E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 27°C

Kandidatur: Manfred Weber will der neue Juncker werden

Von Er ist 46, seit 14 Jahren in Brüssel und Vorsitzender der größten Fraktion im EU-Parlament. Nun wäre es Angela Merkel recht, wenn der liberale CSU-Mann Manfred Weber Kommissionspräsident würde.
Im Wahlkampf um den höchsten EU-Posten: Manfred Weber fühlt sich „allen Bürgern Europas verpflichtet“. Foto: Michael Kappeler (dpa) Im Wahlkampf um den höchsten EU-Posten: Manfred Weber fühlt sich „allen Bürgern Europas verpflichtet“.
Berlin/Brüssel. 

Das ist doch mal eine hübsche Idee. Die CSU ist mit Mann und Maus – also den Männern und Mäusen, die wichtig sind oder allgemein dafür gehalten werden – auf dem Weg nach Neuhardenberg. Dort geht die Landesgruppe ab Mittag in Klausur, zum ersten Mal außerhalb von Bayern. Alexander Dobrindt ist da, der Chef in Berlin, zu Besuch kommt Ministerpräsident Markus Söder ebenso wie Parteichef Horst Seehofer. Nacheinander.

Und es ist klar: Die Christsozialen haben allerlei zu besprechen. Lausige – mit CSU-Maß gemessen – Umfragewerte fünf Wochen vor der bayerischen Landtagswahl. Eine Koalition in Berlin, die nicht so recht ins Regieren findet. Und noch ein paar Malaisen.

Aber noch ehe im Schloss oder davor überhaupt nur ein Wort gesagt werden kann, platzt von anderswoher eine Neuigkeit ins preußische Landleben. In Brüssel twittert um viertel nach elf Manfred Weber: „Ich bewerbe mich als Spitzenkandidat der Europäischen Volkspartei #EVP für die Europawahlen, um Präsident der Europäischen Kommission zu werden.“

Für die CSU ist das die Nachricht des Tages. Auch für die Republik ist sie wichtig – nur wird die Republik das aus verschiedenen Gründen nicht gleich erkennen. Zum einen dockt der Name Manfred Weber außerhalb hoch politikinteressierter Kreise kaum an Erkennungssysteme an. Und dann ist Europa ein Thema, das eher Abwehr auslöst als Neugierde.

Weber hätte schon mindestens „Ich will der neue Juncker werden“ twittern müssen, um Aufsehen zu erregen. Nur wäre das – beim beschädigten Ruf des Amtsinhabers – nicht klug gewesen. Und wenn Weber in drei Eigenschaften charakterisiert werden müsste, dann gehörte die Bedachtsamkeit ganz sicher dazu; diese etwas aus der Mode gekommene Mischung aus Gescheitheit und Vorsicht.

Chancen ausgelotet

Genau genommen ist Webers Ankündigung freilich keine Überraschung, sondern Vollzug. Seit längerem schon ist er – im doppelten Sinn – im Gespräch gewesen für den Posten. Er selbst hat seine Chancen ausgelotet bei denen, die seine Kandidatur unterstützen müssen; zuallererst ist das die Kanzlerin. Als Angela Merkel jüngst zu den offensichtlichen Bemühungen von Bundesbank-Chef Jens Weidmann schwieg, neuer EZB-Präsident zu werden – musste das als Unterstützung für Weber verstanden werden. Denn: Mehr als ein Spitzenamt in Europa ist nicht drin für Deutschland, das die anderen noch 27 als ohnehin übermächtig wahrnehmen.

Wie unverzichtbar das Ja aus der heimischen Regierungszentrale ist für eine Kandidatur, erlebt gerade Federica Mogherini. Die Italienerin würde ebenfalls gern Kommission-Chefin werden – und also zuvor Spitzenkandidatin der EU-Sozialisten. Indes: Die rechtsextrem-populistische Regierung in Rom denkt nicht daran, die EU-Außenbeauftragte zu unterstützen. Weber indes hat nun, was er braucht, um am 7. November in Helsinki beim Kongress der EVP anzutreten – eventuell gegen den finnischen Ex-Regierungschef Alexander Stubb oder den Brexit-Beauftragten Michel Barnier.

Für CSU-Verhältnisse schleicht sich Weber an die Macht; schon immer. Und er gehört ja längst zu den Mächtigen – in Brüssel und Straßburg und in München auch. Seit vier Jahren ist er Chef der EVP-Fraktion; nur weiß das in Deutschland kaum jemand. Selbst vier von zehn Bayern kennen ihn nicht – obwohl er in der CSU gleich hinter Horst Seehofer kommt, als stellvertretender Vorsitzender.

Seehofer hat den studierten technischen Physiker Weber gewollt, als Ersatz für den notorischen EU-Feind Peter Gauweiler. Webers Aufstieg hat er dann ziemlich ignoriert; Europa war gerade nicht nützlich für ihn. Wer Weber beschreiben will, landet zwangsweise bei seinen Antipoden. Er ist der Anti-Seehofer, der Anti-Söder, der Anti-Dobrindt, erst recht der Anti-zu-Guttenberg. Aber Einfluss hat er mehr als jeder der vier.

Vom Gegner unterschätzt

Nicht nur für einen Christsozialen, auch für einen Niederbayern ist Weber sehr sanft temperiert. Aber zielstrebig. Und besser als er verkörpert keiner und keine den CSU-Anspruch, die Bayern vom Dorf bis nach Europa zu vertreten.

In Brüssel passt das Bierzelt-Derbe nicht – das Weber zwar beherrscht, aber selten nutzt. Sein Englisch ist Bairisch getönt, Gegner verführt das dazu, Weber zu unterschätzen. Und auf Englisch beginnt er noch am Mittwoch seinen Wahlkampf: Er fühle sich „allen Bürgern Europas verpflichtet“. Übersetzt heißt das: Verwechselt mich bitte nicht mit dieser bayerischen Regionalpartei, die in Brüssel so gern Rabatz macht.

Zur Startseite Mehr aus Politik

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen