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Kampf gegen schlechten Ruf von Nordrhein-Westfalen: Ministerpräsidentin Hannelore Kraft: Kümmerin in der Defensive

Von Am Sonntag wählt Nordrhein-Westfalen – und für die SPD geht es im Ruhrgebiet wieder einmal um alles. Wenn sie dort nicht siegt, wird Hannelore Kraft nicht Ministerpräsidentin bleiben und niemand mehr daran glauben, dass Martin Schulz Kanzler werden kann.
„Schauen Sie genau hin. Wir brauchen uns nicht zu verstecken.“ Hannelore Kraft im Wahlkampf: Die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin spricht in Mühlheim an der Ruhr mit Wählern und versucht, sie von sich und ihrer Politik zu überzeugen. Foto: STR/EPA/REX/Shutterstock (Rex Features) „Schauen Sie genau hin. Wir brauchen uns nicht zu verstecken.“ Hannelore Kraft im Wahlkampf: Die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin spricht in Mühlheim an der Ruhr mit Wählern und versucht, sie von sich und ihrer Politik zu überzeugen.
Herne/Hagen/Kamen/Bochum. 

Unterschätzt werden hat auch Vorteile. Wer ans Ruhrgebiet denkt, aus Frankfurt oder aus München, hat Bilder von Fördertürmen im Kopf, rostend und rottend, die niemand mehr braucht. Von Straßenzügen oder gleich ganzen Stadtteilen, in die niemand mehr will, ob als Bewohner oder als Polizist oder bloß auf Besuch. Es gibt Fotos, die diese Überzeugung herstellen vom Ruhrgebiet als verlebter und verlotterter und vergessener Katastrophenregion. Und Fotos lügen ja nicht …

Wenn Hannelore Kraft über Dortmund und Herne und Bochum redet und über Duisburg, verliert das Ruhrgebiet sein Schreckensgesicht. Es wird dann auch keine auf strahlend geschminkte Schönheit daraus, obwohl Krafts Gegner ihr das gerne vorwerfen. Krafts Genossen nennen ihren Ruhrgebiet-Blick „ehrlich“.

CDU-Herausforderer Laschet	F: dpa Bild-Zoom Foto: Marcel Kusch (dpa)
CDU-Herausforderer Laschet F: dpa

Ehrlich ist ein schwieriges Wort, grundsätzlich in einer Zeit, in der nicht nur, aber gerade Politik den Begriff Fake-News wie einen Hammer benutzt, einen Totschläger für Darstellungen. Da muss gar nicht Wahlkampf sein. Aber es ist. Und es ist NRW. Und es ist viereinhalb Monate vor der Bundestagswahl. Und wenn die SPD Nordrhein-Westfalen verliert, dann wird das die Republik so verstehen, als hätte Martin Schulz gegen Angela Merkel verloren. Schon jetzt.

Mit alldem im Gepäck fährt Hannelore Kraft durch das Land, das sie seit sieben Jahren regiert. Am Sonntag vor ihrem Wahl-Sonntag ist die SPD in Schleswig-Holstein schwer unter die Räder gekommen. Am Montag vor ihrem Wahl-Sonntag sagt Kraft, dass Kiel nicht Düsseldorf sei und sie nicht Torsten Albig. Und im Übrigen das Ruhrgebiet nicht Duisburg-Marxloh. Und NRW nicht das Ruhrgebiet.

Marxloh aber ist das republikweite Synonym nicht nur für einen städtebaulichen und gesellschaftlichen Zustand geworden, sondern mehr noch für ein Gefühl. Dass vieles irgendwie in Unordnung geraten ist und die, die es in Ordnung hätten halten müssen oder es nun wenigstens wieder in Ordnung bringen müssten, es irgendwie nicht wollen oder nicht können. Oder irgendwie beides.

Info: Rundumschlag des FDP-Chefs

Die FDP-Spitze hat sowohl Bundeskanzlerin Merkel (CDU) als auch SPD-Kanzlerkandidaten Schulz scharf kritisiert. Merkel habe auf der internationalen Bühne eine verantwortungsvolle

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Im „Parkrestaurant“ in Herne ist am Montagmorgen vor der Wahl das Ruhrgebiet so in Ordnung wie nur vorstellbar. Wintergartenidyll mit Parkblick, erstes Haus am Platze, darin 150 erwartungsfrohe Menschen. Es ist Krafts erster Termin, es werden noch fünf öffentliche und zwei nichtöffentliche folgen; zu Sekt und Schnittchen streichelt sie die Gemüter ihres Publikums beim „Ehrenamtsempfang“, lobt hoch und dankt tief. Und zum ersten Mal sagt sie den Satz, den sie noch oft sagen wird: „Wir haben einen Plan.“

