (AfD) sind antisemitisch, fremdenfeindlich und Befürworter einer rechtsautoritären Diktatur.
Insgesamt wurden bundesweit 2.432 Personen im Alter zwischen 18 und 91 Jahren für die Studie befragt. Foto: dpa Insgesamt wurden bundesweit 2.432 Personen im Alter zwischen 18 und 91 Jahren für die Studie befragt. Foto: dpa
Orientiert man sich an den Ergebnissen der aktuellen „Mitte“-Studie der Universität Leipzig, könnte die Abkürzung „AfD“ der Partei Alternative für Deutschland auch für die Eigenschaften ihrer Wähler stehen: antisemitisch, fremdenfeindlich und diktaturbefürwortend. Wenn auch nicht annähernd so ausgeprägt wie bei den Anhänger der rechtsextremen NPD. Aber immerhin stärker als bei den Wählern der anderen Parteien.

Zu diesem Schluss kommt die aktuelle Studie „Die stabilisierte Mitte – Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2014“ der Uni Leipzig. Bei der repräsentativen Befragung stehen insbesondere Erkenntnisse über antidemokratische und rechtsextreme Einstellungen der Wähler und Nichtwähler im Mittelpunkt. Diese werden dann unter anderem mit Blick auf Bildungsstand, Alter oder Einkommen analysiert. Seit 2002 gelten die Studien der beiden Forscher Elmar Brähler und Oliver Decker daher als eine Art Fieberthermometer der Republik, denn sie verdeutlichen im Langzeitvergleich unter anderem, wie die Bürger über Ausländer oder Juden denken, welches Bild die Menschen von unserer Demokratie oder der Europäischen Union (EU) haben und welche Machtposition Deutschland ihrer Meinung nach zustehen sollte.

Nach der Piratenpartei (2010) wurde 2012 erstmals die Alternative für Deutschland als Parteipräferenz in die politische Sonntagsfrage eingearbeitet – „Was würden Sie wählen, wenn am nächsten Sonntag Wahlen wären?“ Auf diese Weise wurde erneut anhand einer repräsentativen Studie sichtbar, welches rechtsextreme Potenzial im AfD-Klientel schlummert. Forsa-Chef Manfred Güllner überraschen die aktuellen Resultate nicht: „Die Ergebnisse bestätigen, was auch wir hinsichtlich der AfD-Wähler festgestellt haben.“

An diesen Aussagen erkennen Sie rechtsextremes Denken

Für die Studie zum rechtsextremen Weltbild in Deutschland 2014 wurden den Befragten unterschiedliche Positionen zu sechs Themen-Schwerpunkten vorgelegt. Sie sollten den Positionen zustimmen, oder sie ablehnen.

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Allerdings: Rechtsextremes Gedankengut findet sich nicht nur bei den AfD-Wählern. Die Leipziger Ergebnisse offenbaren seit Jahren: Vorbehalte gegen Juden und Ausländer oder die Meinung, es gebe lebenswertes und lebensunwertes Leben, lassen sich parteiübergreifend und in sämtlichen Bevölkerungsteilen nachweisen.

Nicht nur AfD betroffen

Betrachtet man die Ergebnisse in Abhängigkeit der Parteipräferenz, die die Befragten angaben, weisen die Gruppe der AfD-Wähler und die Nichtwähler die höchsten Werte auf. Auch diejenigen, die noch unentschlossen sind, wen sie wählen würden, verfügen vergleichsweise über ein höheres rechtsextremes Potenzial. Sogar die CDU/CSU und SPD können sich nicht von Anhängern mit diesem Gedankengut freisprechen – und auch in der Linkspartei sind sie zu finden. Am stärksten ausgeprägt sind durch alle Parteien hinweg die ablehnende Haltung gegenüber Ausländern, gefolgt von der Ansicht, Deutschland stehe über anderen Nationen und müsse im Vergleich mit ihnen eine stärkere Rolle zustehen. Die drittmeisten Zustimmungswerte betreffen Vorbehalte gegen jüdische Mitmenschen.

Das "rechtsextreme Weltbild"

So funktionierte die Befragung zur Ermittlung der rechtsextremen Einstellung in Deutschland 2014.

