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Interview: „Kein Schutz vor Extremwetter“

Mit dem stellvertretenden Generalsekretär des Hessischen Bauernverbandes, Hans Hermann Harpain, sprach unser Reporter Dieter Hintermeier über die Folgen der Trockenheit für die Landwirtschaft, die Wichtigkeit von Subventionen und den Klimawandel.
Neu-Anspach: Eine große Staubwolke zieht ein Landwirt hinter sich her, der mit seinem Traktor ein abgeerntetes Feld für die Frucht des nächsten Jahres vorbereitet. Bilder > Foto: Frank Rumpenhorst (dpa) Neu-Anspach: Eine große Staubwolke zieht ein Landwirt hinter sich her, der mit seinem Traktor ein abgeerntetes Feld für die Frucht des nächsten Jahres vorbereitet.

Herr Harpain, die „Dürre“ macht den Bauern in Deutschland derzeit große Sorgen. Wie sieht hier die Situation in Hessen aus?

HANS HERMANN HARPAIN: Hessen ist etwa ein Spiegelbild der Situation in Deutschland. Bisher im Süden tendenziell etwas höhere Niederschlagsmengen; im Norden und Nord-Osten erhebliche Ertragseinbußen durch teilweise seit Februar ausgebliebene oder deutlich geringere Niederschläge. Aktuell leiden wir jedoch landesweit unter den extremen Temperaturen und fehlenden Niederschlägen.

Gibt es Regionen in Hessen, die von der aktuellen Situation weniger betroffen sind?

HARPAIN: Besonders auffällig waren die teilweise sehr kleinräumlich unterschiedlichen Niederschläge. Diese waren teilweise extrem unterschiedlich von einem Dorf zum Nachbardorf. In einer Gemarkung gab es fast durchschnittliche Niederschlagsmengen; im Nachbardorf Starkregenereignisse, bei denen das Wasser an der Oberfläche abgeflossen und wenig im Boden angekommen ist. Und wieder ein Dorf weiter, keine oder kaum Niederschläge in der Vegetationsperiode.

Welche Getreidesorten sind von der Trockenheit am meisten betroffen?

HARPAIN: Nach gegenwärtigem Stand – exakte statistische Daten werden voraussichtlich nicht vor Mitte/Ende August verfügbar sein – gehen wir von Mindererträgen bei Getreide zwischen 10 und 30 Prozent und beim Winterraps von 10 bis 40 Prozent aus. Im Einzelfall auch deutlich darüber. In diesem Jahr haben Bodengüte und Wasserspeicherfähigkeit eine besondere Bedeutung gehabt. Bei Sonderkulturen hat die trockenheitsbedingte schnelle Reife, beispielsweise beim, Spargel, zu Absatzproblemen auf den Märkten geführt.

Wie sieht es bei der Heuernte aus, die ja wichtig für die Futterversorgung ist?

HARPAIN: Aktuell fehlt bei allen Kulturen das Wasser. Dies wird ebenfalls bei Kartoffeln und Zuckerrüben zu Ertragseinbrüchen führen. Besonders prekär ist die Situation auf dem Grünland bei Heu und Gras-Silage und damit der Futterversorgung von Rindern, Milchkühen und Schafen. Auch bei Silomais sind bei weiter ausbleibenden Niederschlägen massive Ertragsverluste zu erwarten.

„Unterstützungen“ in Höhe von einer Milliarde Euro für betroffene Landwirte werden vom Bauernverband gefordert. Ist das richtig?

HARPAIN: Wie kein anderer Wirtschaftszweig ist die Landwirtschaft von der Witterung abhängig. Die extreme Dürre ist aus unserer Sicht anderen Naturereignissen gleichzusetzen und bei Naturkatastrophen war es bisher in Deutschland immer gelebte Praxis, den Betroffenen – unabhängig davon, ob Privatpersonen, Kommunen oder Unternehmen – zu helfen. Die Forderung des Deutschen Bauernverbands nach einer Nothilfe in Höhe von einer Milliarde klingt nach viel. Sie deckt aber die Ertragsverluste nicht mal ansatzweise ab.

