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Tausende Fälle seit 1946: Massenhaften Missbrauch in der katholischen Kirche aufgedeckt

Die katholische Kirche in Deutschland hat das Ausmaß von sexuellem Missbrauch untersuchen lassen. Jetzt sind wichtige Ergebnisse vorab bekannt geworden. Sie sind erschütternd.
Symbolbild Foto: dpa Symbolbild
Bonn. 

Das Thema Missbrauch belastet die katholische Kirche seit vielen Jahren enorm – nun hat eine große Studie die Situation in Deutschland aufgearbeitet und teils Erschütterndes hervorgebracht. „Spiegel“ und „Zeit“ veröffentlichten am Mittwoch vorab Ergebnisse der Untersuchung, die die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) offiziell erst am 25. September vorstellen wollte. Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in der Kirche war demnach in der Vergangenheit weit verbreitet – und ist auch heute keinesfalls überwunden. Es bestehe Grund zu der Annahme, dass der Missbrauch weiter andauere, hieß es. Deshalb wollen die deutschen Bischöfe vom 24. bis 27. September erneut eine Hotline für Betroffene von sexuellem Missbrauch freischalten. Das kündigte der Missbrauchsbeauftragte der DBK, Stephan Ackermann, am Mittwoch in Bonn an.

Den Berichten zufolge werteten die Autoren im Auftrag der DBK mehr als 38 000 Personal- und Handakten aus den 27 deutschen Bistümern aus. Für den Zeitraum von 1946 bis 2014 seien dort sexuelle Vergehen an 3677 überwiegend männlichen Minderjährigen protokolliert worden, hieß es in dem „Spiegel“-Vorab. Insgesamt 1670 Kleriker hätten diese Taten begangen. 4,4 Prozent aller Kleriker der deutschen Bistümer waren demnach mutmaßlich Missbrauchstäter. Mehr als jedes zweite Opfer sei höchstens 13 Jahre alt gewesen, in jedem sechsten Fall sei es zu Formen der Vergewaltigung gekommen.

Akten vernichtet

Der Trierer Bischof Stephan Ackermann sagte, die Kirche wisse um das Ausmaß des Missbrauchs. „Es ist für uns bedrückend und beschämend.“ Die verfrühte Veröffentlichung sei „bedauerlich“, zumal „bislang noch nicht einmal den Mitgliedern der DBK die Gesamtstudie bekannt“ sei.

4,4 Prozent aller Kleriker der deutschen Bistümer waren mutmaßlich Missbrauchstäter.
Kommentar: Missbrauch - Klares Signal der Kirche nötig

Es macht sprachlos, es schmerzt: Die Ergebnisse des Forschungsprojekts zum sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch katholische Kleriker bringt die Dimensionen des Unrechts in Erinnerung.

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Die erwähnten Fälle sind vermutlich nur ein Teil dessen, was tatsächlich geschah. „Erkenntnisse über das Dunkelfeld wurden nicht erlangt“, schreiben die Autoren der Studie nach „Spiegel“-Angaben. Die „Zeit“ zitiert: „In einigen Fällen fanden sich eindeutige Hinweise auf Aktenmanipulation.“ In mindestens zwei Bistümern seien Akten vernichtet worden. Angesichts dessen kommentierte die katholische Reformbewegung „Wir sind Kirche“, die Ergebnisse seien „ungeheuerlich, aber wohl nur die Spitze des Eisbergs“.

Dazu kommt: Die Autoren der Studie hatten keinen Zugriff auf die Originalakten. Alle Archive und Dateien seien vom Kirchenpersonal selbst durchgesehen worden, nicht von den Autoren. Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, hatte kürzlich kritisiert, dass für die Studie nicht alle Bistümer ihre Archive geöffnet hätten. Ackermann bestritt das.

Beunruhigend ist: Die Autoren der Studie sehen den Berichten zufolge keinen Anlass zu der Annahme, „dass es sich beim sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch Kleriker der katholischen Kirche um eine in der Vergangenheit abgeschlossene und mittlerweile überwundene Thematik handelt“. Die Serie der Missbrauchsfälle dauere stattdessen bis zum Ende des Untersuchungszeitraums an. Auffällig häufig seien die beschuldigten Kleriker einfach in eine andere Gemeinde versetzt worden – ohne dass diese Bescheid gewusst habe. Die Bereitschaft der Kirche, Täter auch zu bestrafen, müsse „als nicht sehr ausgeprägt“ angesehen werden, hieß es.

Gipfeltreffen mit Papst

Bei der Frage nach den Gründen für den anhaltenden Missbrauch hätten sich die Autoren zurückhaltend gezeigt, schreibt der „Spiegel“. Allerdings seien die Experten zu dem Schluss gekommen, dass „die grundsätzliche Ablehnung“ der katholischen Kirche zur Weihung homosexueller Männer „dringend zu überdenken“ sei. Außerdem müsse die Frage erlaubt sein, ob die Verpflichtung zum Zölibat – zur Ehelosigkeit des Priesters – „ein möglicher Risikofaktor“ sei. Angesichts der vielen weltweiten Missbrauchsskandale, zuletzt in den USA und in Irland, rief Papst Franziskus die Chefs aller nationalen Bischofskonferenzen zu einem Gipfeltreffen im Februar 2019 zusammen. Kommentar auf Seite 2

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