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Das SPD-Talent: Kevin Kühnert überzeugt bei seinem Auftritt in Frankfurt mit rhetorischer Klarheit

Von Juso-Chef Kevin Kühnert hat vergeblich gegen den Neueintritt der SPD in die große Koalition gekämpft. Er unterlag zwar der Parteiführung, bleibt aber ein Hoffnungsträger für die SPD-Linke.
Kevin ganz und gar nicht allein: Juso-Chef Kühnert könnte eine Art Thronfolger der SPD werden. Sein Sitz im Kunstverein Familie Montez sah jedenfalls schon etwas nach Thron aus. Foto: BERNDKAMMERER@GMX.NET (.) Kevin ganz und gar nicht allein: Juso-Chef Kühnert könnte eine Art Thronfolger der SPD werden. Sein Sitz im Kunstverein Familie Montez sah jedenfalls schon etwas nach Thron aus.
Frankfurt. 

Natürlich kam die SPD-Bundestagsabgeordnete Ulli Nissen bei der Eröffnung eines Talks mit Juso-Chef Kevin Kühnert nicht ohne Eintracht-Vergleich aus: Auch den Adlern hätte man im Pokalfinale gegen Bayern keine Siegchance gegeben, aber sie hätten es geschafft. Daraus, so Nissen, könne die SPD Hoffnung schöpfen, die mancher schon aufgebe. Aber zum Pokalsieg brauchte die Eintracht nicht nur Optimismus, Mut und Herzblut, sondern auch Taktik. Wie soll sich die SPD da aufstellen, um ihren Niedergang zu stoppen?

Soll sie sich eher zur Mitte oder nach links orientieren? Links wäre wohl der Wunsch von Nissen und der Mehrheit der 200 Genossen, die am Dienstagabend zur SPD-Debatte in den Kunstverein Familie Montez in Frankfurt kamen?

Wenn man eine aktuelle Forsa-Umfrage zu Rate zieht, wäre ein Linksruck eher der falsche Weg. Demnach rechnen sich nämlich gut 50 Prozent der Bürger der Mitte zu, 12 Prozent sehen sich rechts und 37 Prozent links positioniert.

Forsa-Chef Manfred Güllner, der eher der SPD von Schmidt und Schröder nahestand, empfiehlt der Partei auch heute, lieber auf die Mitte zu setzen, als sich mit Grünen und Linkspartei um die Wähler auf der linken Seite zu streiten.

Kühnert fände das, wie die meisten Redner und Zuhörer, falsch. Er hält den „Fetisch Mitte“ für überholt. Als Kronzeuge zitierte Juso-Chef Kühnert ausgerechnet Sigmar Gabriel, dem er nicht unbedingt nahesteht. Aber der Ex-Parteichef habe mal mit dem „Fetisch Mitte“ aufgeräumt, indem er sagte: Die Sozialdemokraten müssen weg vom Gegensatz Mitte oder links, sondern bei wichtigen Themen die Deutungshoheit erringen.

Entsprechend verwies Kühnert auf Willy Brandt: „Auch die Ostpolitik war zunächst kein Thema, dem die Mehrheit zustimmte.“ Aber die SPD habe den Mut gehabt, dafür zu kämpfen und Mehrheiten errungen. Ähnlich sieht es Kühnert heute bei Themen wie Wohnen oder Rente, die per se ja nicht linke Themen seien, sondern die gesamte Gesellschaft beträfen.

Publikumskritik

Kühnert zeigte, dass er trotz seiner jungen Jahre nicht nur ein guter, sondern fast schon charismatischer Redner ist. Obzwar er bei der Parteilinken als Sympathieträger gilt, redet er der Basis nicht nach dem Mund, sondern hatte den Mut, einige Redner zu kritisieren. Er sagte nämlich, dass die SPD nicht weiterkomme, wenn jeder Genosse nur darauf beharre, sein Steckenpferd zu reiten und nur den einen Punkt, der er ihm persönlich wichtig sei, in den Vordergrund zu rücken. Angesichts dieser Publikumskritik und den eleganten Volten, die Kühnert vollzog, sah man beim Blick in die Zukunft fast schon einen neuen Gabriel aufscheinen, der bei aller Brillanz die Genossen auch überfordern könnte.

Doch so weit ist es noch lange nicht. Kühnert ist ein echtes politisches Talent, das der Partei wieder Hoffnung gibt. Dazu gehört seine dringende Empfehlung, sich in der Koalition mit der Union als Partei nicht unsichtbar zu machen. Als Nissen sagte, dazu brauche es Druck von außen, mahnte Kühnert: „Den Druck müsst ihr von der Fraktion auch von innen machen.

Er habe festgestellt, sagte Kühnert, dass alle SPD-Abgeordneten die Nase voll hätten vom Fetisch der schwarzen Null. Aber das müsse man dann auch offensiv vertreten, statt nur einen SPD-Finanzminister sprechen zu lassen, der genauso rede wie sein CDU-Vorgänger.

Wäre es hilfreich für die Erneuerung der SPD, eine neue Verschuldungspolitik zu propagieren, die doch von der Mehrheit der Bevölkerung abgelehnt wird? Nein, sagt Kühnert dazu später im Gespräch mit dieser Zeitung. Er sei keineswegs für neue Schulden. Vielmehr müsse die Einnahmeseite so verbessert werden, dass der Staat die lange aufgeschobenen Investitionen auch ohne Schulden tätigen könne. Auch bei der Rente empfiehlt Kühnert der SPD, statt immer den Mangel zu verwalten, die Einnahmeseite zu erweitern, etwa durch mehr Einzahler (Selbstständige, Beamte).

Emanzipatorische Linke

Vom „Fetisch Mitte“ hält Kühnert also nicht viel, aber er will offenbar am Gegenbegriff „links“ festhalten. Es gäbe eben schon gewisse Inhalte, die die Menschen mit linker Politik verbinden, sagt Kühnert. Aber er hält auch fest, dass für ihn links etwas mit emanzipatorischer Kraft zu tun hat. Deshalb, verrät uns Kühnert, wolle er auch nicht unbedingt mit Leuten zusammengehen, die Putin hofierten. Es ist klar, wen er damit meint: Den immer noch moskautreuen Teil der Linkspartei. Der Abend zeigte, dass die SPD durchaus noch Mobilisierungs- und Zukunftspotenzial hat. Aber wie einige Zuhörer anmerkten, müsse sie sich dann auch tatsächlich mehr um Zukunftsthemen kümmern, als ständig die Schlachten der Vergangenheit zu schlagen.

Ob da der komplette Abschied von der Agenda 2010 hilfreich ist, den Kühnert energisch fordert, muss aber bezweifelt werden.

„Zukunft braucht Herkunft“, hat Odo Marquard mal gesagt. Und eine Partei, die ihre Geschichte verleugnet, wirkt nicht sehr glaubwürdig. Oder wäre es denkbar, dass die CDU bei aller Kritik an Merkels Flüchtlingspolitik sich dereinst komplett davon distanzieren wird?

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