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Interview mit Michael Kadow: Mobilitätskongress sucht nach Lösungen gegen das Verkehrschaos

Was sind die drängendsten Aufgaben des heute beginnenden Mobilitätskongresses in Frankfurt? Unser Mitarbeiter Matthias Pieren hat sich darüber mit Michael Kadow unterhalten. Er ist Geschäftsführer des „hessischen Innovationszentrums für nachhaltige Logistik und Mobilität“.
Verkehrs-experteMichael Kadow Foto: Pieren Verkehrs-experteMichael Kadow

Täglich dauern die Verkehrsmeldungen länger und überfüllte S-Bahnen gehören längst zum Alltag. Stehen wir vor einem Verkehrskollaps?

MICHAEL KADOW: Auf die Frage, ob und wann ein Verkehrskollaps eintritt, gehen die Meinungen bekanntlich auseinander. Unabhängig davon müssen wir feststellen, dass die Zahl der Staus und die Gesamtlänge der Staus wachsen. 2009 haben wir nach Angaben des ADAC noch 140 000 Staus mit einer Gesamtlänge von 350 000 Kilometer in Deutschland gemessen, im vergangenen Jahr waren es bereits 694 000 Staus mit einer Länge von 1,3 Millionen km. Auch die Schieneninfrastruktur ist zeitweise überlastet, vor allen in den Metropolregionen. Das alles hat seinen Preis. Die volkswirtschaftlichen Kosten allein von Straßenstaus beziffert das US-amerikanische Verkehrsanalyse-Unternehmen Inrix für Frankfurt mit fast 700 Millionen Euro pro Jahr, in München liegt der Verlust bei fast zwei Milliarden Euro.

Welche Stellen und Institutionen müssen der Entwicklung entgegenwirken?

KADOW: Der Staat in Gänze muss seine gestalterische Rolle insbesondere bei den Infrastrukturmaßnahmen wahrnehmen, die technologischen Entwicklungen berücksichtigen und die Realisierungszeit von der Planung bis zur Eröffnung drastisch reduzieren. Diese Herausforderung zu meistern, ist jedoch nicht allein Aufgabe des Staates, der natürlich im Zuge der Daseinsvorsorge zuerst in der Pflicht ist. Wir müssen auch darüber nachdenken, welche Wege wir als Kunden und Verbraucher mit welchen Verkehrsmitteln zurücklegen und ob und in welcher Weise Unternehmen ihr betriebliches Mobilitätsmanagement vorantreiben und attraktiver machen. Am Ende des Tages sollten alle Beteiligten kooperieren und ihre Maßnahmen aufeinander abstimmen.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen in Rhein-Main? Gibt es einen „Flaschenhals im Verkehrsfluss“, der als erstes geöffnet werden muss?

KADOW: Was die Prioritäten angeht, sollten wir die Regionaltangente West und die nordmainische S-Bahn endlich, nach vielen Jahren der Planung, fertigstellen. Pendler brauchen ein attraktives Angebot, um vom Auto in den Öffentlichen Personen-Nahverkehr (ÖPNV) umzusteigen. Im Konzept FrankfurtRheinMainPlus wurden schieneninfrastrukturelle Maßnahmen definiert, die für die prognostizierten Verkehrszuwächse erforderlich sind und die Leistungsfähigkeit des gesamten Rhein-Main-Gebietes sicherstellen. Generell sollten die Maßnahmen abgearbeitet werden. Das reicht aber nicht aus, weil FrankfurtRheinMainPlus zu einer Zeit konzipiert worden ist, wo der Zuzug in die Region und der Brexit mit all seinen Folgen nicht absehbaren waren. Natürlich sollten wir auch Radschnellwege bauen – der Verweis auf die Niederlande oder Dänemark beim Thema Radverkehr allein verändert die Lage ja nicht. Priorität muss auch der Bau der ICE-Strecken Frankfurt – Fulda und Frankfurt – Mannheim haben und natürlich die Vernetzung all dieser Verkehrsmittel.