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Neben dem rechtsextremen Einstellungspotenzial erfassen die Forscher in den „Mitte“-Studien auch den Anteil der Bevölkerung, der über ein sogenanntes „geschlossenes rechtsextremes Weltbild“ verfügt. Bundesweit trifft dieser Befund auf etwa jeden 20. Befragten zu. Das ist zugleich der niedrigste Wert seit Beginn der Umfragen: War von 2002 bis 2012 rund jeder Zehnte geschlossen rechtsextrem eingestellt, hat sich die Zahl derer 2014 fast halbiert.

Wähler wandern ab

Was wählt aber dieser rechtsextrem eingestellte Bevölkerungsanteil? Die Forscher haben dazu ermittelt, dass neben dem Teil, der ohnehin den Rechtsaußen-Parteien zugeneigt ist, die Übrigen mehrheitlich den großen Parteien angehören: So hat jeder fünfte Befragte angegeben, die CDU/CSU zu wählen. Jeder vierte von ihnen gab an, die SPD zu wählen. Mit Blick auf die AfD gab hier nur etwa jeder 20. an, die Partei auf dem Wahlzettel ankreuzen zu wollen. Aber auch das verwundert Forsa-Chef Güllner nicht. „Dass Wähler mit latent rechtsextremen Potenzial nicht zwangsläufig auch für rechtsextreme Parteien stimmen, ist nicht neu“, erklärt er. Trotz solcher Einstellungen sei die NPD laut Güllner für viele Wähler keine Alternative. Hinsichtlich der rechtskonservativen AfD sei das anders. Güllner: „Sobald es eine Partei gibt, die solche rechtsextremen Meinungen in der gesellschaftlichen Mitte und in der Oberschicht salonfähig macht, beginnt auch eine gewisse Abwanderung von CDU/CSU und SPD hin zu eben dieser einen Partei.“

Es folgen Ausführungen zu einzelnen Teilaspekten der Studie:

Unterschiede in Ost- und West

Schlüsselt man die Ergebnisse nach der Herkunft der Befragten auf, zeigt sich, dass diejenigen aus den neuen Bundesländern häufiger eine Diktatur befürworten und ausländerfeindlicher sind. Außerdem sind sie häufiger der Meinung, Deutschland stehe über anderen Nationen und müsse seine Interessen selbstbewusst und entschlossen durchsetzen („Chauvinismus“). Auch die Ungleichwertigkeit des Lebens („Sozialdarwinismus“), und somit den Kern der rechtsextremen Ideologie, befürworten die Befragten aus Ostdeutschland häufiger. Die Befragten aus Westdeutschland stimmten hingegen häufiger judenfeindlichen Aussagen („Antisemitismus“) sowie den Aussagen zur „Verharmlosung des Nationalsozialismus“ zu.

Arbeitslose sind deutlich anfälliger

Betrachtet man die Umfrage-Ergebnisse in Abhängigkeit des Erwerbsstatus’ so zeigt sich, dass Arbeitslose in nahezu allen Bereichen am häufigsten rechtsextreme Einstellungen vertreten – dicht gefolgt von den Ruheständlern. Am wenigsten rechtsextremes Potenzial steckt in den Befragten, die sich zum Zeitpunkt der Studie in einer Schul- oder Berufsausbildung befanden. Die Forscher nehmen mit Blick auf die Ergebnisse an, dass es bei den Zustimmungswerten zu einer Wechselwirkung zwischen dem Alter, der Bildung und dem Berufstätigkeit der Befragten kommt – ein 31 bis 60-jähriger Erwerbstätiger mit Abitur sollte demnach ein geringer ausgeprägtes rechtsextremes Potenzial aufweisen als ein vergleichsweise jüngerer oder älterer Arbeitsloser mit niedrigerem beziehungsweise gar keinem Abschluss.

EU-Skeptiker eher rechtsextrem gesinnt

Die Mehrheit der Befragten hat ein positives Bild von der Europäischen Union. Nur etwa bei jedem sechsten ruft die EU ein negatives Bild hervor. Fast die Hälfte aller Befragten ist der Ansicht, die Mitgliedschaft Deutschlands in der Staatengemeinschaft sei eine gute Sache. Nur etwa jeder zehnte ist der gegenteiligen Meinung. Allerdings: Etwa jeder dritte Befragte ist der Meinung, diese Mitgliedschaft habe für Deutschland keine Vorteile. Auffällig: Wer der EU skeptisch gegenüber steht, zeigt im Vergleich zu den anderen Befragten auch höhere Werte bei den Aussagen mit rechtsextremen Inhalt.

