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SPD-Kanzlerkandidat im Interview: Martin Schulz: "Ich empfinde mich nicht als verändert"

Martin Schulz will Kanzler werden - das weiß die Republik. Dass er Höhen wie Tiefen durchsteht, erlebt sie gerade. Im FNP-Interview redet Schulz darüber, warum Politik auch Gefühlssache ist und weshalb er an seinen Erfolg am 24. September glaubt. Das Gespräch führten Cornelie Barthelme und Joachim Braun.
Der SPD-Kanzlerkandidat (Mitte) im Gespräch mit Redakteuren dieser Zeitung. Bilder > Foto: Salome Roessler Der SPD-Kanzlerkandidat (Mitte) im Gespräch mit Redakteuren dieser Zeitung.

Wie fühlt sich das an, Herr Schulz, in der öffentlichen Wahrnehmung binnen ein paar Wochen vom Messias zum gefallenen Engel zu werden?

MARTIN SCHULZ: (lacht) Ich fühle mich wirklich weder als Messias noch als gefallener Engel. Ich will nicht ausschließen, dass manche Einiges in mich hineinprojiziert haben – aber so weit ging das ganz sicher nicht. Wahlen werden in den letzten Wochen entschieden – deshalb lass’ ich weder Euphorie noch Depression an mich ran.

War denn der Hype um Sie ein reines Medienereignis?

SCHULZ: Ich weiß jedenfalls nicht, wie ich ihn selber hätte produzieren können.

Aber Ihre Partei hat Sie mit hundert Prozent gewählt...

SCHULZ: Sie können ja bei einem Parteitag schlecht durch den Saal laufen und sagen: Bitte wählt mich nicht!

Die SPD wollte durch Sie erlöst werden, von den Agenda-Folgen, aus dem Zwanzig-Prozent-Verlies – das müssen Sie doch gespürt haben?

SCHULZ: Na klar habe ich gespürt, wie viel die Leute in mich projiziert haben. Aber ich habe mich davon so wenig wie möglich beeindrucken lassen. Und ich glaube, ich habe mich auch nicht verändert. Möglicherweise bin ich nicht der Politikertyp, den die Leute erwartet haben. Als ich Kandidat wurde, lag die SPD bei 20 Prozent, dann bei 30, jetzt sind es 24 bis 27 – und dazwischen habe ich immer gesagt: Ich würde mir wünschen, es ginge in kleineren Schritten. Ich kenn’ ja die Wahrnehmung der SPD: Erst in einem Rutsch hoch, dann runter – und schon ist der ganze Laden wieder depressiv.

Ist er’s jetzt gerade?

SCHULZ: Nein, überhaupt nicht. Ich spüre eine Geschlossenheit, eine Kampfbereitschaft, die ich selten erlebt habe.

Am NRW-Wahlabend haben Sie gesagt: Es fühlt sich gerade nicht besonders gut an. Anders als Ihre Kontrahentin reden Sie öffentlich über Gefühle und zeigen sie auch. Außerdem haben Sie sehr früh gesagt, die Wahl werde über Emotionen entschieden.

SCHULZ: Ja!

Welche?

SCHULZ (denkt lange nach, atmet tief durch): Ich glaube, dass viele Menschen sich in dieser Gesellschaft nicht respektiert fühlen für ihre Lebensleistung. Viele sagen mir: „Mir geht’s eigentlich gut, aber irgendwie hab’ ich den Eindruck, ich bin euch allen doch egal.“ Und wenn du dann fragst: Wer ist „euch“?, sagen sie: „Ja, ihr! Die, die das Sagen haben!“ Die meinen damit übrigens nicht nur mich als Politiker, sondern auch die Medien.

Diesen Menschen das Gefühl zu geben, ich bin ein Politiker, der weiß, was sie denken, was sie fühlen und was sie von uns erwarten: Das ist, glaube ich, meine große Stärke. Und das meine ich ganz ernst. Denen zu vermitteln: Nee, mir bist du nicht egal – ich sehe auch deine Lebensleistung. Ihnen zu sagen: Wir investieren in die Kita genauso wie in die Pflege – damit entlasten wir dich. Das mag im Moment nicht durchdringen, weil wir Donald Trump und was weiß ich auf der Agenda haben, aber Jeremy Corbyn hat gerade gezeigt: Wenn du im Straßenwahlkampf bist, wenn du mit den Menschen unmittelbar sprichst, dann kriegst du sie auch!

Welches Gefühl wollen Sie da vermitteln?

SCHULZ: Respekt. Ich glaube, dass mangelnder Respekt in unserer Gesellschaft eine ganz große Rolle spielt. Als es das gab, was Sie Schulz-Hype genannt haben – „Gottkanzler“ und was da alles gedruckt wurde – da gab’s ja auch was anderes; das hab’ ich auch jeden Tag gelesen. Ich nenn’ Ihnen mal ein paar Beispiele: „Hat den Charme eines Eisenbahnschaffners“, „sieht aus wie ein Sparkassenangestellter“, „Kann ein Mann ohne Abitur Bundeskanzler werden?“, „kauft die Anzüge von der Stange“...

…das haben Sie sich alles gemerkt?

SCHULZ: Ja, das kommt von Leuten, die sich selbst als die Elite des Landes betrachten. Ich versuche, das an mir abprallen zu lassen.

Sie haben wirklich kein Gefühl dazu?

SCHULZ: Diese Respektlosigkeit mir gegenüber trifft mich nicht. Aber ich stelle mir vor, dass es diese Haltung ja auch anderen Leuten gegenüber gibt.

Das ist eine Haltung, die bestimmte Journalisten haben. Aber die gibt es in der Politik natürlich auch.

SCHULZ: Natürlich! Die gibt es in der gesamten Gesellschaft. Nehmen Sie einen Chirurgen an der Charité, faszinierender Mann, mit Weltruhm, der Leben rettet und Bewunderung dafür bekommt. Ich bewundere den auch. Aber die OP-Schwester, ohne die er nicht operieren kann, die kriegt keinen Ruhm. Und auch keine Anerkennung. Die geht abends nach Hause und denkt: Wer respektiert eigentlich mich?

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