Die Landesregierung setzt darauf, dass „mittelfristig“ ein Schienen-Ring um Frankfurt herumgeführt werden muss, damit nicht alle S-Bahnen durch die City fahren müssen. Verkehrsminister Al-Wazir sagte in seiner Regierungserklärung Ende August, dass auf Dauer kein Weg daran vorbei führt. Wie bewerten Sie dieses Konzept?

KADOW: Engpässe gibt es in der Schieneninfrastruktur, worauf RMV-Geschäftsführer Prof. Knut Ringat ja schon seit Jahren hinweist. Die Stadt München, die ja, was die Anzahl der Pendler angeht, in einer ähnlichen Situation ist wie Frankfurt, hat im April mit dem Bau eines zweiten S-Bahn-Tunnels begonnen, um mehr Kapazität zu haben. Ob für Frankfurt ein zweiter Tunnel sinnvoll ist, müssen Experten entscheiden. Al-Wazir hat, wie Sie richtig gesagt haben, in seiner Regierungserklärung im Landtag jedenfalls angeregt, über eine S-Bahn-Ringlinie nachzudenken. Und er hat deutlich gemacht: Wir werden an diesem Projekt vermutlich nicht vorbeikommen.

Die Zunahme des Straßenverkehrs ist nicht alleine in der Region zu beeinflussen oder zu steuern. Lässt sich bundesweit die Automobilität beeinflussen? Wie kann man dem in Hessen durch die Infrastruktur begegnen?

KADOW: Es wird künftig nicht um die Bevorzugung eines Verkehrsmittels gehen, sondern darum, welches Verkehrsmittel für welche Aufgabe geeignet ist. Auch muss überlegt werden, wie wir die verschiedenen Verkehrsmittel im Zuge der digitalen Transformation auf eine Weise miteinander vernetzen. Im Idealfall ist so eine umfassende, komfortable und sichere Mobilität für alle möglich. Dabei wird es auch, aber eben nicht nur um den Ausbau der Infrastruktur gehen, etwa um den Ausbau der Schieneninfrastruktur. Wesentlich wird die Vernetzung sein und ein Bewusstseinswandel für die Art und Weise, wie wir künftig mobil sein wollen.

Was heißt das konkret?

KADOW: Der ÖPNV, in Kombination mit Pedelec und E-Bike wird in Zukunft vor allem in Ballungsräumen eine größere Rolle spielen. Das Car Sharing wird an Bedeutung gewinnen und das automatisierte bis hin zum autonomen Fahren die Autofahrt sicherer, flüssiger und komfortabler machen. All diese Serviceleistungen zu vernetzen, wird das Angebot attraktiver machen.

Und das genügt?

KADOW: Der nächstliegende Schritt ist die Einführung des automatisierten und in letzter Konsequenz autonomen Fahrens. Darin liegen enorme Möglichkeiten, den Verkehr deutlich sicherer und flüssiger zu machen. Es gilt, sich jetzt Gedanken zu machen und die Chancen zu nutzen. Ein Wissenstransfer-Zentrum für autonomes Fahren, das sich mit Prozessen und Auswirkungen der neuen Technologie beschäftigt, könnte den Mobilitäts- und Logistikstandort, aber auch den Technologiestandort Hessen weiter stärken.

Welche Chancen bietet dabei der Mobilitätskongress?

KADOW: Der Kongress zeichnet sich dadurch aus, dass er im Grunde alle Verkehrsarten im Blick hat und den Stand der Entwicklung diskutiert. Der Veranstalter, die Deutsche Verkehrswissenschaftliche Gesellschaft DVWG, möchte mit seinen Kooperationspartnern RMV und Holm GmbH die Kombination der Verkehrsmittel und die Intermodalität in den Vordergrund stellen und das Gegeneinander bestimmter Verkehrsmittel überwinden. Und natürlich wollen wir Aufmerksamkeit und Bewusstsein schaffen für die Bedeutung des Themas für uns alle. Mobilität ist eine interdisziplinäre Aufgabe, die das „House of Logistics and Mobility“ aufgreift.

Das Kongress-Motto heißt „Vernetzte Mobilität – mehr als mobile Netze“ statt. Welche Verkehrsträger und -stränge bilden das Mobilitätsnetz?

KADOW: Mit dem Verkehrsnetz ist es wie mit dem Internet, dem Netz der Netze. Die vorhandenen Verkehrsnetze sinnvoll, optimal und sicher zu verknüpfen, ergibt in der Summe und als Effekt mehr als die bloße Addition der einzelnen Teile. Die Herausforderung besteht heute darin, Schnittstellen zwischen den Netzen zu optimieren und neue Schnittstellen zu schaffen.

Nennen Sie doch bitte Beispiele!

KADOW: Graz hat diese Schnittstellen TIM-Standorte genannt, TIM steht für „Täglich Intelligent Mobil“. Dabei handelt es sich um besondere Haltestellen des ÖPNV, an denen der Kunde e-Car Sharing und E-Bike-Sharing nutzen, sich aber auch ein Taxi nehmen oder in eine andere Linie umsteigen kann.

Die Podiumsdiskussion heute Abend steht unter der Frage, „Ethik der Mobilität – wie viel Verkehr können wir noch verantworten?“ Nennen Sie bitte zwei oder drei Grundgedanken dazu.

KADOW: Prof. Schneidewind hat kürzlich bei der 5. EXCHAiNGE-Konferenz, der Fachkonferenz für Entscheider in der Logistik, daran erinnert, welche Kosten und Konsequenzen der von uns mitverursachte Klimawandel hat. Klimawandel entsteht durch die erhöhte Konzentration von CO2 in der Atmosphäre, das bei Verbrennung fossiler Brennstoffe ausgestoßen wird. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass der Verkehrssektor weltweit im Schnitt 22 Prozent zum CO2-Ausstoß beiträgt, in Hessen sogar 36 Prozent. Und wir müssen leider feststellen, dass der Verkehrssektor in Deutschland heute immer noch so viel CO2 ausstößt wie 1990, während andere Sektoren wie etwa die Industrie ihren Ausstoß deutlich senken konnten. Der Klimawandel bedroht uns alle, wirkt sich vor allem aber dort aus, wo im Vergleich zu den Industrienationen nur wenig Kohlendioxid erzeugt wird, etwa in Südasien, auf den Pazifikinseln oder in Afrika. Selbst die Schweiz ist stärker vom Klimawandel betroffen als andere Staaten, wie die Katastrophe am Piz Cengalo gezeigt hat. Klimawandel ist ungerecht. Deshalb müssen wir uns unserer Verantwortung stellen, und das berührt auch ethische Fragen.

Wann wäre der Kongress ein Erfolg?

KADOW: Wenn es uns gelingt, die Chancen deutlich zu machen, die in der Vernetzung der Verkehrsmittel liegen, wenn es uns gelingt, die eine oder andere Hürde beiseite zu räumen bei der Entwicklung eines optimalen, zuverlässigen und umweltfreundlichen Verkehrssektors und Bewusstsein zu wecken für die Verantwortung, die wir haben, dann wird der Kongress ein Erfolg sein. Ich bin überzeugt, dass uns das zusammen mit unseren Partnern und den Teilnehmerinnen und Teilnehmern gelingen wird.

Heute startet der Mobilitätskongress

Das Rhein-Main-Gebiet boomt: Immer neue Industrie- und Gewerbeflächen belegen das ebenso, wie beeindruckende Wirtschaftsdaten. Weitere deutliche Hinweise sind Ein stetig steigendes Bevölkerungswachstum,

clearing
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