Jüngere verharmlosen Nationalsozialismus

Von den befragten Personen waren 442 zwischen 14 bis 30 Jahre alt, 1259 zwischen 31 bis 60 und 731 älter als 60 Jahre. Die Ergebnisse zeigen, das die Zustimmungswerte in den Dimensionen „Chauvinismus“, „Ausländerfeindlichkeit“ und „Antisemitismus“ mit zunehmendem Alter ansteigen. Die Aussagen im Themenfeld „Verharmlosung des Nationalsozialismus“ und zum „Sozialdarwinismus“ werden hingegen mit zunehmendem Alter abgelehnt. Die ausländerfeindlichen Tendenzen waren durch alle Gruppen hinweg am ausgeprägtesten.

Keine reine Männersache

An der Studie haben 1133 Männer und 1299 Frauen teilgenommen. Dass der Rechtsextremismus laut Experten und nicht zuletzt mit Blick auf die mutmaßliche Mittäterschaft von Beate Zschäpe bei den Morden der Zwickauer Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) kein rein männliches Problem ist, verdeutlicht der Blick auf die Zustimmungswerte der Frauen. Diese liegen alle samt nur knapp hinter denen der Männer – bei den Aussagen zum „Sozialdarwinismus“ sowie zur „Verharmlosung des Nationalsozialismus“ liegen die Frauen sogar hauchdünn vorne. Zeigte sich zum Beispiel jeder fünfte Mann ausländerfeindlich, war es bei den Frauen jede sechste. Forderte jeder sechste Mann, Deutschland stehe als Nation über anderen Ländern, stimmten diesen Aussagen jede neunte Frau zu.

Abneigung gegen Muslime gestiegen

Die Abneigung gegen Muslime ist im Zeitverlauf rasant gestiegen. Mehr als ein Drittel der Befragten ist aktuell der Meinung, Muslimen sollte die Einreise nach Deutschland untersagt werden. 2009 war es noch jeder fünfte. Fast jeder zweite gab in der aktuellen Studie an, sich durch die vielen Muslime manchmal wie ein Fremder im eigenen Land zu fühlen. Ähnlich stark stieg die Abneigung der Befragten gegenüber Sinti und Roma: Mehr als die Hälfte hätten ein Problem damit, wenn diese Personengruppe in ihrer Umgebung leben würde. Mehr als die Hälfte ist der Meinung, Sinti und Roma neigen zur Kriminalität. Den stärksten Anstieg verzeichnet die Haltung der Befragten mit Blick auf die Flüchtlingspolitik. War 2011 noch jeder Vierte der Ansicht, der Staat sollte bei der Prüfung von Asylanträgen weniger großzügig sein, sind es aktuell drei von vier Befragten, die dieser Meinung sind.

Bildungsgrad hat großen Einfluss

Von den 2432 Studien-Teilnehmern haben 470 Abitur. Die übrigen haben einen niedrigeren oder keinen Schulabschluss. Bei Personen mit einem Bildungsgrad niedriger als Abitur ist die Zustimmung zu rechtsextremen Aussagen in allen Dimensionen mehr als dreimal so hoch. So stimmte etwa jeder Fünfte ohne Abitur den ausländerfeindlichen Positionen zu. Dass Deutschland einen höheren Stellenwert im Vergleich zu anderen Nationen haben sollte, meinte jeder sechste.

Christen häufiger antisemitisch

Von den Befragten gehören 905 der evangelischen und 773 der katholischen Kirche an. Keine Konfession haben 687 Personen. Die Erhebung zeigt, dass Katholiken mit Ausnahme der Dimension „Sozialdarwinismus“ in allen anderen Bereichen häufiger rechtsextreme Positionen vertreten. Personen ohne Konfessionen stimmten im Vergleich mit den Angehörigen der beiden großen christlichen Glaubensrichtungen seltener antisemitischen – also judenfeindlichen – Aussagen zu. Katholiken und Protestanten lagen in dieser Dimension nahezu Kopf an Kopf. Einzig in der Dimension „Sozialdarwinismus“ waren die Konfessionslosen einen Hauch rechtsextremer eingestellt.

 
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