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Den Deutschen ist das Auto viel zu lieb und teuer, um richtig böse über die Trickserei zu sein: Mit 300 PS zum guten Gewissen

Von Sie haben immer gemacht, was geht – und auch das Unmögliche möglich: die deutschen Autobauer. Alle hatten ihren Profit, auch die Umwelt, hieß es. Aber wenn sie nur ein bisschen nachgedacht hätten, die Politiker, die Kunden – dann wäre ihnen aufgefallen: „Allen geht’s gut“ geht nie.
Symbolbild Foto: Franziska Kraufmann (dpa) Symbolbild
Berlin. 

Ist ja nicht so, dass Twitter eine reine Schwachsinnsfabrik wäre. Jüngst etwa – gerade hatte der Bundesverkehrsminister dem Porsche Cayenne die Zulassung entzogen, schon ging es los. Das hübscheste Gezwitscher fragte, wie denn jetzt bloß im Prenzlauer Berg der Nachwuchs zum Kinderyoga kommen solle.

Nun ist der Berliner Kiez zwar längst vom Treff der Hippen zum Hort mancherlei Irrwitzes und also zur Lachnummer geworden. Aber was die real existierende Persönlichkeitsspaltung der mobilen Gesellschaft angeht, hat der Prenzlberg gar nichts speziell Amüsantes – sondern ist Lebensraum der Stinos, der Stinknormalen also.

Der Beweis liegt leicht westlich, aber gleich nebenan. In Potsdam, als Landeshauptstadt nicht großstädtischer als Wiesbaden, bietet der Bio-Supermarkt an der Einfallstraße die perfekte Illustration der These von der ungebremsten Ausbreitung des PS-geilen Ökofreaks.

Cornelie Barthelme, Korrespondentin. Bild-Zoom
Cornelie Barthelme, Korrespondentin.

Es parken dort, jeden Tag zu jeder Zeit, hermetisch getrennt von Rudeln räudiger Fahrräder, in Reihe die üblichen SUV – X5, Q7, XCsonstwieviel, Touareg, besagter Cayenne, dazwischen fast schüchtern der eine oder andere Daimler im Kombi-Format. Alle schwarz natürlich, maximal anthrazit-metallic, unter der aufpolierten Karosse Gummi auf Alu im breitestmöglichen Niederquerschnitt. Im Geschäft laden sich die Eigner oder Chauffeusen fünf Öko-Bananen und ein Fläschchen Bio-Wein auf den Arm – und draußen dann von dort in den Wagen. Nur der Asphalt unter den Rädern verhindert, dass beim Start der Schotter spritzt. Produziert wird, was geht, sagt der Kollege vom Auto-Ressort. Ein sehr schlichter Satz. Und so wahr. Und so falsch. Und beides erweist der Diesel-Skandal.

Seit wann eigentlich führen die deutschen Autobauer sich auf wie in einer schon etwas vergangenen Zeit die eher ärmlichen Autobesitzer? Als vor allem Rost die eben nicht stahlharten Beziehungen schied, als jedes Bläschen vertuscht wurde – und trotzdem zur schwärenden Beule gedieh und schließlich zum Loch. Der TÜV spürte damals selbst unter fingerdickem Spachtel versteckte Konservendosendeckel auf, mit denen Käfer-Radkästen dicht geschminkt worden waren. Das Scheppern, mit dem das Blech wie ein zu groß geratenes Zehnpfennigstück über den Hallenboden rotierte, war die Melodie der Trickser-Blamage.

Der Aufruhr in der Welt über die vier Jahrzehnte danach enttarnten Gauner im Auto-Geschäft klingt unendlich viel schriller, der Beschiss ist ja auch unendlich viel aufwendiger und ausgefuchster und monströser. Hochprofessionell, wenn man so will. Kein Wort der Scham der Betrüger aber ertönt oder wenigstens des Schuldbewusstseins. Nicht einmal die Betrogenen regen sich wirkungsvoll auf – jedenfalls nicht in dem Land, das sich als Weltzentrale der Konstrukteurskunst versteht, nun aber enttarnt ist als Hauptgeschäftsstelle der Spitzbüberei. Statt Tüftlern nur Täuscher – geht das womöglich ans Selbstverständnis des Automobilisten, vielleicht sogar des – oder der – Deutschen an sich? Wollen sie sich das hübsche Nummer-eins-in-der-Welt-Gefühl nicht von irgendwelchen US-Behörden ruinieren lassen? Wo schon der Euro eben nicht die Mark ist, die Deutsche Bank eine Zockerbude auf Reha, das mit dem Dichten und Denken nur noch eine nostalgische Alliteration – jetzt auch noch die Helden der Industrie verkommen sehen? Und was wird aus dem Bruttoinlandsprodukt? Der Kollege aus dem Auto-Ressort jedenfalls zürnt, dass gerade das Erbe Rudolf Diesels verspielt, vertan, verplempert werde. Weil statt der Ingenieure längst die Verkäufer das Sagen hätten. Der Profit alles gelte – und die Nachhaltigkeit nichts. Und weil die Politiker nach dem alten Prinzip Erst-so-lange-wie-möglich-ignorieren-dann -schlagartig-Handlungsfähigkeit-beweisen plötzlich Feinstaub, Stickoxid und CO2 zu einem einzigen Gift mixten – und den Diesel opferten auf dem Altar der ebenso ahnungslosen wie aufgeputschten öffentlichen Meinung. Diesel-Gipfel – pah! Man kann das so sehen.

So, wie man sich fragen kann, weshalb eigentlich niemand bemerkt, wie groß, ja gigantisch die Ingenieurskunst noch immer ist in Wolfsburg und Ingolstadt und Untertürkheim. Und erst das Gespür für die Kunden! Den Chinesen geht Länge über alles – streckt ihnen Benz halt den Radstand. Und der Deutsche will mit 300 PS zum guten Gewissen, zum allerbesten auf der großen weiten Welt. Haben sie eben die genialste Gewissensberuhigungssoftware auf dem ganzen Globus gemacht. Hat ja auch funktioniert. So gut wie die Energiewende mit den ganzen Kohlekraftwerken. Aber das ist eine ganz andere Geschichte. Eventuell.

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