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Koalitionsvertrag: Kleine finanziellen Wohltaten sollen Spaltung der Gesellschaft entgegenwirken

Fast 50 Milliarden Euro zusätzlich will die geplante große Koalition verteilen – auch um die Bürger von einer Alternative zur AfD zu überzeugen. Ein Überblick, wer dabei besonders profitieren könnte.
Der seit Jahren umstrittene Finanzausgleich regelt die Verteilung der Einnahmen zwischen Bund, Ländern und Kommunen. Foto: Jens Wolf/Archiv/Symbolbild Der seit Jahren umstrittene Finanzausgleich regelt die Verteilung der Einnahmen zwischen Bund, Ländern und Kommunen. Foto: Jens Wolf/Archiv/Symbolbild
Berlin. 

Aufbruch für Europa, neue Dynamik für Deutschland, Zusammenhalt stärken. Das beschwören Kanzlerin Angela Merkel (CDU), CSU-Chef Horst Seehofer und der Noch-SPD-Vorsitzende Martin Schulz nach der Einigung bei den Koalitionsverhandlungen. Es war ein hartes Ringen. Alle drei Parteien haben bei der Bundestagswahl massiv verloren. Nun setzen sie auf ein Programm, das mit Wohltaten und einer Bildungsoffensive das Land befrieden soll. Doch reicht das Verhandelte, um die 463 000 SPD-Mitglieder beim Mitgliederentscheid zu überzeugen? Mindestens 46 Milliarden Euro zusätzlich will die Koalition verteilen – auch dank der jüngsten Überschüsse bei den Steuereinnahmen.

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  Familien: Ganz oben auf der Agenda sollen Familien stehen. „Familien halten unsere Gesellschaft zusammen. Sie zu stärken und zu entlasten ist unser Ziel“, heißt es im Entwurf des Koalitionsvertrags. Das Kindergeld soll um 25 Euro im Monat steigen. Auch der Kinderzuschlag für Einkommensschwache wird erhöht. Von einem „Baukindergeld“ sollen Familien mit mittlerem Einkommen profitieren, die bisher nicht genug Eigenkapital haben, um sich den Traum vom Eigenheim erfüllen können. Zehn Jahre lang sollen sie 1200 Euro je Kind und pro Jahr erhalten. Die Unterstützung soll bis zu einem zu versteuernden Haushaltseinkommen von 75 000 Euro gewährt werden.

  Schüler, Auszubildende und Studenten: Der Nachwuchs soll ebenfalls stark profitieren: Zwei Milliarden Euro sind für den Ausbau von Ganztagsschulen und -betreuung geplant. Für die Ganztagsbetreuung von Grundschülern wird ein Rechtsanspruch verankert. Außerdem ist eine Milliarde Euro für eine Bafög-Reform geplant, damit Studenten besser gefördert werden. Auch in die nicht-akademische Ausbildung fließt mehr Geld – zum Beispiel mit 350 Millionen Euro für ein neues Meister-Bafög.

  Arbeitnehmer: Für die Beschäftigten soll der Beitrag zur Arbeitslosenversicherung um 0,3 Prozentpunkte sinken. Und die Arbeitgeber sollen ab 2019 wieder den gleichen Beitrag zur gesetzlichen Krankenversicherung zahlen wie die Beschäftigten – das heißt mehr Geld im Portemonnaie. Der „Soli“ soll schrittweise wegfallen – 90 Prozent der Zahler sollen voll entlastet werden. Zudem gibt es gerade für Frauen eine wichtige Nachricht. Wer Teilzeit gearbeitet hat, um sich um das Kind zu kümmern, soll ein Rückkehrrecht in Vollzeit bekommen. Bei 45 bis 200 Mitarbeitern soll dieser Anspruch aber nur einem pro 15 Mitarbeitern gewährt werden. Befristete Arbeitsverhältnisse sollen eingedämmt werden. Geplant ist eine Quotenregelung bei sachgrundlosen Befristungen, lange Ketten von befristeten Arbeitsverhältnissen sollen stark eingeschränkt werden.