Erklären Sie das?

HARPAIN: Der Produktionswert der deutschen Landwirtschaft liegt bei gut 50 Milliarden Euro. Davon etwa die Hälfte aus dem Ackerbau. Durch diese Zahlen wird sehr schnell deutlich, dass die geforderte Summe nur eine Nothilfe für besonders existenziell betroffene Betriebe sein kann. Die Forderungen des Deutschen Bauernverbandes beinhalten aber auch Instrumente zur Selbsthilfe der Betroffenen. Wie beispielsweise die Einführung einer steuerlichen Risikoausgleichsrücklage. Das heißt im Klartext, landwirtschaftlichen Betrieben in guten Jahren, die steuerrechtlich Möglichkeit zu geben, „Polster“ für „schlechte“ Jahre anzulegen.

Auch über eine subventionierte „Dürreversicherung“ wird diskutiert. Was halten Sie davon?

HARPAIN: Ein grundsätzliches Problem von Versicherungen ist es, die spezifischen Risiken quantitativ zu erfassen, zu bewerten und in die Prämien einzupreisen. Da Naturereignisse keinen Regeln folgen und bisherige Erfahrungen zu deren Häufigkeit unter sich verändernden klimatischen Bedingungen (Klimawandel) nur schwer übertragen lassen, wird die Kalkulation entsprechender Eintrittswahrscheinlichkeiten deutlich erschwert.

Was können die Landwirte denn selbst tun, um mit den Folgen des Klimawandels besser umzugehen?

HARPAIN: Landwirte sind es gewohnt, in der Natur und mit der Natur zu wirtschaften. Anpassungen an klimatische Veränderungen – beispielsweise durch züchterische Entwicklungen und deren Umsetzung mit dem Anbau dieser neuen Sorten – finden laufend statt. Darüber gehören zeitgemäße Bewirtschaftungsmethoden, zum Beispiel zur Verhinderung von Erosion, zur gelebten Praxis. Allmählichen Veränderungen kann damit gut entsprochen werden. Vor Extremwetterereignissen, wie der diesjährigen Dürre, bietet dies jedoch kaum Schutz.

Wie ist es generell um die hessische Landwirtschaft bestellt?

HARPAIN: Gegenwärtig bewirtschaften 16 300 Betriebe rund 767 500 Hektar landwirtschaftlich genutzte Fläche. Im Bundesvergleich zeichnet sich Hessen durch einen hohen Anteil an Nebenerwerbsbetrieben aus. Die unterschiedlichen Naturräume in Hessen haben zu jeweils unterschiedlichen standortangepassten Betriebsformen geführt:

Wie sehen diese konkret aus?

HARPAIN: Milchviehhaltung prägt die Landschaft in den Mittelgebirgslagen. Ackerbau und Veredlung, mit hoher Marktorientierung, dominieren in den Ackerbaulagen Nord- und Mittelhessens. Sonderkulturen mit hoher Wertschöpfung prägen die Bewirtschaftung im Rheingraben. Eine Vielzahl unterschiedlicher Betriebsformen mit einem breiten Dienstleistungsangebot und hochwertigen Spezialitäten in verschiedenen Marktnischen finden sich in allen hessischen Regionen.

Wie behauptet sich die hessische Landwirtschaft im Wettbewerb?

HARPAIN: Die Hessische Landwirtschaft verfügt über gutausgebildete motivierte Betriebsleiter/innen und ist im Wettbewerb gut aufgestellt. Sie wirtschaftet jedoch in offenen Märkten. Die Preise für hessische Erzeugnisse werden in hohem Maße vom Weltmarkt beeinflusst. Daher ist es wichtig, das nationale Regelungen mit Augenmaß gesetzt werden und den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Produktion beachten.

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