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CSU: Mitten im Ringen um Jamaika tobt in der bayerischen Unionspartei der Führungsstreit

Von In Berlin soll er für seine Partei das Maximum herausschlagen, in München wird unterdessen erklügelt, wie er anschließend möglichst geschickt zu entthronen wäre: Horst Seehofer steht im Zentrum eines von Zukunftsängsten und Machtbegierden beschleunigten Treibens.
Die Junge Union in Bayern feiert Markus Söder. Foto: Daniel Karmann (dpa) Die Junge Union in Bayern feiert Markus Söder.
Berlin. 

„Alles im Plan“, sagt Horst Seehofer, als er aus der Landesvertretung der Baden-Württemberger unter den nachtschwarzen Himmel über Berlin tritt und zu seinem Dienstwagen strebt. Das Haus liegt im sogenannten Botschaftsviertel, gleich gegenüber beginnt der Tiergarten, und zu Mauer-Zeiten war das hier ein öder Ort, wo bei Dunkelheit in Autos Sex gegen Geld getauscht wurde, nicht gegen Spaß. Jetzt sollen in taghell erleuchteten Räumen Neins gegen Jas eingehandelt werden oder wenigstens gegen Vielleichts; Spaßig ist das, wenn man den Gesichtern der Feilschenden glauben will, auch nicht.

Von vielen in der Partei als Nachfolger favorisiert: Finanzminister Markus Söder Bild-Zoom Foto: Sven Hoppe (dpa)
Von vielen in der Partei als Nachfolger favorisiert: Finanzminister Markus Söder

Drei Worte also sagt Horst Seehofer und damit drei mehr als die Kanzlerin. Aber wie auch immer er sie meint: In jedem Fall sind sie eine Lüge. Bei den sogenannten Sondierungen für die eventuelle Jamaika-Koalition kann schon deshalb nichts im Plan sein, weil es gar keinen gibt. Und für die ganze große Gesamt-Seehofer-Lage gilt das exakt Gleiche. Seit der Bundestagswahl treibt die CSU durch eine Führungskrise, je mehr Seehofer und der Parteivorstand von Mäßigung reden, um so mehr kommen die Beteiligten auf Touren, und es ist nicht heraus, ob sie den Höhepunkt wirklich noch so lange hinauszögern können, wie sie es sich vorgenommen haben.

Vorgesehener Termin: kommender Samstag. Vorgesehener Ort: München. Vorgesehene Frage: Seehofer oder Söder? Oder vielleicht beide? Oder…

Immer mehr mischen mit

Übers Wochenende aber hat sich nicht nur das Tempo erhöht, sondern auch die Zahl der Beteiligten am munteren Treiben in Sachen CSU-Spitze jetzt und zukünftig. Erst hat Partei-Vize Ilse Aigner sich nach langem Schweigen gemeldet und per „WamS“ geätzt: „Das Bild, das wir abliefern, ist katastrophal.“ Dann hat der EU-Parlamentarier Markus Ferber „Spektakel!“ gegrollt, via „Deutschlandfunk“, und gemutmaßt, dass „gerade in Bayern“ viele sich „angewidert von der CSU abwenden“ würden, wegen all der Rangelei und Intrigiererei.

Innerparteilich unter Druck: Der CSU-Vorsitzende  und Ministerpräsident Horst Seehofer Bild-Zoom Foto: Maurizio Gambarini (dpa)
Innerparteilich unter Druck: Der CSU-Vorsitzende und Ministerpräsident Horst Seehofer

Und schließlich dekretiert im Bayerischen Rundfunk Erwin Huber, der zur CSU ein Verhältnis hat wie andere zu ihrer Mutter oder ihrer Frau, dass Seehofer „nicht selber den Anspruch erheben sollte, alle Personalentscheidungen vorzugeben“, sondern dass jetzt „offene Diskussionen“ fällig seien. „Es gibt in der Demokratie keine Erbhöfe.“

Was Bayern und die Staatskanzlei betrifft, sieht die CSU das bekanntlich ganz anders. Aber dass sie die Antwort auf die Führungsfrage geben wollen und nicht Seehofer sie geben darf und schon gar nicht allein: Da – und vielleicht nur da – sind sich die 140 000 Christsozialen einig.

Wählen wird, selbstverständlich, am Ende der Parteitag. Entschieden jedoch wird zuvor im kleinen Kreis. In der Landtagsfraktion, die sich als Herz der CSU versteht. Und im Parteivorstand. Beide werden am Samstag tagen, in der Reihenfolge. Beide erwarten Seehofer. Und wenn er nicht von selbst auf das Thema Nachfolge kommt, dann werden sie ihn fragen.

Der Reigen dreht sich

Bis dahin dreht sich weiter der Reigen der diversen Konstellationen, wie einst bei Schnitzler, Arthur, dem Dichter aus Wien. Mit Seehofer? Mit Söder? Mit Aigner? Oder mit Joachim Herrmann? Wer kann mit wem? Und zwar so gut, dass die absolute Mehrheit bei der Landtagswahl 2018 als sicher gelten kann? Das ist die schlimmste Fantasie der Christsozialen, ihr kollektiver Alptraum: Sie verlieren das Alleinregierungsrecht, das ja ihren Machtanspruch in Berlin und in Brüssel begründet; womöglich sogar nicht nur vorübergehend, wie schon 2008 einmal, sondern auf Dauer. Vor dem 24. September haben sie zumindest letzteres für unmöglich gehalten. Aber seit der Bundestagswahl können sie sich alles vorstellen.

Dass Seehofer von selbst und rasch zurücktritt allerdings kaum. Dass er einfach weitermachen will wie bisher, schon eher. Dass er auf eine Teilung der Macht spekuliert, Söder als Regierungschef in München, er als Vorsitzender und Minister in Berlin.

Es gibt auch Paarungsfantasien ohne Seehofer. Keine mit ihm, aber ohne Söder. Aber Söder in München mit Aigner in Berlin, beispielsweise. Für Angela Merkel wäre das grenzbrillant; schließlich hat sie ein Kabinett mit 50 Prozent Frauenanteil versprochen. Allerdings fragen manche auch halblaut, wer eigentlich gerne CSU-Chef sein wolle neben einem Ministerpräsidenten Söder. Manche denken an den EVP-Fraktionschef Manfred Weber, manche an Alexander Dobrindt, den neuen Landesgruppenvorsitzenden.

Vor lauter Namen vergessen etliche, wie sehr die Frage nach künftiger Verortung – eher mittig, eher rechts, wie weit? – die CSU ohnehin schon anspannt und reizt und treibt. Nein, es ist kein Spaß gerade für die Christsozialen. Und falls es doch einen Plan geben sollte, einen Seehofer’schen, dann – wollen sie sich den lieber nicht vorstellen.

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