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Nobelpreisverleihung: Mediziner und Aktivist Ulrich Gottstein: "Atomwaffen sind die größte Gefahr"

Von Mit dem Mediziner und Friedensaktivisten Ulrich Gottstein sprach Dieter Hintermeier über den Friedensnobelpreis, eine Welt ohne Atomwaffen und zwei unverantwortliche Politiker.
Ulrich Gottstein (90), Internist und Gründungsmitglied der bundesdeutschen IPPNW-Sektion, mit der  Friedensnobel-Urkunde, die der Gesellschaft 1985 verliehen wurde. Foto: Salome Roessler Ulrich Gottstein (90), Internist und Gründungsmitglied der bundesdeutschen IPPNW-Sektion, mit der Friedensnobel-Urkunde, die der Gesellschaft 1985 verliehen wurde.

Herr Professor Gottstein, für Sie als renommierter Vertreter der Vereinigung Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs (IPPNW) dürfte gestern ein Tag der Freude gewesen sein, dass mit ICAN eine Organisation den Friedensnobelpreis bekommen hat, die sich weltweit für die Abschaffung von Atomwaffen einsetzt.

ULRICH GOTTSTEIN: Es war ein wunderbares Ergebnis. Die Wahl von ICAN ist ein Sieg des moralischen Gewissens der Weltbevölkerung. Es kommt dabei die Überzeugung zum Ausdruck, dass Atomwaffen die größte Gefahr für die Menschheit sind. Und das vor allem in der heutigen Zeit, in der sich die USA und Nordkorea mit gegenseitiger Vernichtung drohen.

Waren Sie überrascht, dass das Friedensnobelpreis-Komitee sich für ICAN entschieden hat?

GOTTSTEIN: Ich war überrascht, obwohl ich es im Stillen gehofft hatte. Das Komitee ist sich offenbar bewusst gewesen, dass die Gefahr eines Atomkrieges noch nie so groß gewesen ist wie heute.

Was verbindet Ihre Organisation, IPPNW, mit ICAN ?

GOTTSTEIN: ICAN ist „eine Tochtergesellschaft“ der IPPNW. Wir haben sie vor zehn Jahren gegründet und sind fast schon siamesische Zwillinge, weil wir die gleichen Ziele verfolgen. Die IPPNW-Vizepräsidenten sind auch Vizepräsidenten der ICAN.

Es ist ein schlichtes Dokument, das doch von großer Bedeutung ist: Ulrich Gottstein zeigt seine Urkunde vom Friedensnobelpreis, den er 1985 zusammen mit der Ärzteorganisation IPPNW erhalten hat.
Der Rote Faden, Folge 201 Ulrich Gottstein - Der Friedensnobelpreisträger

Helmut Kohl hielt ihn und seine Mitstreiter für Verräter. Dabei hatte sich die Ärzteorganisation IPPNW den Friedensnobelpreis verdient. Ulrich Gottstein hat die deutsche Sektion der Anti-Atomwaffenbewegung begründet. Ihm widmen wir Folge 201 unserer Serie "Der rote Faden", in der wir jede Woche Menschen vorstellen, die Besonderes für Frankfurt leisten.

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Aber Unterscheidungen wird es wohl doch geben?

GOTTSTEIN: Ja, das stimmt. Die IPPNW ist eine Organisation nur von Ärzten. An ICAN können sich alle Menschen, Gruppierungen und Vereine beteiligen. Die Kampagnen von ICAN haben dazu geführt, dass in der UNO in New York im vergangenen Monat ein Anti-Atomwaffenvertrag von 122 Nationen unterzeichnet wurde. Das sind etwa zwei Drittel aller Mitgliedsstaaten.

Alle Nato-Regierungen haben sich diesem Anti-Atomwaffenvertrag nicht angeschlossen. Auch die deutsche Regierung nicht. 

GOTTSTEIN: Ich finde es schlimm, dass die Bundesregierung, wie alle anderen Nato-Staaten auch, die Vertragsverhandlungen boykottiert hat. Das Nato-Land Niederlande hat zwar den Vertrag unterstützt, aber ihn letztlich doch nicht unterzeichnet. Dieser Nato-Boykott ist auf die USA zurückzuführen, die ihre Partnerländer unter Druck gesetzt haben, dass sie diesen Vertrag nicht unterschreiben.

Welche Folgen hat der Vertrag?

GOTTSTEIN: Er hätte, wenn mehr als fünfzig Länder ratifizieren, zur Folge, dass Atomwaffen künftig genauso geächtet wären wie jetzt schon die chemischen und biologischen Waffen. Atomwaffen wären dann illegal und dürften dann weder produziert, gelagert, angewendet oder verkauft werden.

Was sagen Sie den Menschen, die behaupten, dass Atomwaffen für Sicherheit sorgen?

GOTTSTEIN: Mit solchen Behauptungen wird der Bevölkerung Sand in die Augen gestreut. Atomwaffen sorgen im Gegenteil für eine große Gefährdung. Denken Sie nur an den Konflikt Israel–Iran, oder jetzt Nordkorea und USA. Atomwaffen haben auch in Europa keinen Frieden gesichert, denn Jahre lang wütete der Jugoslawien-Krieg, an dem sich auch Atommächte, wie zum Beispiel die USA und die Nato, beteiligten. Außerdem fanden weltweit in jedem Jahr 25 bis 50 Kriege statt. Im Vietnam Krieg und in der Kuba-Krise kam es fast zum Atomkrieg, und die Sowjetunion und USA drohten sich bis Gorbatschow mit gegenseitiger Vernichtung.

Dann hatte die Menschheit also Glück, dass es bis jetzt zu keinem Atomkrieg gekommen ist?

GOTTSTEIN: Von diesem großem Glück haben auch amerikanische Generäle gesprochen, nachdem sie aus dem aktiven Dienst ausgeschieden waren. Diese hatten nämlich Einsatzpläne für einen Atomkrieg vorbereiten müssen. Zwei von ihnen nannten es später eine Gnade Gottes, dass es nicht zu einem nuklearen Krieg gekommen ist.

Von wem droht die größte Gefahr?

GOTTSTEIN: Ganz eindeutig zwischen den USA und Nordkorea. Beide Länder haben unberechenbare Führer. US-Präsident Donald Trump hat sogar die Vernichtung Nordkoreas angedroht. Überhaupt diese Androhung ist unverantwortlich, da sie den Tod von Millionen Menschen bedeuten könnte. Nordkoreas Diktator Kim droht im Gegenzug mit einem Wasserstoffbomben-Angriff auf die USA. Prinzipiell habe ich die Befürchtung, dass sich immer mehr Länder Atomwaffen zulegen wollen, weil sie Angst vor den USA und dem aufgezwungenen „Regime Change“ haben. Auch Israel droht inoffiziell mit Atomwaffen. Deshalb möchte sich auch der Iran nuklear aufrüsten.

Was bleibt zu tun?

GOTTSTEIN: Heute gibt es zu viele nationalistische und egoistische Regierungen auf der Welt, die auch in der Lage sind, Atomwaffen einzusetzen. Wir möchten deshalb, dass die Bundesrepublik beim Kampf gegen Atomwaffen Schrittmacher ist, wie sie es beispielsweise beim Klimaschutz ist. Auch sollte sie dafür sorgen, dass die Atombomben auf dem Fliegerhorst Büchel entfernt werden, wie es der Bundestag vor einiger Zeit beschlossen hat. Und die Bevölkerung sollte immer achtsam sein, denn auf die moralische Qualität einer Regierung kann man sich nicht verlassen.

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