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Heimat: Kommentar: Grüner Denkanstoß

Von Wenn Heimat nach dem Philosophen Karl Jaspers dort ist, wo ich verstehe und verstanden werde, wird es für Deutsche auch im Frankfurter Bahnhofsviertel mit dem Heimatgefühl schon eng. Ein Kommentar von Dieter Sattler.
Dieter Sattler Foto: (FNP) Dieter Sattler

Das Ergebnis der Bundestagswahl hat eine Diskussion um den Begriff der Heimat entbrennen lassen. Einige Politiker warnen davor, Menschen mit einem eher traditionellen Nationalgefühl der AfD zu überlassen. Die interessantesten Bemerkungen dazu kamen vom Grünen-Politiker Robert Habeck. Der Kieler Umweltminister mahnte, eine mögliche Jamaika-Koalition dürfe keine Wohlfühl-Koalition aus liberalem, grünem und konservativem Bürgertum sein, die Probleme bei der Klientel der Oppositionsparteien SPD, Linken und AfD ablade.

Habeck findet es falsch, bei den „Unzufriedenen“ nur an die Menschen in den neuen Ländern zu denken. In der Tat erzielte die AfD zuletzt auch sehr gute Ergebnisse vor allem in Städten und Quartieren, die durch Armutsmigration belastet sind. Man denke an Mannheim, das Ruhrgebiet, aber auch den Frankfurter Westen. Dass die AfD in diesen Gebieten vor allem bei der SPD aber auch der Linken wilderte, zeigt, dass die Integrationsfrage vorrangig eine soziale Frage ist. Für die Bessersituierten kostet es wenig zu sagen, man schaffe das. Sie bleiben von Unannehmlichkeiten verschont. Den schwierigsten Teil der Integrationsarbeit haben die Menschen in den ärmeren Vierteln zu leisten, wo der Wohnraum knapp, die einfachen Jobs rar, die Schulen marode und Deutsche oft nur noch eine Minderheit sind. Wenn Heimat nach dem Philosophen Karl Jaspers dort ist, wo ich verstehe und verstanden werde, wird es für Deutsche auch im Frankfurter Bahnhofsviertel mit dem Heimatgefühl schon eng. US-Forscher haben festgestellt, dass ethnische Mehrheitsgruppen aus Vierteln wegziehen, wenn sie zur Minderheit werden. Das gilt auch für Türken in Duisburg-Marxloh, die gingen, als viele Armutszuwanderer vom Balkan kamen.

In Ostdeutschland liegt der Fall etwas anders. Hier gibt es ähnlich wie in Polen oder Ungarn wenige Ausländer, aber viel Fremdenhass. Dennoch ist davon auszugehen, dass diese Menschen noch mehr zumachen, wenn sie aus dem Westen von oben herab belehrt werden. Natürlich muss man den Mut haben, ihnen zu sagen, dass die Globalisierung von Wirtschaft und Menschenrechten auch ihre Heimat verändern wird, aber man darf ihr Heimatgefühl auch nicht verachten, wenn man sie verstehen und erreichen will. Wo die Wiedervereinigung und der offene Markt ganze Erwerbsbiografien durchkreuzt haben, wird man mit naiver Europa-Euphorie kaum punkten können.

In privaten und öffentlichen Diskussionen erzielt man schnell Konsens, wenn man für einen vernünftigen Mittelweg zwischen Abschottung und unkontrollierter Zuwanderung plädiert. Daran sollte sich auch die Jamaika-Koalition orientieren. Wie eine Bertelsmann-Studie zum Populismus unlängst gezeigt hat, gibt es „harte“ und „moderate“ Populisten. Zumindest letztere könnten, so die Forscher, prinzipiell von den gemäßigten Parteien wieder erreicht werden, wenn sie sehen, dass die Politik Zuwanderung ordnen kann – wozu auch die Abschiebung Nicht-Asylberechtigter zählt.

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