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Buchmesse in Frankfurt: Macron fordert die Überwindung der Nationalismen aus dem Geist der Sprachen

Von "Europa ist nichts ohne Kultur", sagte Frankreichs Staatspräsident bei der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse. Die Vielfalt des Kontinents sei sein Reichtum.
<span></span> Foto: JOHN MACDOUGALL (AFP)
Frankfurt. 

In meiner Kontinuität und inneren Ruhe liegt die Kraft, sagen die Hände der einen. Wir müssen den Kontinent von Grund auf neu ordnen, sagen die des anderen. Die Sprache ihrer Hände verrät viel. Auch Gemeinsames: Für Vertrauen in die deutsch-französische Partnerschaft werben beide.

Bei der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse 2017 suchten die deutsche Bundeskanzlerin und der Staatspräsident aus Frankreich, dem diesjährigen Gastland der Buchmesse, den engen Schulterschluss. Dass es bei der Buchmesse um die verbindende Kraft des Wortes, die Macht der Literatur und gemeinsame Werte geht, machte es ihnen leicht. Weder die eine noch der andere musste sich mit harten ökonomischen Fakten herumschlagen, die die Festlegung auf eine gemeinsame Europa-Politik bislang so schwierig machten: Brauchen wir nun einen Super-Finanzminister oder nicht? Sollen die europäischen Staatsschulden vergemeinschaftet werden, so dass die einen für die anderen aufkommen müssen, oder nicht? Kein Wort von all dem, was noch vor Tagen für bilaterale Spannungen und erregte Diskussionen sorgte. Stattdessen lobte Angela Merkel ausdrücklich Macrons Rede an der Pariser Sorbonne als wegweisend. Bemerkenswert war diese Rede vor allem deswegen gewesen, weil der französische Präsident darin seine bisherigen Forderungen erstmals nicht erwähnt hatte.

Sprachgrenzen überwinden

Stattdessen nahm Macron seinen Besuch in Frankfurt als Gelegenheit, die tiefe, kulturell verwurzelte Gemeinsamkeit der beiden Nationen zu betonen. Erwähnte Goethe, und wie freudig der aus Gérard de Nervals „Faust“-Übersetzung vorgelesen habe. Dass de Nerval 20 Jahre später Goethes Frankfurter Elternhaus besucht habe. Und dass aus diesem polyglotten Geist der gegenseitigen Wertschätzung und Bewunderung erst tiefe Verbundenheit erwachsen konnte. Übersetzungen machten solche Erfahrungen über alle Sprachgrenzen hinaus möglich.

Der französische Präsident Emmanuel Macron (Mitte) sprach bei der Podiumsdiskussion in der Goethe-Universität mit dem Europa-Abgeordneten Daniel Cohn-Bendit (links) und dem französischen Sozialphilosophen Gilles Kepel
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Mit diesem Umweg schmeichelte er nicht nur den Übersetzern und kündigte ganz nebenbei noch einen neuen Übersetzerpreis an, den er schaffen werde. Er näherte sich auf diese Weise auch einem seiner Kernanliegen: einer grundlegenden Erneuerung der europäischen Idee aus dem Geist des Austauschs. Weit mehr Franzosen als bisher sollen in jungen Jahren mindestens ein halbes Jahr im Ausland leben. Europas Neugründung soll auf der Kenntnis von Sprachen und ihrer Übersetzung gründen. Deswegen hat Macrons Regierung im September beschlossen, bilinguale Klassen zu fördern. Deswegen unterstützt der Präsident den Ausbau der studentischen Erasmus-Austauschprogramme. Die Universitäten, sagte Macron, sollten der Ort sein, an dem man dieses neue Europa spüre. Vor seinem Buchmesse-Auftritt hatte Macron die Frankfurter Goethe-Universität besucht.

„Ohne Kultur kein Europa“, sagte Macron. Bundeskanzlerin Angela Merkel griff sein Lob des Dialogs über alle Sprachgrenzen hinweg auf, wagte es, an die Freundschaft von Voltaire und Friedrich dem Großen zu erinnern, und an die zwischen Rilke und Rodin.

Bücher bauen Brücken

Bücher und ihre Autoren seien Seismographen, Ideengeber und auch Brückenbauer. Merkel sagte, nichts sei wichtiger in einer Zeit, in der sich Menschen zunehmend „in ihrem eigenen Land verkriechen“. In Anspielung auf ihre Herkunft aus der DDR sagte sie: „Einmal erlebt zu haben, dass man nicht jedes Buch lesen kann, bringt einen dazu, ein Leben lang dafür zu kämpfen, dass möglichst alle Menschen alle Bücher lesen dürfen.“

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Damit antwortete sie auf Heinrich Riethmüller, den Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Der hatte vor den Staatsoberhäuptern sprechen können und Merkel aufgefordert, in der Welt vehementer als bisher für die Verteidigung des freien Wortes einzutreten. Auch die jüngst beschlossene Neuregelung des Urheberrechts gefährde diese Freiheit. „Stoppen Sie den Ausverkauf des Urheberrechts!“, hatte Riethmüller appelliert.

Im Jahr 1989 war Frankreich zum letzten Mal Gastland der Frankfurter Buchmesse gewesen. Merkel erinnerte daran, dass Europa damals „überschaubar, aber auch geteilt“ war. „Heute haben wir ein vereintes, aber auch größeres Europa.“ Sie folgerte: „Wir dürfen nicht zu Getriebenen werden, sondern müssen dieses Europa gestalten.“ Da war sie wieder, die Kanzlerin, die mit der Geste der Raute nach innerer Ruhe sucht. Dass es auch den Gastland-Präsidenten nach Gestaltung drängt, war zu diesem Zeitpunkt längst klar.

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