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Porträt: Olaf Scholz sagt nicht, wohin er will – aber es ist klar die Spitze

Von Er ist das Gegenteil von, beispielsweise, Karl Theodor zu Guttenberg: Olaf Scholz will als charismafreier Pragmatiker Karriere machen. Hat funktioniert bislang. Und wahrscheinlich wird er so jetzt Vizekanzler.
Der wahrscheinlich künftige Bundesfinanzminister Olaf Scholz winkt nach einer Pressekonferenz in Hamburg in die Kamera. Foto: Daniel Bockwoldt (dpa) Der wahrscheinlich künftige Bundesfinanzminister Olaf Scholz winkt nach einer Pressekonferenz in Hamburg in die Kamera.
Berlin/Hamburg. 

Der „taz“ hat er einst eine unvergessliche Titelseite beschert. Lange her, gut 14 Jahre – aber die sie gesehen haben, schwärmen heute noch. Weil Olaf Scholz zehn von zehn Antworten eines Interviews hinterher nicht zum Druck freigab, druckten die Tazler ihre Fragen und schwärzten alles, was Scholz darauf dann lieber nicht gesagt haben wollte. Vielleicht auch sollte. Denn die Autorisierung lief über die Zentrale der SPD – deren Generalsekretär Scholz damals war.

Genau genommen war er der von Gerhard Schröder, seit 2002. Und stellvertretend für ihn wurde Scholz beim Parteitag 2003, bei dem das Gespräch geführt wurde, in Grund und Boden gewählt – als Quittung für die „Agenda 2010“. Scholzens Job war, deren Härten zu rechtfertigen – und er tat das so stur und mit so immer gleichen Formeln, dass das von der „Zeit“ erfundene Etikett „Scholzomat“ bis heute an ihm klebt.

In der Karriere des Olaf Scholz war das vielleicht die tiefste Tiefe. Die höchste Höhe könnte er kommenden Mittwoch erreichen – als Vizekanzler der Republik. Noch ist nichts bestätigt, auch nicht, dass Scholz Wolfgang Schäuble im Finanzministerium nachfolgen wird. Aber seit Wochen gilt diese Personalie als die einzige sichere im SPD-Tableau für das neue Kabinett.

Desaster beim G20-Gipfel

Wer aber kehrt nach Berlin zurück? Der Hamburger Bürgermeister, der die Hansestadt gut aufgestellt hat in sieben Regierungsjahren, und sie verlässt, weil sein Image, zu jeder Zeit alles perfekt im Griff zu haben, ramponiert ist seit dem Gewalt-Desaster des G20-Gipfels? Der Akut-Krisenmanager der taumelnden SPD? Oder ihr nächster Kanzlerkandidat?

So wie Scholz funktioniert, sind das die nächsten Fragen, die ohne zum Druck freigegebene Antworten bleiben. In seiner Partei heißt es längst, er traue sich jedes Amt zu – aber er wolle gebeten werden. In Hamburg übernahm Scholz 2009 eine zerrüttete SPD mit dem Satz: „Wer bei mir Führung bestellt, muss wissen, dass er sie dann auch bekommt.“ Und führte die Partei aus der Opposition zur absoluten Mehrheit.

Aber Hamburg ist nicht Berlin und schon gar nicht die Republik. Und Scholz wird in der SPD respektiert, aber gemocht wird er nicht. Noch immer kassiert er bei Parteitagen – längst schon stellvertretender Vorsitzender – Wahlergebnisse knapp vor der Beleidigungsmarke. Sein Selbstbewusstsein grenzt für sozialdemokratische Verhältnisse an Hybris. Und Antworten, die er zur Veröffentlichung freigibt, sorgen regelmäßig für Augenrollen – wie jüngst jene auf die Frage, ob er der künftige Schäuble sei: „Dass sich in einer solchen Situation alle Blicke auf mich richten, ist jetzt auch nicht weiter erstaunlich.“

Fehler benannt

Natürlich hat er recht. Schon länger hält sich Scholz im Gespräch für die Spitzenjobs. Er wäre auch Kanzlerkandidat geworden, hätte Sigmar Gabriel ihn gefragt statt Martin Schulz. Und kaum war die Bundestagswahl vorbei und grässlich verloren, gab Scholz zu Protokoll, wo die SPD, also Schulz, versagt habe und wie alles besser zu machen gewesen wäre.

Freunde macht sich Scholz so unter den Genossen nicht. Und auch Sympathiewerbung beim Wahlpublikum funktioniert anders. Über das „taz“-Interview sagte Scholz mit knapp zehn Jahren Abstand, er habe keine Lust gehabt, „gefühlte sieben Mal“ dasselbe zu erklären: „Wie fühlt man sich als großer Verlierer?“ Seine Antwort damals habe nämlich gelautet: „Wird schon wieder.“ Stand März 2018 sieht es mehr denn je danach aus.

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