E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 22°C

Jens Spahn: Niemand bewirbt sich so früh und so offen ums Kanzleramt wie der Gesundheitsminister

Von Die einen halten ihn für karrieregeil, die anderen für die Hoffnung der CDU. Jens Spahn hält sich in jedem Fall für geeignet, die Republik zu regieren.
Couragiert, selbstsicher, streitlustig und karriereorientiert: All diese Eigenschaften vereint Jens Spahn. Foto: Christian Ditsch (epd) Couragiert, selbstsicher, streitlustig und karriereorientiert: All diese Eigenschaften vereint Jens Spahn.
Berlin. 

Am Donnerstag kurz vor halb neun twittert Jens Spahn ein Foto. Er steht darauf links, das ist, rein polittaktisch, nicht so geschickt. Aber rechts steht Leo Varadkar, und das ist dann schon smart. Varadkar nämlich regiert Irland. Wenn er Spahn empfängt, ist das so, als würde Angela Merkel im Kanzlerinamt mit dem Gesundheitsminister der USA konferieren. Ist in 13 Jahren nicht vorgekommen.

Und wenn Merkel die Oper besucht, wie eben in München, dann tut sie das inkognito. Von Spahns fast zeitgleichem Besuch bei den Salzburger Festspielen gibt es Bilder mit Portugals Staatspräsident Marcelo Rebelo de Sousa und mit Theresa May, der britischen Premierministerin, aus Bayreuth, zwei Tage vorher, auch mit deren niederländischem Kollegen Mark Rutte.

Diverse Kämpfe

Sehr viel leichter kann einer der Konkurrenz das Lästern nicht machen. Und den Anhängern nicht das Loben. Erstere nennen Spahn gerne maßlos und karrieregeil. Letztere reden von Ehrgeiz und von Hoffnungsträger. Wobei die eine Zuschreibung ja nur die Steigerung der anderen ist – und bei beiden am Ende herauskommt, dass Jens Spahn irgendwann oder auch bald der Kanzler von Deutschland sein könnte. Oder es jedenfalls will.

Nicht bloß in seiner Partei, der CDU, denken sie das. Aber nur dort erzeugt die Vorstellung so diametrale Reaktionen. Horror hier – Vorfreude dort. Die Trennlinie verläuft fast deckungsgleich mit der zwischen den Liberalen und den Konservativen.

Was aber macht einen 38 Jahre alten Bankkaufmann und Politikwissenschaftler mit Bachelor-Abschluss, der sich mit 21 entschloss, Berufspolitiker werden zu wollen und mit 22 im Bundestag war, zu einer politischen Marke? Denn die ist Spahn zweifelsfrei.

Man kann es Frechheit nennen oder Courage, Dreistigkeit oder Selbstsicherheit, Streitlust oder Konfliktbereitschaft. Alles ist richtig. Wer schon bei der Bewerbung ums erste Mandat sagt, „ich würde mich weiteren Optionen nicht verschließen“ – der will weiter als nur auf Hinterbankplatz Nummer 267.

Es ist dann auch ziemlich flott gegangen, im Parlament und in der Partei. Und wenn es sich nicht ergab, dann ertrotzte sich Spahn, was er wollte. Und spätestens, als er Merkels Vertrauten Hermann Gröhe, den amtierenden Gesundheitsminister, aus dem CDU-Präsidium drängte, war klar, dass da einer der Allmächtigen den Kampf ansagte. Oder zumindest, vorerst, diverse Kämpfchen.

Rächer der Schwachen

Daheim, im Wahlkreis 124, Steinfurt I – Borken I, gefällt das den Münsterländern. 98,8 Prozent bei der jüngsten Nominierung, das Direktmandat dann mit 51,3 Prozent. Die CDU verlor 2017 8,6 Prozent – Spahn 0,7. Im Wahlkampf hatte er sich über Englisch sprechende Hipster mokiert und der Kanzlerin Breitseiten gegen ihre Flüchtlingspolitik verpasst. Nach der Wahl behauptete er, Hartz IV sichere ein auskömmliches Leben, und beschied die Kirchen, sie sollten sich gefälligst aus der Gesellschaftspolitik heraushalten. Zwischendurch war er Minister geworden. Nicht, weil Merkel ihn wirklich im Kabinett wollte. Sondern weil sie nicht anders konnte.

Gesundheitsminister, allerdings, ist kein Repräsentations- und Profilierungsposten. Spahn wusste das, er war zehn Jahre Gesundheitsexperte seiner Fraktion. Er wolle „den Alltag der Bürger spürbar verbessern“, versprach er drei Wochen nach Amtsantritt – und redete von Pflegenotstand und Ärztemangel auf dem Land und der Benachteiligung gesetzlich Versicherter. Und klang, als werde er ab sofort der Anwalt, ja vielleicht sogar der Rächer der Schwachen und Schwächsten. Dabei blieb es dann – bis er Mittwoch sein „Pflegepersonal-Stärkungsgesetz“ vorstellte. Kein Thema, das Schlagzeilen verspricht, wie Spahn sie mag.

Er kann komplexe Probleme perfekt auf Formeln verkürzen, die wie Lösungen klingen. Aber keine sind. Als wäre sein Vorbild Horst Seehofer. In Wahrheit ist es Franz Josef Strauß.

Übrigens gibt es in Berlin welche, die Spahn Erfolg nicht nur gönnen, sondern ernsthaft wünschen. Nicht gleich die Kanzlerschaft. Aber die Kandidatur. Besser, glauben sie in der SPD-Zentrale, könne es für sie bei der nächsten Bundestagswahl nicht kommen.

Zur Startseite Mehr aus Politik

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen