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Ganz anders als die USA: Kanada: Die liberale Bastion

In Kanada betreibt Justin Trudeau eine besonders weltoffene Politik. Damit entfernen sich die beiden nordamerikanischen Staaten weit voneinander.
Kanadas junger Premier Trudeau Foto: GIANLUIGI GUERCIA (AFP) Kanadas junger Premier Trudeau
Ottawa. 

Seit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten haben viele liberale Amerikaner einen neuen Sehnsuchtsort. Es ist der nördliche Anrainer Kanada. Der Gegensatz könnte größer nicht sein: Hier die sich nach innen kehrenden USA, ab Januar geführt von einem 70 Jahre alten Staatsoberhaupt, dort der betont liberale Nachbar unter dem Mitvierziger Justin Trudeau, seit einem Jahr Regierungschef. Der Quereinsteiger Trump trifft auf den Sohn des früheren Premiers Pierre Trudeau und damit einen Mann des Establishments. Unter den Staats- und Regierungschefs der Industrienationen verfolgt er mit die weltoffenste Linie, wie zuletzt der Abschluss des Freihandelsabkommens Ceta mit der EU zeigte. „Die Freiheit zieht nach Norden“, titelte der britische „Economist“ schon vor den Wahlen in den Vereinigten Staaten.

Kanada empfinde Vielfalt als Stärke. Sie verhelfe zu neuen Ideen, zum Beispiel für die digitiale Revolution, hatte Trudeau kurz nach der Amtsübernahme auf dem Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos Ende Januar verkündet. Die Bemerkung zielt nicht zuletzt auf die Einwanderung. Das Land zehrt neben seiner Größe natürlich davon, dass Einwanderer auf der Suche nach einem besseren Leben von weit her kommen und nicht direkt über die Grenze wie die Mexikaner in die USA. Das erleichtert die Kontrolle. Der Ausländeranteil von rund einem Fünftel ist gewollt. Zuletzt hieß die kanadische Regierung in einem Jahr 321 000 Einwanderer willkommen, das ist knapp ein Prozent der Bevölkerung. Und das Profil hat sich geändert. Der Anteil der Europäer ist auf 30 Prozent geschrumpft. Heute dominieren Leute aus Asien und dem Nahen Osten. Kanada, wo in vielen Provinzen die Geburtenraten negativ sind, versteht sich schon lange als Einwanderungsland. Das hierzu in den sechziger Jahren entwickelte Quotensystem betrachten viele Länder als Vorbild. Einwanderungswillige können in dem System Punkte sammeln, wenn sie eine gute Ausbildung haben, berufliche Qualifikationen nachweisen, schon gearbeitet haben und Englisch oder Französisch sprechen. Das System steht nicht isoliert im Raum, sondern ruht auf einer selektiven „Willkommenskultur“, das politische Flüchtlinge einschließt. Die knapp 33 000 Syrer, welche die Regierung Trudeau bisher aufnahm, begrüßte der Regierungschef sogleich als „neue Kanadier“ – die allerdings zuvor von der Einwanderungsbehörde eingehend auf einen möglichen Terrorismusverdacht geprüft wurden. Zugleich ist unverkennbar, dass die französischsprachigen Kanadier gegenüber Zuwanderern reservierter sind. Dem Multikulti der englischsprachigen Landsleute setzen sie ihre „Leitkultur“ entgegen.

Die Tatsache, dass der US-Nachbar bisher von einem großen Terroranschlag verschont blieb, stützt die relativ liberale Stimmung im Land. Trudeau als Nachfolger des konservativen Stephen Harper trägt das seine dazu bei. Er steht auf festem Grund: Internationale Vergleiche zeigen, dass die Kanadier mit ihrem Leben überdurchschnittlich zufrieden sind. Die Armut ist in den vergangenen zwanzig Jahren deutlich eingedämmt worden. Zwar steigt auch in Kanada die Ungleichheit in den Einkommen, aber im sogenannten Gini-Koeffizienten, mit dem üblicherweise die Ungleichheit gemessen wird, schneidet das Land weit besser ab als die Vereinigten Staaten (wenn auch etwas schlechter als Deutschland). Es gibt nicht jenes große Reservoir an zu kurz Gekommenen, das Trump zu seinem Wahlsieg getragen hat.

Umweltbelange stehen unter Trudeau hoch im Kurs, individuelle Freiheiten ebenfalls. So will die Regierung privaten Cannabis-Konsum gestatten. Aber auch Kanada plagen Sorgen. Der Nachbar USA gilt als unternehmens- und innovationsfreudiger. Die Produktivität lässt zu wünschen übrig. Im Wettbewerbsbericht des WEF rangieren die Kanadier auf dem wenig spektakulären Rang 13. Die traditionellen Industrien leiden, der wichtige Rohstoffsektor wartet auf den Aufschwung. Das Wirtschaftswachstum lahmt. Aber auch hier bleibt das Land im Vorteil. Zur Belebung will Trudeau die Infrastrukturinvestitionen ankurbeln. Von seinem Vorgänger hat er dabei einen so gesunden Staatshaushalt geerbt, dass er die in diesem Jahr geplante Neuverschuldung auf 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts begrenzen kann. Zugleich sorgt er für eine Sozialkomponente, indem eine zusätzliche „Reichensteuer“ die parallel angestoßene Steuersenkung für den Mittelstand mitfinanzieren soll. Abzuwarten bleibt, ob der künftige amerikanische Präsident das Freihandelsabkommen Nafta mit Kanada und Mexiko wirklich von Grund auf neu verhandeln und notfalls kündigen wird. In zumindest einem Punkt eifert Donald Trump dem Nachbarn nach. Er will die Unternehmenssteuern von gegenwärtig happigen 35 Prozent auf rund 15 Prozent senken. Das ist genau der Satz, mit dem Firmen in Kanada belastet werden.

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