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Amokfahrt: Münster: Der Horror in der guten Stube

Kaum ein anderer Ort vermittelt so sehr die Essenz gutbürgerlicher Gemütlichkeit wie der Platz vor dem Kiepenkerl in Münster. Am Samstag wurde er zum Ziel einer Amokfahrt. Warum? Das scheint zunehmend klar zu werden.
Ein Vater trauert mit seinen Kindern am Anschlagsort. Es gab – neben dem Amokfahrer – zwei Todesopfer zu beklagen. Bilder > Foto: JOHN MACDOUGALL (AFP) Ein Vater trauert mit seinen Kindern am Anschlagsort. Es gab – neben dem Amokfahrer – zwei Todesopfer zu beklagen.
Münster. 

Es ist ein bewegendes Bild. Mitarbeiter der Gaststätte „Großer Kiepenkerl“ legen am Sonntag Blumen nieder und stellen eine Kerze auf. Einige weinen und nehmen sich in den Arm. Neben ihnen ragt der bronzene Kiepenkerl auf, ein Wahrzeichen Münsters. Seit diesem Samstag steht die Figur des fahrenden Händlers mit Tragekorb, Pfeife und Stock nicht mehr nur für westfälische Folklore, sondern auch für eine tödliche Amokfahrt.

Das Tatfahrzeug am Ort des Geschehen.
Amoklauf in Münster Eine absolute Sicherheit gibt es nicht

Als ganz Deutschland am Samstagnachmittag entspannt das Frühsommerwetter genoss, schlug das Unheil zu. Wer über Handy informiert wurde, war für seine Nächsten der Überbringer einer schrecklichen

clearing

Unmittelbar vor dem Standbild hat ein Mann einen Campingbus in eine Menschenmenge gesteuert. Zwei Menschen wurden getötet, mehr als 20 verletzt. Der Täter hat sich anschließend erschossen. Er war als psychisch labil bekannt und in Behandlung.

Wo Laschet schon saß

Wenn man einen Ort auswählen müsste, der die Essenz gutbürgerlicher deutscher Gemütlichkeit vermittelt, dann könnte das der Platz am Kiepenkerl sein. Wie an einer Perlenkette reihen sich hier die Giebelhäuser auf. Etwas weiter geht die Straße in den Prinzipalmarkt über, „Münsters gute Stube“. Er kenne den Tatort sehr gut, sagt Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) am Sonntag vor Ort. „Ich habe als erstes gedacht: ein schrecklicher Anschlag an einem Ort, an dem ich selbst schon gesessen habe“. In dem Moment erinnere man sich genau daran und denke, es hätte jeden treffen können. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) sagt: „Dieses feige und brutale Verbrechen hat uns alle sehr betroffen gemacht.“

Der Platz vor dem Kiepenkerl-Standbild am Samstagnachmittag. Wer draußen noch einen Platz ergattert hat, kann sich glücklich schätzen. Es ist der erste richtig warme Frühlingstag, alle wollen in der Sonne sitzen. Die Uhr zeigt 15.27 Uhr – Kaffee-und-Kuchen-Zeit – als es passiert. Für die Menschen auf dem Platz muss es gekommen sein wie ein Meteoriteneinschlag.

Kein islamisches Motiv und ein politischer Krach

Handy-Fotos vom Tatort: Der silberfarbene Campingbus steht zwischen Stühlen und Tischen, Menschen helfen sich vom Boden auf. Der Horror in der guten Stube. „Erste Bilder und Nachrichten aus Münster brechen mir das Herz“, twittert Jan Josef Liefers, der Professor Boerne aus dem Münster-“Tatort“. Die Stadt sei „einer der friedlichsten und freundlichsten Orte“, die er kenne.

Unmittelbar nach der Tat denken viele an einen islamistischen Terroranschlag. Die Bilder aus Nizza, Berlin und London haben sich eingebrannt. Dort und an anderen Orten waren islamistische Attentäter mit Fahrzeugen in Menschenmengen gerast. Doch noch am Samstagnachmittag wird deutlich, dass es sich bei dem Täter wohl nicht um einen Terroristen handelt. Es gebe „keinerlei Hinweise auf einen politischen Hintergrund“, bestätigt Polizeipräsident Hajo Kuhlisch.

Der Täter ist ein 48 Jahre alter gebürtiger Sauerländer, der in Münster gewohnt hat. Er soll psychische Probleme gehabt haben, auch eine Art schriftlich verfasste Lebensbeichte liegt vor. Schuldkomplexe, Zusammenbrüche – auch das Gesundheitsamt hatte schon Kontakt zu dem Mann.

Es hat etwas Verstörendes, dass jemand nur ein schweres Verbrechen begehen muss, und schon ist ihm binnen Minuten weltweite Aufmerksamkeit sicher. Eben darum, so sagen Psychologen, gehe es manchen Menschen, die einen „erweiterten Suizid“ begehen. Sie wollen andere mit in den Tod reißen, um ihr Leben nicht dort zu beenden, wo sie es geführt haben: am Rande der Gesellschaft. Münster ist am Samstag jedenfalls schlagartig Top News. Donald Trump bete für die Opfer, teilt das Weiße Haus mit.

Bald Kirchentag

Erschütterung, Trauer und Fassungslosigkeit sind die vorherrschenden Gefühle nach der Tat. Münster, so erzählt ein Student, sei im Grunde ein Dorf. Niemals habe er geglaubt, dass hier so etwas geschehen könne. Dabei war das Thema Sicherheit in letzter Zeit durchaus präsent: Im Mai ist die 300 000-Einwohner-Stadt Schauplatz des Katholikentags mit vielen Tausend Besuchern. Der Schlossplatz, auf dem die Großveranstaltungen stattfinden, soll dafür mit Pollern gegen Lastwagen geschützt werden. Für die engen Altstadtgassen allerdings gibt es keine solchen Planungen.

Amokfahrer war wohl Einzeltäter: keine Hinweise auf politisches Motiv

Aus Münster kommen an diesem Wochenende aber auch Bilder der Mitmenschlichkeit. Vor der Uniklinik steht eine lange Schlange wartender Menschen – sie alle folgen einem Aufruf zum Blutspenden. „Beispiellos“, sagt eine Kliniksprecherin.

Laschet kontrastiert das Verhalten dieser Menschen mit jenen, die kurz nach der Tat schon wieder Flüchtlinge und Muslime am Werk sahen: „Ich würd’ mir wünschen, dass diese Besonnenheit, die die Menschen in Münster ausgestrahlt haben... auch alle die erreicht hätte, die gestern ganz schnell bei Twitter und anderswo wieder das Hetzen begonnen haben.“

Die AfD-Politikerin Beatrix von Storch hatte kurz nach der Tat das Merkel-Zitat „Wir schaffen das“ in Großbuchstaben mit einem wütenden Emoji getwittert. Am Sonntag schrieb sie: „Ein Nachahmer islamischen Terrors schlägt zu.“ Und spricht von „Verharmlosungsapologeten“.

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