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Nach Brexit: Nicht alle Schotten wollen gehen: Neue Abstimmung über Unabhängigkeit

In Reaktion auf das Brexit-Votum hat die schottische Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon gleich zu Beginn des Parteitags ihrer SNP ein neues Referendum zur Unabhängigkeit angekündigt. Dabei zeigen Umfragen, dass die Mehrheit der Schotten trotz pro-europäischer Einstellung die Eigenständigkeit ablehnt.
Steven Bothwell vor seinem Café in Aberdeen Steven Bothwell vor seinem Café in Aberdeen
Aberdeen. 

Den Unabhängigkeitstraum des ehemaligen schottischen Ministerpräsidenten Alex Salmond, gibt es derzeit im Sonderangebot. Nur noch sieben Pfund kostet das Buch, in dem er die Zukunft eines eigenständigen Staats aufmalt, in einem Laden in Aberdeens Innenstadt. Vermutlich sagt das viel aus über die Gemütslage der Schotten. „Die Leute haben genug davon, ständig mit dem Thema Unabhängigkeit konfrontiert zu werden“, sagt Steven Bothwell.

Der 45-Jährige sitzt im Café 52, das er vor 21 Jahren aufgebaut und zu einer festen Institution in der Stadt gemacht hat. Das stilvolle Restaurant wirkt ein bisschen wie der kulturelle Treffpunkt der Bürger, wo bei einer Tasse Tee oder einem Glas Wein alle Fäden des Tratschs zusammenlaufen. Zurzeit dreht er sich insbesondere um ein zweites Referendum über eine Autonomie Schottlands und das Votum für den EU-Ausstieg Großbritanniens. Bei Kundschaft und Küchenangestellten geht es international zu, und Bothwell hofft, dass das auch so bleibt. „Die Gastronomie und der Tourismus werden unter einem Brexit schwer leiden“, klagt der EU-Befürworter. Erst seitdem so viele Einwanderer nach Schottland zögen, hätten sich der Service, das Essen und überhaupt die ganze Branche verbessert.

Noch hofft Bothwell auf ein kleines Wunder: dass die Scheidung von Brüssel nie vollzogen wird. Trotzdem erhebt sich seine Stimme, wenn das Gespräch auf die pro-europäische Schottische Nationalpartei kommt. „Es ist wirklich langweilig, dass die SNP ständig versucht, dieses Land zu spalten“, bemäkelt er.

Seitdem sich die Mehrheit der Briten für einen Austritt aus der EU entschieden hat, befindet sich Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon auf einer Mission. Sie will vermeiden, dass die Schotten, die mehrheitlich für den Verbleib in der Gemeinschaft gestimmt haben, „gegen ihren Willen“ aus der EU gedrängt werden. „Ich bin fest entschlossen, dass Schottland die Fähigkeit erhält, die Frage der Unabhängigkeit noch einmal neu zu überdenken“, sagte Sturgeon auf dem SNP-Parteitag in Glasgow.

Bereits im September 2014 durften die Menschen in dem nördlichen Landesteil über die Eigenständigkeit abstimmen. Nach einem hart geführten Wahlkampf beider Seiten sprach sich die Mehrheit für den Status quo, also für das Vereinigte Königreich, aus. Doch seit dem Brexit-Votum und noch viel stärker seit der Ankündigung von Premierministerin Theresa May, den freien Zugang zum europäischen Binnenmarkt voraussichtlich zu opfern, um die Einwanderung nach Großbritannien kontrollieren zu können, ist der Widerstand der SNP erneut aufgeflammt.

Und nun nimmt der Plan konkrete Formen an: Bereits nächste Woche will Sturgeon einen Gesetzentwurf über ein erneutes Unabhängigkeitsreferendum veröffentlichen, der dann beraten werden soll. Es sei „höchstwahrscheinlich“, dass es innerhalb der nächsten zwei Jahre eine erneute Abstimmung gebe, sagte die Ministerpräsidentin am Freitag.

Doch die Hürden liegen hoch: Abgesehen davon, dass die beliebte Politikerin die Zustimmung der Regierung in London braucht, was derzeit ausgeschlossen scheint, muss sie ihre Landsleute überzeugen. Die Umfragen aber fallen enttäuschend für Sturgeon aus. „Der Brexit ist ein Desaster“, sagt Steven Bothwell. „Aber eine Unabhängigkeit Schottlands – das wäre eine ebenso große Katastrophe.“

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