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Weirich am Montag: Mythos #68

von Prof. Foto: Eric Richard (priv.) von Prof.

Es gab nur wenige Revolutionen auf deutschem Boden, die meisten jähren sich 2018. Die Revolution von 1848 scheiterte, aber die verfassungsgebende Nationalversammlung der Frankfurter Paulskirche hinterließ als Erbe für Demokratien die Notwendigkeit des Zusammenschlusses von Parteien, die November-Revolution von 1918 beendete die konstitutionelle Monarchie als Staatsform und führte zur Weimarer Republik. Fünf Jahrzehnte sind die Studentenunruhen her, die eine „neue Welt“ erschaffen wollten und heute von ihren inzwischen ergrauten Rädelsführern als Aufbruch zur Demokratie verklärt werden. Ob Wladimir Iljitsch Lenin, der führende Kopf der russischen Oktoberrevolution, sein Urteil über die ebenso staatsgläubigen wie müden Deutschen nach der friedlichen Revolution in der DDR aufrechterhalten hätte, weiß man nicht. Hatte er doch gelästert, die Deutschen kauften sich erst eine Bahnsteigkarte, wenn sie einen Bahnhof stürmen wollten. In diese Einschätzung gehört auch das Bild des Anführers eines schwäbischen Umsturzes, der seine Mannen auffordert, „das Schloss zu stürmen, aber den Rasen nicht zu zertrampeln.“

Der Mythos von den in bessere Zeiten aufgebrochenen 68ern kommt allerdings einer Geschichtsfälschung gleich. Ich gebe zu, subjektiv zu sein, denn ich stand politisch auf der anderen Seite und habe mich nie dafür entschuldigt, dass mein politisches Bewusstsein nicht unter dem Wasserwerfer erwacht ist. Zu viele Widersprüche schreckten mich ab. Das Plädoyer für die antiautoritäre Erziehung bei gleichzeitiger Propagierung von Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung, die Intoleranz gegenüber anderen Lebensformen, die Denunzierung der Familie als Hort des Faschismus – mit diesem die kulturelle Hegemonie beanspruchenden Zeitgeist konnte ich mich nie anfreunden.

Viele der Barrikadenkämpfer von einst landeten in Vorstandsetagen, im Bundestag, an der Spitze des Auswärtigen Amtes oder in Medienhäusern. Niemand ist daran gehindert, klüger zu werden, was verstört, ist der romantische Blick zu den Putztruppen im Frankfurter Nordend zurück.

Von den Vätern wünschte man sich Selbstkritik, die Aufarbeitung der eigenen „Heldenstory“ wird ausgespart. Die 68er scheiterten in Deutschland daran, dass es im Gegensatz zum Mai 1968 in Frankreich zu keinem Bündnis mit den Arbeitern kam. Die selbst Lenin’schen Maßstäben genügende Revolte im Nachbarland war mit wochenlangen Generalstreiks verbunden, führte zu weitreichenden kulturellen und ökonomischen Reformen.

Neuerdings fordert übrigens CSU-Landesgruppenchef Dobrindt eine „konservative Revolution“, was immer das sein mag. Der im Leben Zurechtgekommene ist immer konservativ, wägt zwischen Bewahren und Erneuern ab. Revolutionen mag er nicht.

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