  Rentner: Angesichts zunehmender Sorgen vor Altersarmut will die Koalition ein Herz für Pensionäre zeigen: Wer Jahrzehnte gearbeitet, Kinder erzogen und Angehörige gepflegt hat, soll nach 35 Beitragsjahren eine Grundrente zehn Prozent über der Grundsicherung erhalten. Union und SPD haben zudem vereinbart, dass das Rentenniveau bis 2025 nicht unter 48 Prozent im Vergleich zum Lohn im Berufsleben fallen soll.

  Mieter: Um die hohen Mieten in Großstädten zu dämpfen, sind zwei Milliarden Euro zusätzlich für den sozialen Wohnungsbau geplant. Zudem soll die Mietpreisbremse verstärkt werden. So sollen künftig Vermieter per Gesetz dazu gezwungen werden, die Vormiete offenzulegen. Denn wenn man die Vormiete nicht kennt, kann der Vermieter die Miete stärker erhöhen als gesetzlich erlaubt. Aber: Es ist unklar, ob Vermieter bei Gesetzesbruch auch mit Strafen rechnen müssen. Zudem soll von den Modernisierungskosten weniger auf die Mieter umgelegt werden dürfen.

  Pflege: Um das Riesenthema „Pflegenotstand“ anzugehen, sollen zudem 8000 zusätzliche Pflegestellen geschaffen werden. Aber viele halten selbst diese Zahl für viel zu gering. Durch flächendeckende Tarifverträge und Angleichung des Pflegemindestlohns in Ost und West soll zudem die Bezahlung von Pflegern verbessert werden. Zudem sind neue Anreize für Aus- und Erholungszeiten für Patienten-Angehörige geplant.

  Polizei: Um der unter Dauerbelastung leidenden Polizei zu helfen und um die Sicherheit im Land zu erhöhen, sollen bei den Sicherheitsbehörden von Bund und Ländern je 7500 zusätzliche Stellen geschaffen werden. Die Videoüberwachung soll ausgeweitet werden, zudem die Überwachung von Terrorverdächtigen besser koordiniert werden.

  Internet: Die Bewohner in ländlichen Regionen sollen von schnellerem Internet profitieren – das ist gerade auch für mittelständische Firmen auf dem Land wichtig. Bis zum Jahr 2025 soll es flächendeckend Gigabit-Netze geben, dafür soll ein Fonds von zehn bis zwölf Milliarden Euro sorgen.

Aber die vielen kleinen Schritte erfreuen längst nicht alle in der Republik. Das Gros der Wirtschaftsverbände zeigt sich unzufrieden: „Wir als hessische Wirtschaft sind mit dem ausgehandelten Koalitionsvertrag unzufrieden: Er enthält zu wenig Zukunftsgestaltung und hat eine Schlagseite in Richtung Umverteilung“, kommentierte Wolf Matthias Mang, Präsident der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände (VhU). „Aus den hohen Überschüssen in der Staatskasse hätten wir die Investitionen in die Zukunft deutlich erhöhen können: in Breitband, Straßen, Schienen, Wasserwege; den Soli für alle zügig abschaffen; und die Unternehmensbesteuerung maßvoll verringern.“ so Mang, der sein eigenes Familien-Unternehmen in Obertshausen führt.

Auch Thilo Brodtmann, Hauptgeschäftsführer des Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) in Frankfurt geht mit Union und SPD hart ins Gericht: „Das Ergebnis der Koalitionsverhandlungen entspricht ganz ihrer Vorgeschichte: halbherzig, lustlos, uninspiriert. (...) Bei digitaler Infrastruktur wird gekleckert, bei Rente und Mütterrente geklotzt. Ein klares Bekenntnis zur steuerlichen Förderung von Forschung und Entwicklung fehlt. Die sachgrundlose Befristung wird sachgrundlos dem Koalitionsfrieden geopfert.“

Und Holger Bingmann, Präsident des Bundesverbandes Groß- und Außenhandel befürchtet: „Union und SPD haben sich auf einen Schönwetter-Koalitionsvertrag verständigt, der nur aufgeht, wenn der Konjunkturboom anhält und die Verteilungsspielräume weiter wachsen. Trotz einiger positiver Akzente in den Bereichen Bildung und Digitalisierung überwiegen ganz klar die Belastungen für die Unternehmen.“

(dpa,pan)

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