E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 28°C

Kommentar zu Horst Seehofer: Der Minister setzt auf Twitter

Von Weil Bürger ihn kritisieren, will Horst Seehofer kein Schirmherr mehr sein. Und weil Medien nicht so berichten, wie er es gern hätte, wird der Innenminister künftig eigene Meldungen produzieren - via Twitter.
Horst Seehofer (CSU). Foto: Peter Kneffel Horst Seehofer (CSU).
Berlin. 

„Hoakl is’ er worn“ – so sagt man in Bayern, wenn einer so ist wie Horst Seehofer gerade. Heikel also auf hochdeutsch – und übersetzt: empfindlich. Und ja, der CSU-Vorsitzende und Bundesinnenminister dürfte sich nicht beschweren über dieses Urteil. Konjunktiv – weil er sich ja in Wirklichkeit häufig beklagt seit seinem Wechsel nach Berlin; häufig und bitter.

Cornelie Barthelme Bild-Zoom
Cornelie Barthelme

Die jüngsten Lamentos treffen, wie es der Zufall – oder Seehofer – will, an einem Abend zusammen. Während in Töging am Inn, also im schönsten Oberbayrischen, die Kapelle Seehofer den Defiliermarsch bläst zum Empfang im Volksfestzelt, twittert in Berlin das Bundesinnenministerium, „Horst #Seehofer legt seine Schirmherrschaft für den Deutschen #Nachbarschaftspreis nieder“. Darunter ein Auszug aus dem Absage-Brief an den Geschäftsführer der „nebenan.de Stiftung“, Michael Vollmann. „Diskreditierend“ nennt Seehofer dessen Äußerungen und endet, „da Sie mir Toleranz, Mitmenschlichkeit und Offenheit absprechen, stehe ich . . . ab sofort nicht mehr zur Verfügung“.

Man kann eine Zusammenarbeit dezenter beenden. Man kann zuvor auch das Gespräch suchen. Oder zeitgleich ins Bierzelt gehen. Und sich zur Begrüßung beklagen, wie man „mit Wörtern und Eigenschaften und Attributen, die weit unter der Gürtellinie liegen“, überzogen werde. Exakt sagt Seehofer: „Genau diejenigen, die jeden Tag dafür eintreten, dass man in der Politik Anstand und Stil zu bewahren hat, überschütten mich . . .“ Es wird heftig applaudiert, drunten in Töging. Droben in Berlin erklärt die Stiftung nach einem guten halben Tag, sie halte Seehofers Rückzug als Reaktion auf die Kritik zweier nominierter Initiativen an ihm „für ein bedauernswertes Signal an die Zivilgesellschaft“. Und sei enttäuscht, dass Seehofer den angebotenen Dialog mit den Nominierten und Gewinnern ausschlage.

Sie hätten es wissen können. Nicht müssen. Im Juni wollte Seehofer nicht zum Integrationsgipfel kommen. Er sah sich von der Journalistin Ferda Ataman, die Bundeskanzlerin Angela Merkel ebenfalls eingeladen hatte, in die Nähe von Nazis gerückt. Ataman hatte in einem Artikel die politische Instrumentalisierung des Begriffs „Heimat“ kritisiert: „Denn in diesem Kontext kann Heimat nur bedeuten, dass es um Blut und Boden geht: Deutschland als Heimat der Menschen, die zuerst hier waren.“

Die Absage an die Kanzlerin war ein Affront. Sie wurde auch so kommentiert. Einen Monat darauf begann Seehofer, Kritik an ihm eine „Kampagne“ zu nennen. „Jeder, der es sehen will, sieht“, sagte er.

In Töging nun klagt Seehofer, „ich kann fast keinen Tag aufstehen, ohne dass ich wieder mit einer Fake News konfrontiert bin“. Wer jetzt nicht an Donald Trump denken muss, pfeift auf Politik und geht nie im Leben in ein Bierzelt, wo Seehofer spricht. Er werde jetzt selbst twittern, sagt Seehofer, ab Ende August.

In Berlin hofft die „nebenan.de Stiftung“, dass die Aufmerksamkeit möglichst rasch wieder „den engagierten nominierten Initiativen“ gilt und nicht mehr dem Ex-Schirmherrn. Der sagt in Töging im Bierzelt, „Sie glauben gar nicht, wie schön es ist, wenn man aus der Bundeshauptstadt ins gelobte Land zurückkommt“. Keine hundert Zeichen. Vielleicht übt Seehofer schon.

Bericht auf Seite 3

Zur Startseite Mehr aus Politik

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen