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Debatte an Goethe-Uni: Macron: Der Visionär Europas

Von Mit nichts Geringerem als der Zukunft Europas beschäftigte sich Emmanuel Macron in einer Debatte an der Frankfurter Goethe-Universität. Dabei setzt der französische Staatspräsident vor allem auf Bildung und Kultur – auch gegen Radikalismus und Nationalismus.
Der französische Präsident Emmanuel Macron (Mitte) sprach bei der Podiumsdiskussion in der Goethe-Universität mit dem Europa-Abgeordneten Daniel Cohn-Bendit (links) und dem französischen Sozialphilosophen Gilles Kepel Foto: LUDOVIC MARIN (AFP) Der französische Präsident Emmanuel Macron (Mitte) sprach bei der Podiumsdiskussion in der Goethe-Universität mit dem Europa-Abgeordneten Daniel Cohn-Bendit (links) und dem französischen Sozialphilosophen Gilles Kepel
Frankfurt. 

Ginge es nach Helmut Schmidt, wäre Emmanuel Macron wohl ein Dauergast in Arztpraxen. Bekanntlich hatte der verstorbene Altkanzler all jenen, die Visionen haben, einen Arztbesuch empfohlen. Und dass der französische Staatspräsident jemand ist, der gerne den Blick nach vorne richtet, macht er auch bei seinem Auftritt am Dienstag an der Frankfurter Goethe-Universität deutlich.

Um nichts weniger als die Zukunft Europas geht es in einer Debatte, in der sich das seit knapp fünf Monaten amtierende Staatsoberhaupt vor mehreren hundert Zuhörern den Fragen des langjährigen Europaparlamentariers Daniel Cohn-Bendit sowie des französischen Sozialphilosophen Gilles Kepel stellt. Und um es gleich zu sagen, der 39-Jährige wirkte dabei wie jemand, der den Ehrgeiz hat, den Dampfer Europa wieder flott zu machen.

Er setzt auf guten Willen

„Was wir in Europa haben, gibt es nicht in den USA, nicht in China und anderswo“, macht Macron gleich zu Beginn der Veranstaltung deutlich, welchen Stellenwert für ihn das Gemeinschaftsprojekt hat. Dieses Europa sei auch geeignet, sich den großen Veränderungen auf dem Planeten zu stellen, glaubt er.

Das Rezept, auf das der französische Staatspräsident setzt, ist eine Mischung aus politischer Erneuerung, Kultur und Bildung sowie sozialer Gerechtigkeit. „Wir müssen eine Koalition des guten Willens schaffen“, appelliert er an die zerstrittenen EU-Mitgliedsstaaten, sich wieder zusammenzuraufen. Dabei klammert Macron an diesem Nachmittag seinen kürzlich in seiner Rede an der Pariser Universität Sorbonne vorgebrachten Vorschlag eines gemeinsamen Haushaltsbudgets für die Länder der Eurozone erst einmal aus. Stattdessen fordert Macron eine Rückbesinnung auf das historische Einheitsprojekt, als das Europa einst gestartet war. „Da haben wir den Faden verloren“, macht er deutlich, dass er die damaligen Visionen mit neuem Leben füllen und dazu eine Debatte über die Zukunft der Gemeinschaft anstoßen möchte.

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Was die politische Entwicklung des Clubs der bald nur noch 27 Staaten betrifft, bleibt der französische Staatspräsident allerdings meist im Nebulösen. So ruft er zu mehr Demokratie auf, ohne jedoch genauer auszuführen, wie dies vonstattengehen soll. Dazu gesellt sich sein Appell, sich wieder stärker mit der Identität Europas zu befassen sowie sich auf die sprachliche und kulturelle Vielfalt zu besinnen. Überhaupt spielt die Kultur eine Schlüsselrolle in den Macronschen Visionen.

Bindemittel Kultur

Ein Bindemittel nennt der Präsident diese. Im Zugang zu Kultur und Bildung sieht Macron auch ein Gegenmittel zur Radikalisierung junger Muslime nicht nur in Frankreich. Zwar sei bei der Bekämpfung von islamistischem Terrorismus auch die grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Nachrichtendienste eine europäische Aufgabe, Erziehung und Ausbildung seien aber ebenfalls ein Gegenmittel. Macron: „Ein gut ausgebildetes Kind aus einer glücklichen Familie geht nicht zum IS.“ Man müsse allen Menschen in Europa einen Platz in der Gesellschaft ermöglichen.

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Wenig Zeit bleibt in der Debatte für andere aktuelle Probleme Europas wie die Separatistenbewegung in Katalonien oder die Flüchtlingsproblematik. Weder Frankreich noch die EU hätten in Spanien rechtliche Befugnisse, lehnt Macron eine Einmischung ab, nachdem Cohn-Bendit die Untätigkeit der Europäer kritisiert hat. Die entscheidende Rolle müsse der spanische Premierminister spielen, meint Macron.

Gleichzeitig fordert er, stärker auf die europäische Integration zu setzen. Es sei jedoch ein Fehler gewesen, allein auf die wirtschaftliche Einigung zu setzen und zu hoffen, dass die Menschen von selbst zueinander fänden. „Europa ist eine nie dagewesene Chance, Frieden in Vielfalt zu schaffen“, sagt Macron Aber man könne Europa nicht neu denken, indem man nationale Souveränitäten abschaffe.

Und was die Flüchtlinge betrifft, so enthält er sich jeglichen Kommentars zur deutschen Obergrenzen-Diskussion. „Ich respektiere die Debatte in Deutschland“, sagt Macron, der erst am Montag angekündigt hatte, 10 000 Flüchtlinge in Frankreich aufnehmen zu wollen. „Es ist entsetzlich, wenn man sagt, wir wollen keine Flüchtlinge mehr“, lässt Macron jedoch durchblicken, dass dies noch nicht das Ende der Fahnenstange bedeutet.

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