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Früherer Außenminister: Joschka Fischer wird heute 70 Jahre alt

Von Er ist der gelebte „Marsch durch die Institutionen“, den Rudi Dutschke gefordert hatte: Joschka Fischer führte die Grünen in die Regierungsverantwortung.
Joschka Fischer Foto: Soeren Stache (dpa) Joschka Fischer
Frankfurt. 

Anfang Januar 2001 wurde Deutschland von einem Foto geschockt: Es zeigte den amtierenden Bundesaußenminister Joschka Fischer, wie er als junger Mann am 7. April 1973 in Lederkluft und mit Motorradhelm einen Polizisten verprügelt. Unmittelbar nach der Veröffentlichung des Fotos im „stern“ forderten Politiker aus der oppositionellen CDU den Rücktritt des Grünen-Politikers.

Aber Fischer, der heute 70 wird, überstand damals die Krise. Bei schwächerer Reputation wär es eng geworden. Doch er saß in seiner Partei fest im Sattel. Ihn verband eine enge Zusammenarbeit mit Kanzler Gerhard Schröder (SPD), hatte zudem eine große Akzeptanz in der Bevölkerung. Das hing mit seiner bewegten Vita zusammen. Ein Mann, der sich ohne Schulabschluss hochgekämpft, der sich vor seiner politischen Karriere als Buchhändler und Taxifahrer durchgeschlagen hat: Das imponierte den Deutschen, die zwar meist brav bleiben, sich aber innerlich gerne als verhinderte Abenteuer fühlen und „echte Kerle“ bewundern.

Fischer und Schröder – die beiden waren wie die Lümmel von der letzten Bank, die alle Streber überholt haben und ihre auf der Straße erlernten Tricks und Kniffe jetzt in der ersten Reihe zum Wohle der Republik einsetzten. Und wirklich: Ohne das Selbstbewusstsein der beiden wäre Deutschland wohl 2003 mit US-Präsident George W. Bush in den Irak-Krieg gezogen, wie es die damalige Oppositionschefin Angela Merkel (CDU) wollte.

Zugpferd der Öko-Partei

Letztlich passte es zu Fischer, dass er, konfrontiert mit den Prügel-Fotos, halb reuig-zerknirscht, halb augenzwinkernd-verharmlosend über seine militante linke Vergangenheit sprach. Gerade die hatte ihm ja auch die Reputation gegeben, als geläuterter Linker die Grünen vom Rand der Gesellschaft in die Regierung zu führen. Fischer war der erste Grüne in einer Landesregierung, sein Amtseid von 1985 als hessischer Umweltminister in Turnschuhen ist legendär. Und er war das Zugpferd der Öko-Partei bei der Bundestagswahl 1998, in der Rot-Grün triumphierte.

Seit Fischer nach der Wahlniederlage Schröders 2005 regulär aus dem Amt schied, gibt er gern den „elder statesman“. In seinem aktuellen Buch macht er sich Sorgen um die Zukunft Europas. Fischer ist ungeachtet seines gravitätischen Habitus’, den er sich angewöhnt hat, kein klassischer Gelehrter, sondern Autodidakt. Als er während der 1968er-Osterunruhen aus Stuttgart nach Frankfurt kam und sogleich mitdemonstrierte, war er noch ein vollkommen unbeschriebenes Blatt. „Fischer kam und hat langsam seinen Platz gesucht“, erinnert sich sein späterer Freund und Weggefährte Daniel Cohn-Bendit, der 1968 als Pariser Studentenführer schon ein Politstar war.

Aber auch Fischer lernte schnell, las viel und hörte beim Cheftheoretiker der Frankfurter Schule: Theodor W. Adorno. Doch ihn interessierte nicht nur die Theorie, er wurde prügelnder Aktivist, seine „Putzgruppe“ war legendär.

Schon als junger Mann strahlte er eine natürliche Autorität aus. Im alternativen Frankfurt um 1980 war Fischer eine Respektsperson, fast eine Art linker Pate. Wenn er mit Freunden im Bockenheimer „Stattcafé“ saß, sah man gleich, dass er der Chef der Gruppe war.

Farbbeutel abbekommen

Mit seiner rhetorischen Urgewalt brachte Fischer später ganze Grünen-Parteitage auf seine Linie. So zum Beispiel als er 1999 als frischgebackener Außenminister im Gegensatz zum Bauchgefühl seiner Partei für einen Bundeswehr-Einsatz im ehemaligen Jugoslawien warb. Es galt, die Kosovo-Albaner vor den Serben zu schützen. Fischer bekam einen Farbbeutel an den Kopf, setzte sich aber durch. Militärische Gewalt für den guten Zweck. Diese Formel fiel Fischer nicht schwer. Ein Pazifist war er nie.

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