Die Vorwürfe

Die Konkurrenz behauptet das Gegenteil, was sonst. Zeichnet Bilder von einem Bundesland, in dem nichts funktioniert: Straßen, Schulen, Sicherheit, Internet – alles heruntergekommen bis überhaupt nicht da. Dafür viel Armut, viel Schulden – und jede Menge Behördenversagen, auch richtig gravierendes wie in der Kölner Silvesternacht 2015 und im Fall des Breitscheidplatz-Terroristen Anis Amri. Kraft fordert ihr Publikum auf: „Schauen Sie genau hin, was Daten und Fakten angeht. Wir brauchen uns nicht zu verstecken.“

Natürlich weiß Kraft, was alle wissen, die Politik betreiben: Ihr Geschäft ist undurchschaubar geworden für die Regierten. Umgekehrt: Was soll sie tun, wenn die Wähler von ihr vor allem Rentenabsicherung erwarten und ein Ende der unendlichen Ketten befristeter Arbeitsverträge, die jungen Leuten so oft so viel Sicherheit nehmen? Für beides ist Berlin zuständig, nicht sie. Kraft sagt in solchen Momenten, „die sachgrundlose Befristung muss weg“ – aber nicht: „Leute, bei mir seid ihr falsch“.

Und sie sind ja, in gewisser Weise, doch genau richtig bei ihr. Weil sie ja findet, dass die Leute recht haben. Und weil für sie, von Anfang an, Politik nie nur Machen gewesen ist, sondern immer auch – Kümmern. „Kümmerpartei“ nennt sich die SPD in NRW gerne. Noch. Oder wieder.

Schlechte Presse

Möglicherweise nervt Kraft inzwischen dieses Wort. Nah beim Kümmern liegt, rein sprachlich, nicht zugewandt oder verantwortungsvoll, sondern – kümmerlich. Und so hat sie jüngst der „Spiegel“ genannt, mit einem „Königin“ davor. Und behauptet, für Politik „interessiert sie sich gar nicht“.

Es war der alte Vorwurf, den auch Angela Merkel längst kennt. Dass sie ja Macht wolle. Und dann auch noch behalten. Der ganze Text über Kraft las sich, als hätte das „Spiegel“-Hauptstadtbüro viel mehr gedankliche und gesellschaftliche Anschlüsse verpasst als Rheinland und Westfalen und Lippe zusammen.

Man könnte sich, wenn man durchs Ruhrgebiet fährt, mit Ministerpräsidentin oder ohne, ganz schlicht fragen, was es mit einem Landstrich macht und mit den Menschen dort, wenn sie binnen einer Generation den guten Ruf verlieren – ohne selbst daran schuld zu sein. Ohne persönlich etwas falsch gemacht zu haben. Plötzlich nicht mehr als Reichtumslieferant der Republik zu gelten, nicht einmal mehr als Muster-Malocher – sondern als eine Art Armenhäusler. Zum allermindesten drängt es in ständigen Rechtfertigungszwang. Unternehmer wie Beschäftigte. Menschen auf der Straße. Politiker sowieso. Alle sagen in einem fort, es sei hier viel besser, als alle da draußen glaubten.

Für Kraft, in Mülheim/Ruhr zu Hause, beginnt „da draußen“ schon in den Verlegerbüros der Regionalblätter. Traditionell sind die Zeitungen hier schwarz oder rot. Aktuell sterben sie vor sich hin wie zuvor die Zechen. In den überlebenden, findet die SPD, werde ihre Ministerpräsidentin heruntergeschrieben – und der Herausforderer hoch.

Ob deshalb die CDU gerade aufschließen kann und mitunter gar gleichziehen in den Umfragen? Selbst die Christdemokraten sind überrascht, weil sie das ihrem Spitzenkandidaten Armin Laschet nicht zugetraut haben. Kraft sagt „Ist mir vollkommen egal“. Was auch sonst? Dass sie Sorgen kriegt jetzt oder Angst?

„Ich bin sehr ruhig“

Sie findet ohnehin, Politiker würden viel zu oft unter die Psycho-Lupe gestellt. Ihre Seele will sie aber nicht hergeben als Kriterium. Dass die Arbeitslosigkeit im Land auf dem niedrigsten Stand seit 1993 ist, dass im Ruhrgebiet „wieder genauso viele Leute beschäftigt sind wie zu den besten Zeiten von Kohle und Stahl“ – daran sollen die Wähler sie messen. Wenn schon die Journalisten es nicht tun.

In Bochum, kurz vor Mitternacht, endet der Vorwahl-Montag. In Berlin in der Parteizentrale ist der Schleswig-Holstein-Schock über Nacht von der NRW-Nervosität verdrängt worden; gut 500 Kilometer entfernt sagt Hannelore Kraft, man solle jetzt doch mal abwarten. „Tief im Westen“ hat vor 33 Jahren Grönemeyer gesungen. Und dass es hier viel besser ist, als man glaubt. Der stählerne Puls hämmert längst nicht mehr durch die Nacht. Hannelore Kraft sagt: „Ich bin sehr ruhig.“

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