Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Laufsport - Alles rund um den Mainova Frankfurt Marathon ... Frankfurt am Main 8°C
1 Kommentar

Interview: Klimaexpertin Marion Hemfler: "Ein Klima wie in Spanien"

Mit der Leiterin des hessischen Zentrums für den Klimawandel, Marion Hemfler, sprach unser Reporter Dieter Hintermeier über die Folgen von extremen Naturereignissen für die Landwirtschaft, die Wälder, die Tierwelt und die Menschen in den Städten.
Die Landwirte können sich im Zweifel vergleichsweise schnell umstellen. Sie müssen künftig hitzeresistentere Getreidesorten anbauen als heute. Winzer müssen langfristiger denken. Foto: Frank Rumpenhorst (dpa) Die Landwirte können sich im Zweifel vergleichsweise schnell umstellen. Sie müssen künftig hitzeresistentere Getreidesorten anbauen als heute. Winzer müssen langfristiger denken.

Frau Hemfler, ist der Klimawandel in Hessen angekommen?

MARION HEMFLER: In der Tat, der Klimawandel ist in unserem Bundesland angekommen. Sichtbare Zeichen sind die steigenden Temperaturen und Starkregenereignisse. Wir erreichen mittlerweile fast jedes Jahr Spitzentemperaturen. So hatten wir in Hessen in den Jahren 2014 und 2015 die wärmsten Jahre überhaupt.

Wie geht denn die Landwirtschaft mit diesen Wetterveränderungen um?

HEMFLER: Mit den hohen Temperaturen hat auch die Landwirtschaft ihre Probleme. Durch vermehrt lange Trockenphasen im Sommer müssen die Bauern über eine andere Sortenwahl nachdenken. Letztlich müssen die Bauern in Zukunft hitzeresistente Getreidesorten anbauen. Doch nicht nur die hohen Temperaturen und die langen Trockenphasen verändern das Leben der Landwirte. Durch Starkregen kann es darüber hinaus zu Bodenerosion kommen.

Geologin und hessische Klimaexpertin: Marion Hemfler Bild-Zoom Foto: HLNUG
Geologin und hessische Klimaexpertin: Marion Hemfler

Wie sieht es denn bei den Weinbauern aus?

HEMFLER: Auch die Winzer müssen sich umstellen. Der Riesling wird es künftig durch die höheren Temperaturen schwerer haben und sich geschmacklich verändern. Sein klassisches Merkmal, die Säurehaltigkeit, könnte unter dem Klimawandel leiden. Der Riesling wird nicht von der Bildfläche verschwinden, aber er wird möglicherweise lieblicher schmecken. Jedenfalls müssen sich die Winzer beim Ausbau ihrer Weine darauf einstellen und auch andere Rebsorten in Betracht ziehen. Diese Umstellung wird aber nicht so schnell gehen wie bei den Landwirten, die deutlich schneller auf die Klimaveränderungen reagieren können. Winzer müssen langfristig planen.

Stichwort langfristige Planung – gilt das auch für die Forstwirtschaft im Zeitalter des Klimawandels?

HEMFLER: So ist es. Hier werden manche Nadelbäume, zum Beispiel die Fichte, ihre Probleme mit dem Klimawandel bekommen. Mit welchen Baumarten die Nadelbäume dann ersetzt werden, ist bei den Experten noch in der Diskussion. Auch die Buche, die in Hessens Wäldern stark vertreten ist, mag kein heißes und trockenes Wetter und bekommt deshalb „Stress“. Dieser führt auch dazu, dass die Bäume viele Früchte tragen, die sogenannte Buchenmast.

Das dürfte die Wildschweine freuen.

HEMFLER: Klar, über die Buchenmast freuen sich die Wildschweine natürlich. Prinzipiell ist aber auch in der Tierwelt eine Entkoppelung der natürlichen Prozesse zu beobachten. Auch wenn es wärmer wird, bleibt das Risiko von Spätfrösten – wie in diesem Jahr – erhalten. Das hat die Folge, dass zum Beispiel die Obstbäume, die vielleicht schon früh blühten, von diesen späten Frösten überrascht werden, die Blüten erfrieren, und später die Pflanzen keine oder wenige Früchte tragen. Hinzu kommt, dass bei der Blüte der Bäume unter Umständen die Bienen noch nicht draußen sind, um diese zu bestäuben. Die wärmeliebenden Arten werden aber überleben. So schafft es zum Beispiel das Taubenschwänzchen, ein Schmetterling, der über Frankreich zu uns gekommen ist, immer öfter im Sommer bis ins Rhein-Main-Gebiet. Aber auch invasive Mückenarten, die Krankheiten übertragen können, überleben mittlerweile in unseren Breiten.

Um unsere Städte macht der Klimawandel auch keinen Bogen. Auf was müssen wir uns hier gefasst machen?

HEMFLER: In den Städten, wie in Frankfurt, werden sich Hitzezonen bilden, die vielen Menschen im Sommer das Leben schwer machen werden. Ich denke dabei an den Hitzesommer des Jahres 2003 mit vielen Hitzetoten. Übrigens: Dieser Jahrhundertsommer wird im Jahre 2100 als eher unterdurchschnittlicher Sommer bewertet werden. Wenn wir etwas gegen die Folgen des Klimawandels in den Städten unternehmen wollen, müssen wir dafür sorgen, dass wir unsere Städte begrünen, hitzeunempfindliche Häuser bauen und dabei die wichtigen Kaltluftschneisen nicht zubauen.

Gibt es in Hessen bestimmte Regionen, die mehr vom Klimawandel betroffen sind als andere?

HEMFLER: Die Hitze wird sicher in Südhessen ausgeprägter sein als im Norden. Aber starke Niederschläge können jede Stadt und jede Gemeinde im Lande treffen.

Haben denn solche extremen Wetterereignisse, wie zum Beispiel Starkregen, zugenommen?

HEMFLER: Extreme Naturereignisse haben zugenommen. Mit Starkregenereignissen muss, wie schon gesagt, besonders im Sommer verstärkt gerechnet werden. Derzeit arbeiten wir an einer Starkeregenhinweiskarte für Hessen. Damit wollen wir den Kommunen helfen, sich für solche extremen Wetterereignisse zu wappnen.

Wie werden sich denn generell die Jahreszeiten durch den Klimawandel verändern?

HEMFLER: Die Winter werden kürzer und weniger winterlich sein. Eine typische weiße Weihnacht, wie zum Beispiel in den Höhenlagen des Taunus früher üblich, wird es immer weniger geben. Die Sommer werden dagegen trocken und heiß sein. Immer wieder unterbrochen von besagten Starkregenereignissen. Wie sich Frühjahr und Herbst entwickeln, ist weniger klar, weil es Übergangsjahreszeiten sind. Aber der Klimawandel zeigt sich immer in den Extremen. Und das sind nun mal Sommer und Winter.

Werfen wir einen Blick nach vorne. In welche klimatische Regionen wird der Klimawandel Deutschland und Hessen einmal hinführen?

HEMFLER: Wir werden in Bezug auf die Temperatur ein Klima haben, dass den Zonen südlich der Alpen entspricht. Vielleicht so, wie heute in Spanien. Jedenfalls werden wir hinsichtlich der Temperatur in einer mediterranen Zone – nur ohne Mittelmeer – sein.

Zur Startseite Mehr aus Politik

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse