Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Laufsport - Alles rund um den Mainova Frankfurt Marathon ... Frankfurt am Main 21°C
6 Kommentare

Interview: Motive von Wutbürgern: "Sie fühlen sich abgehängt"

Von Der Begriff des Wutbürgers kam im Jahr 2010 in Zusammenhang mit dem Stuttgarter Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 auf. Er bezeichnet Unzufriedene, die sich von der Politik betrogen fühlen. Welche Rolle spielen Wutbürger im Wahlkampf? Unser Reporter Dieter Hintermeier sprach darüber mit dem Rhetorik-Dozenten Jürgen Werner.
Ein Teilnehmer bei einer AfD-Kundgebung in Magdeburg macht seinem Unmut Luft. Foto: Christian-Ditsch.de (imago stock&people) Ein Teilnehmer bei einer AfD-Kundgebung in Magdeburg macht seinem Unmut Luft.

Haben die deutschen Wutbürger mit der rechtspopulistischen AfD eine Heimat gefunden?

JÜRGEN WERNER: Rechtspopulistische Bewegungen sind nicht auf Deutschland beschränkt. Ich denke hier an den Front National in Frankreich, die Lega Nord in Italien, an Geert Wilders in den Niederlanden oder an die Tea-Party-Bewegung, die mitgeholfen hat, den amerikanischen Präsidenten Donald Trump ins Amt zu hieven. In Polen und Ungarn sind rechtspopulistische Parteien mit absoluter Mehrheit an der Regierung. Das sind alles viel größere und stärkere Bewegungen als die AfD und ihre Wähler in Deutschland.

Also kein Grund zur Besorgnis?

WERNER: Im Gegenteil. Gerade die Internationalisierung des Nationalen – welch eine Paradoxie – sollte Anlass zu Wachsamkeit und Sorge geben, noch mehr aber zum Engagement für das, was man selber für achtenswert hält: die freiheitlich-demokratische Grundordnung, die Errungenschaften einer Gesellschaft, die sich als weltoffen, tolerant, konsenswillig und kooperationsfähig versteht.

Gefährdet die AfD diese Errungenschaften?

Jürgen Werner Bild-Zoom Foto: Holger Menzel
Jürgen Werner
WERNER: Obwohl die AfD nicht so viele Menschen erreicht wie zum Beispiel der Front National in Frankreich, halte ich sie für gefährlich. Und da meine ich nicht nur die jüngsten Äußerungen von Herrn Gauland über Staatsministerin Özoguz, die Integrationsbeauftragte, der hofft, sie allein wegen ihrer ethnischen Herkunft in Anatolien „entsorgen“ zu können. Gedankengut und Sprachgebrauch sind widerlich, ja, aber sie spielen auch mit den Tabus eines Lands, das aufgrund seiner Geschichte verpflichtet ist, hier besonders zurückhaltend zu sein.

Aber das wollen diese Wutbürger offenbar nicht.

WERNER: In solchen Bewegungen wie Pegida, aber auch Formen des Aufbegehrens wie den Protesten gegen Stuttgart 21, versammeln sich nicht selten Menschen aus einem Grund: Sie sind wütend. Sie sind wütend, weil sie sich abgehängt fühlen. Sie sind der Auffassung, dass sie in einer Abstiegsgesellschaft leben. Sie sind wütend auf Politiker, auf Entscheidungsverfahren, auf die Demokratie im ganzen, darauf, dass sie nicht gefragt wurden. Nicht zuletzt auf eine Gesellschaft, die nach ihrer Wahrnehmung ihre sozialen Versprechen nicht einhält.

Wie darf man sich das vorstellen?

WERNER: Viele Menschen in diesen Bewegungen teilen das Gefühl, dass ihre Rechte missachtet werden, sehen sich als ungerecht behandelt an. Dann haben sie oft noch ein Problem mit unserer repräsentativen Staatsform. Sie haben entweder nicht verstanden oder sehen es nicht ein, dass die Abgeordneten nicht mit einem imperativen Mandat ausgestattet werden, also nicht nur die Interessen der Wahlbürger eins zu eins vertreten müssen, sondern allgemein gesellschaftliche.

Was ist der gemeinsame Nenner dieser Wutbürger?

WERNER: Meist vereint sie nur das Ressentiment gegen den Staat und seine Vertreter, gegen Institutionen und das, was sie für deren Macht halten. Sie wollen nicht gestalten. Die gesamtgesellschaftlichen Ansprüche sind, vor allem unter den Rechtspopulisten, oft sehr schwach ausgeprägt, Wenn sie gefragt werden, was sie auf die Straße treibt, wird es schnell abstrakt, oder der Anlass zum Konflikt ist nicht viel weiter weg als der eigene Vorgarten. Auf diesem Boden gedeihen dann auch Vorbehalte gegen die „Lügen“-Presse, Fremdenfeindlichkeit oder Fremdenhass.

Ist gegen Wut etwas einzuwenden?

WERNER: Wut ist nicht verwerflich. Wahrscheinlich gehört sie zur Gefühlsgrundausstattung des Menschen. Ich bin fern davon, sie moralisch zu qualifizieren. Das Wort „Zorn“ ist eines der ersten Wörter in der abendländischen Literatur. Mit ihm beginnt Homer sein großes Werk. Aber es reicht nicht, die Wut als einen Affekt anzusehen, der sich wohl nur bedingt steuern lässt. Die, vor allem gemeinschaftliche Wut übernimmt auch eine Art Orientierungsfunktion für Menschen, die sich von der Komplexität unserer Gesellschaft, den vielen undurchsichtigen, uneindeutigen, unsteuerbaren Prozessen und Strukturen überfordert fühlen.

Aber irgendwann kann die Wut auch problematisch werden, oder?

WERNER: Wenn sie in Gewalt umschlägt. Wenn Menschen, weil sie sich selbst nicht wertgeschätzt fühlen, beginnen, anderen deren Wertschätzung, ja Würde, abzuerkennen. Mir kommt es vor, als sei die Wut die Sprachlosigkeit der Sprachlosen; in der Gewalt hat dann diese Sprachlosigkeit eine Art Sprache gefunden.

Gibt es nicht auch gute Gründe, heutzutage wütend zu sein?

WERNER: Natürlich gibt es die. Und sie werden größer in dem Maße, wie unsere Ohnmachtserfahrungen wachsen. Ich spräche allerdings in dem Fall lieber vom Zorn, der mir eher für ein gerechtes Anliegen zu stehen scheint, als von der meist ja dumpfen Wut.

Zur Person: Jürgen Werner lehrt an der Universität Witten/Herdecke Philosophie und Rhetorik. Er ist Manager- und Strategieberater in seinem Frankfurter Institut „tertium datur“. Lange Zeit arbeitete er als Journalist für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Heute schreibt er Essays zu Themen aus Wirtschaft und Gesellschaft. hin

Zur Startseite Mehr aus Politik

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse