E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 28°C

Tarifabschluss: Künftig haben Metall- und Elektroindustrie Anrecht auf 28-Stunden-Woche

Das hat die Metall- und Elektroindustrie noch nie erlebt: Künftig dürfen die Beschäftigten in Baden-Württemberg ihre Arbeitszeit für bis zu zwei Jahre auf 28 Stunden verkürzen. Ist das der Grundstein für eine ganz neue Work-Life-Balance oder doch der Sargnagel für mittelständische Betriebe? Arbeitsmarktforscher Karl Brenke kann über beides nur lachen.
IG Metall und Arbeitgeber stimmen Tarifabschluss zu. Foto: Marijan Murat/Archiv IG Metall und Arbeitgeber stimmen Tarifabschluss zu. Foto: Marijan Murat/Archiv
Frankfurt. 

Bis zu zwei Jahre lang nur 28 statt 35 Stunden pro Woche arbeiten – den tariflich Beschäftigten der Elektro- und Metallindustrie in Baden-Württemberg ist das künftig möglich. Arbeitgeber und -nehmer haben sich dort auf einen wegweisenden Pilot-Tarifvertrag geeinigt, der wohl bald auch in Hessen gilt.

Im Gegenzug dürfen Arbeitgeber, wenn zu viele Mitarbeiter dieses Angebot nutzen, künftig einfacher Verträge über 40 Stunden pro Woche aushandeln als bisher. Normal ist in der Branche die 35-Stunden-Woche.

„Die Beschäftigten haben nun die Wahl zwischen Zeit und Geld. Vorher gab es nur Geld zur Auswahl, für das sie so arbeiten mussten, wie ihr Vorgesetzter es wollte“, sagt Michael Ebenau von der IG Metall Bezirk Mitte. Die Gewerkschaften hätten hart um diesen Kompromiss gekämpft. „Viele Beschäftigte haben immer stärker das Gefühl, überlastet zu sein.“

Die wichtigsten Punkte der Einigung

  Geld: Das Gehalt der 900 000 Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie in Baden-Württemberg steigt zum 1. April 2018 um 4,3 Prozent.

clearing

Eltern sollen profitieren

Für drei Gruppen gelte das besonders: Schichtarbeiter, Eltern und pflegende Angehörige. Eine Befragung der Gewerkschaft im vergangenen Jahr hatte ergeben, dass 82 Prozent der befragten Mitglieder es gut fänden, wenn sie ihre Arbeitszeit für Kindererziehung oder Pflege vorübergehend absenken könnten. Jeder Fünfte würde seine Vollzeit auf weniger als 35 Stunden reduzieren. „Es geht hier nicht ums Ausruhen, sondern darum, übermäßige Belastungen zurückzufahren“, sagt Ebenau.

Die drei stark belasteten Gruppen dürfen künftig nicht nur weniger arbeiten, sondern bekommen, wenn sie wollen, statt einer Lohnerhöhung acht freie Tage, davon zwei mit Lohnfortzahlung. Doch noch eine weitere Beschäftigtengruppe werde die Arbeitszeitverkürzung künftig verstärkt nutzen, glaubt Ebenau: „Jüngere Beschäftigte möchten mehr freie Zeit, als das früher der Fall war.“ Schlussendlich, sagt der IG-Metall-Sprecher, habe der Tarifabschluss wohl auch zur Folge, dass die Betriebe wieder verstärkt ausbilden. „Die Unternehmen müssen nun eine Personalreserve bereitstellen. Noch fehlt sie, weil die Ausbildung immer mehr heruntergefahren wurde. Das muss sich ändern.“

Thilo Brodtmann, Hauptgeschäftsführer des Maschinenbauverbandes VDMA, sieht das anders. Er vertritt die Interessen mittelständischer Unternehmen und sagt: „Die meisten unserer Betriebe bilden ihren Nachwuchs selbst aus. Aber das reicht nicht.“ Weil künftig gar nicht so viele Junge geboren und später ausgebildet werden könnten, wie Ältere in Rente gehen.

Problem für kleine Betriebe

Für kleinere Betriebe, die pro Abteilung nur wenige Mitarbeiter haben, berge der neue Tarifvertrag deshalb eine große Gefahr, argumentiert Brodtmann: „Wenn einer von drei Leuten auf 28 Stunden runtergeht und es am Markt keinen Ersatz gibt, müssen die zwei die Arbeit des dritten mitmachen. Das ist auf Dauer ein Ding der Unmöglichkeit.“ Der Tarifabschluss tue deshalb vielen Mittelständlern „richtig weh“.

Keine Sorge, würde ihm wohl Karl Brenke erwidern. Er ist Arbeitsmarktforscher am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin und sagt: „So weit wird es nicht kommen.“ Denn erstens gebe es keinen Lohnausgleich, so dass sich gerade junge Familien diese Arbeitszeitverkürzung nicht leisten können. Zweitens habe es schon in den 80er Jahren die These gegeben, dass die Arbeitnehmer ihren Lohn gegen Freizeit tauschen wollen. „Und wenn ich die letzten 30 Jahre so anschaue, hat sich der Postmaterialismus nicht wirklich durchgesetzt.“

Und drittens gebe es dieses Teilzeitmodell bei der Post und im öffentlichen Dienst schon länger – ohne dass es zur Revolution oder zum Zusammenbruch gekommen wäre. „Ich habe mich selbst schon gefragt, warum die IG Metall diese Arbeitszeitkomponente so stark eingebracht hat“, sagt Soziologe Brenke. „Und ich glaube, dass man einfach nach außen hin zeigen wollte, dass man nicht nur die Älteren, sondern auch die Jungen im Blick hat.“

Zur Startseite Mehr aus Politik

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen