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Klimaforscher Latif: Sofort Kohlekraftwerke abschalten

Wie lässt sich die Erderwärmung noch begrenzen? Klimaforscher Mojib Latif sieht ein weitgehendes Versagen der Politik und setzt auf den technologischen Wandel.
Braunkohlekraftwerk Neurath im nordrhein-westfälischen Hoeningen. Foto: Federico Gambarini Braunkohlekraftwerk Neurath im nordrhein-westfälischen Hoeningen.
Kiel. 

Der Klimaforscher Mojib Latif sieht beim Kampf gegen die Erderwärmung ein großes Versagen der Politik. Deutschland müsste sofort Braunkohlekraftwerke abschalten, um das Ziel einer Reduzierung der Kohlendioxid-Emissionen um 40 Prozent bis 2020 im Vergleich zu 1990 noch erreichen zu können.

Das sagte Latif der Deutschen Presse-Agentur. „Aber es fehlt schlichtweg am politischen Willen. Dabei geht es um die Glaubwürdigkeit Deutschlands.” International hätten die bisher 23 Weltklimakonferenzen - zuletzt in Bonn - vielleicht die politische Atmosphäre verbessert, „real ist aber der Gehalt von Kohlendioxid immer schneller gestiegen”.

„In Deutschland sind im Strommix immer noch 40 Prozent Kohle, und das ist in den vergangenen Jahren auch nicht weniger geworden - die Politik ist schlichtweg nicht bereit, aus der Kohle auszusteigen”, sagte Latif, Professor am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. „Da gibt es Akteure wie Nordrhein-Westfalen als größtes Braunkohleförderland in Deutschland, die blockieren.

Die Braunkohle verhindert das Erreichen ambitionierter Klimaziele”, nannte Latif als entscheidenden Aspekt. Außerdem komme die Verkehrswende nicht voran, weil die Automobilwirtschaft in Deutschland wegen ihrer Bedeutung praktisch machen könne, was sie wolle. „Der Dieselskandal spricht für sich, da muss man nichts weiteres mehr sagen.”

Die Weltwirtschaft sei von Regeln praktisch entfesselt und produziere auf Kosten der Umwelt und zu Lasten vieler Menschen - „das ist das eigentliche Problem”. Die Politik müsse versuchen, das Heft des Handelns wieder zurück zu bekommen”, sagte Latif. Der Leiter des Forschungsbereiches Ozeanzirkulation und Klimadynamik am Geomar Kiel schlug ein Bündel an Maßnahmen vor: Deutschland sollte eine ökosoziale Steuerreform einführen, CO2-Emissionen müssten besteuert werden.

Die Einnahmen dieser Lenkungssteuer sollten für die verstärkte Förderung neuer Energien dienen, aber auch für den Sozialbereich wie Kindergärten, Schulen oder höhere Hartz IV-Sätze. „Das würde die Akzeptanz der Steuer erhöhen”, sagte Latif, der auch Präsident des deutschen Ablegers des Club of Rome ist. Außerdem sei die Einführung eines Schulfachs Umwelt nötig, um globale Zusammenhänge zu erkennen. Und es müsse eine Wertedebatte geführt werden, was Glück ausmache.

Es sei eine Global Governance notwendig, um international beispielsweise eine gemeinsame Steuerpolitik zu machen, so dass auch Weltkonzerne angemessen Steuern zahlen müssten. Leider seien politisch die Populisten in den USA, in Osteuropa, aber auch in Deutschland auf dem Vormarsch, die scheinbar einfache Lösungen bieten und nationale Interessen über alles stellten.

Um das Pariser Klimaziel doch noch zu schaffen, die Klimaerwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius zu begrenzen, setzt Latif daher vor allem auf den technologischen Fortschritt. Immerhin werde global inzwischen mehr in die Erneuerbaren Energien investiert als in die fossilen Energieträger wie Kohle oder Öl.

Technologischer Fortschritt könne sehr schnell gehen, sagte Latif. Er verwies darauf, dass ein Foto der Osterparade in der 5th Avenue in New York im Jahr 1900 nur Pferdekutschen zeigt und eine andere Aufnahme 13 Jahre später nur noch Autos. „Das war eine schnelle Mobilitätswende, die müssen wir heute auch schaffen”, sagte Latif.

(dpa)
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