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Personalmangel: Kinderhilfe warnt: Viele Jugendämter sind überlastet

Die Zahl der Kindeswohlgefährdungen hat in Hessen zugenommen. In einer Studie der Hochschule Koblenz wird über zu wenig Personal, hohen Verwaltungsaufwand und schlechte Ausstattung bei den Jugendämtern geklagt. Die Deutsche Kinderhilfe schlägt Alarm.
Blick auf die Beschilderung an einem Jugendamt. Foto: Bernd Weißbrod/ Archiv Blick auf die Beschilderung an einem Jugendamt. Foto: Bernd Weißbrod/ Archiv
Berlin/Frankfurt. 

Viele Jugendämter in Deutschland können ihren Aufgaben beim Kinderschutz nur unzureichend nachkommen. Eine Studie belegt, dass die meisten Sozialarbeiter mehr Fälle betreuen müssen, als sie bewältigen können. Die Ergebnisse zeigten, dass die Rahmenbedingungen in der Kinder- und Jugendhilfe eine professionelle Arbeit behindern, sagte gestern der Vorsitzende der Deutschen Kinderhilfe, Rainer Becker. Er verwies auf hohe Fallzahlen und zu viele Dokumentationspflichten für die Sozialarbeiter. Becker nahm die Kommunen in die Pflicht, das Hilfesystem finanziell besser auszustatten: „Kinderschutz darf nicht auf Kosten von Spardiktaten vernachlässigt werden.“

Vor allem fehlende Finanzen führten in vielen Kommunen zu schlechten Arbeitsbedingungen, fehlendem Personal und damit auch zu Fachkräftemangel, erläuterte Becker. Sozialpädagogen und Sozialarbeitern im „Allgemeinen Sozialen Dienst“ (ASD) der Jugendämter werde es oft schwergemacht, „die für die Familie bestmögliche Entscheidung zu treffen“.

Das bedeutet Kindeswohl

Vorgelegt wurde die Erhebung in Berlin von Kathinka Beckmann, Professorin für klassische und neue Arbeitsfelder der Pädagogik der Frühen Kindheit an der Hochschule Koblenz. Befragt wurden 625 Mitarbeiter der Jugendämter.

Beckmann sagte, 35 Fälle je Vollzeitstelle eines Sozialarbeiters seien „professionell angemessen“. Sie habe mit ihrem Team in vielen ASD jedoch zwischen 50 bis 100 Fälle, in Ausnahmen auch weit über 100 Fälle ermittelt. Folglich fehle Zeit, um mit den Kindern und Eltern niveauvoll arbeiten zu können.

Dokumentationspflicht

Neben den zu hohen Fallzahlen kritisieren die Befragten fast ausnahmslos den gestiegenen Dokumentationsumfang als problematisch. Die Studie veranschauliche dieses Problem: Fachkräfte verbringen demnach zwei Drittel ihrer Arbeitszeit mit der Dokumentation am Schreibtisch. „Es ist alarmierend, dass drei Viertel der Befragten der Auffassung sind, dass die Dokumentation vor allem der eigenen rechtlichen Absicherung dient und weniger der professionellen Falleinschätzung.“ Becker sprach sich dafür aus, Fallobergrenzen festzulegen und den aktuellen Aufwand der Dokumentation kritisch zu hinterfragen.

Ein Schild mit dem Schriftzug „Jugendamt”.
Kommentar Kommentar zu Jugendämter: Eine Blamage

Wenn der „Skandal!“-Schrei nicht längst entwertet wäre durch inflationären Gebrauch, dann wäre dies Skandal zu nennen: Knapp zwei Drittel ihrer Arbeitszeit verbringen die Sozialarbeiter der deutschen Jugendämter mit – Dokumentationspflichten.

clearing

„Die Pro-Kopf-Zahlen müssen begrenzt werden“, forderte Sandra van Heemskerk, Vorsitzende des Fachbereiches Sozial- und Erziehungsdienst und stellvertretende Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Komba. Es dürften nur so viele Fälle auf einen Beschäftigten kommen, wie es „im Rahmen einer korrekten und verantwortungsvollen Bearbeitung“ möglich sei.

Heemskerk fügte hinzu, viele der Neueingestellten entschieden sich angesichts der Bedingungen nach kurzer Zeit gegen den Beruf. „Für die betroffenen Familien heißt es ständig neue Ansprechpersonen.“

Auch in Hessen ist „Kindesgefährdung“ kein seltenes Phänomen. Wie das Statistische Landesamt feststellte, wurde im Jahr 2016 bei 1566 Kindern „eine akute Gefährdung festgestellt“. Dazu zählten Vernachlässigung (840 Fälle), körperliche (557) oder psychische (517) Gewalt und sexueller Missbrauch (98). Elf Kinder starben im letzten Jahr in Hessen eines „unnatürlichen Todes“. Die Landeshauptstadt Wiesbaden verzeichnet der Statistik zufolge mit „akuten Kindeswohlgefährdungen pro 100 000 Einwohner“ die meisten Fälle in Hessen. Christa Enders, Leiterin des dortigen Amtes für soziale Arbeit, argumentierte, der Anstieg der „Gefährdungseinschätzungen“ sei ein Hinweis auf eine gestiegene Aufmerksamkeit und Sensibilitätinnerhalb der Bevölkerung.

Auch in Frankfurt hat die Zahl der „Kindeswohlgefährdungen“ ein hohes Niveau erreicht. So wurden im letzten Jahr 2538 „Gefährdungseinschätzungen“ vorgenommen, so Manuela Skotnik, Sprecherin des Sozialdezernats. Um diese Meldungen kümmerten sich im Jugend- und Sozialamt 220 Beschäftigte. In 405 Fällen seien „Kindeswohlgefährdungen“ festgestellt worden. epd/hin

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