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Rhetorik-Professor analysiert Verhalten von Merkel und Schulz: „Politik braucht mehr Emotion“

Die politische Rede in Deutschland läuft Gefahr, zu kontrolliert, mutlos und künstlich zu werden, sagt der Tübinger Professor Olaf Kramer. Auch Bundeskanzlerin Merkel vermeide jede Art von Emotionen, setze das aber auch als Wahlkampftaktik ein, sagte der Professor für Rhetorik und Wissenskommunikation im Gespräch mit unserer Redakteurin Wiebke Rannenberg.
Prof. Dr. Olaf Kramer Prof. Dr. Olaf Kramer

Der Wahlkampf in Deutschland geht in die Endphase. Haben Sie in den vergangenen Wochen eine Wahlkampfrede gehört, die Sie als Rhetoriker begeistert hat?

OLAF KRAMER: Nein, eigentlich nicht. Aber es gab durchaus interessante Reden.

Zum Beispiel?

KRAMER: Die Auftaktrede von Frau Merkel Mitte August in Gelnhausen hat die positiven und die negativen Seiten ihrer Rhetorik gut gezeigt: Sie argumentiert sehr rational, das ist ihr politischer Stil, sehr deliberativ, also vernunftbetont. Damit blendet sie Emotionen weitgehend aus. Das hat den Vorteil, dass sie nicht Gefahr läuft, in den Populismus zu kippen.

Und welchen Nachteil?

Info: Das Thema Rente spielt keine große Rolle

Trotz wachsender Bedeutung der Rentner bei der Bundestagswahl ist das Rententhema für den Wahlkampf laut Bertelsmann-Stiftung kein Selbstläufer.

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KRAMER: Die Medien wählen eher emotionale Passagen oder Sätze aus, das ist dann das, was hängenbleibt. Deshalb versuchen die Redenschreiber heutzutage auch, solche Sätze zu produzieren. Es ist erstaunlich, dass Frau Merkel das nicht macht, obwohl ja im Wahlkampf eher emotionalisiert und polarisiert wird. Sie verweigert damit den Wahlkampf.

Und wird trotzdem gewählt?

KRAMER: Ich denke ja. Das Verweigern des Wahlkampfes ist ja auch Strategie. Mit ihrem guten Umfragemodus muss sie nicht in den Kampfmodus schalten. Sie ignoriert sowohl die Person Schulz als auch sein Programm – das macht es ihm schwer, in irgendeiner Weise zu punkten. Das ist erstaunlich, seit dem Auftakt mit der Kandidatenkür ist es Schulz nicht mehr gelungen zu funkeln.

Also hat SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz mit seinen Reden mal gefunkelt?

KRAMER: Seine ersten Reden um die Kandidatenwahl herum kamen gut an, er war emotional und hat eine gute Verbindung zum Publikum hergestellt, es sozusagen umarmt. Auch die Bildinszenierung war sehr interessant, er hat sie aus dem amerikanischen Wahlkampf übernommen: Er war umringt von Parteimitgliedern, die mit Plakaten und Klatschen dem Publikum die Emotionen vorleben. Er hat aber auch eine gewisse Tendenz zum Populismus. Eine schlechte Idee finde ich zum Beispiel sein „Mega“, das für „Make europe great agian“ steht und den Slogan von Trump aufgreift. Das ist zu undifferenziert.

Sind Slogans nicht immer undifferenziert?

KRAMER: Slogans sind immer Verkürzungen. Aber politische Rede muss komplexe Probleme zwar verständlich machen, darf aber die Komplexität nicht ganz aus den Augen verlieren. Das ist die große Herausforderung. Und bei der Frage, wie das Auseinanderbrechen von Europa verhindert werden kann, hilft „Make Europe great again“ nicht. Da muss über die Stärkung der europäischen Identität nachgedacht werden.

Also besser: Finger weg von Slogans?

KRAMER: Nein. Sehr gelungen war zum Beispiel „Arbeit, Arbeit, Arbeit“ Ender der 1990er Jahre vom ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder. Simpler, aber auch genialer, kann ein Slogan nicht sein. Damit ist es ihm gelungen, zu emotionalisieren und zugleich für eine Politik zu werben, die das Thema Arbeit von allen Seiten angehen will.

Auch „Yes we can“ wird wohl in die Geschichtsbücher eingehen.

Ebenfalls ein genialer Slogan.

Merkels Übersetzung „Wir schaffen das“ hat aber nicht funktioniert. Wieso?

KRAMER: Weil er nicht offen war, sondern sich auf eine konkrete Situation bezog. „Yes we can“ hingegen ist genial in seiner Offenheit: Jeder Wähler kann seine Wünsche hineinprojizieren und auf Veränderungen hoffen. Als Kandidat der Opposition muss ich eine Wechselstimmung erzeugen, um darauf aufbauen können. Das schafft Herr Schulz derzeit nicht.

Ist es denn möglich, emotional zu reden und Gefühle anzusprechen, ohne populistisch zu werden?

KRAMER: Ja. Emotionalität heißt hier nicht, Angst oder Hass zu schüren und einfache Lösungen zu versprechen, wie es die Populisten tun. Emotionalität im positiven Sinn meint, Argumente zu haben und denen eine Stimmung zu geben. Ich kann aber die Folgen von politischen Entscheidungen so ausmalen, dass die Leute erkennen, welche Konsequenzen sie haben. Das kann sie anstiften, begeistern, motivieren. Im großen Repertoire der Rhetorik finden sich neben rationaler Einflussnahme auch Ethos-Inszenierung, pathetische Bewegung und erzählerische Passagen, die die Menschen anziehen. Letzteres kann Obama sehr gut, er erzählt von sich oder bedient sich aus der US-Geschichte.

Also braucht Politik auch Emotion, anders, als Frau Merkel den Wahlkampf versteht?

KRAMER: Ja, Politik sollte versuchen, wieder etwas stärker emotional zu sein, weil man damit die Menschen für die Politik gewinnen kann. Leider erleben wir in letzter Zeit aber eine politische Kommunikation, die nicht nur Emotionen meidet, sondern auch sehr stark kontrolliert ist.

Aber warum verzichten die Politiker auf ein so wirksames Instrument?

KRAMER: Auch wegen der Dauerbeobachtung der Kandidaten über die sozialen Medien. Man will vermeiden, in die Skandalfalle zu treten und wird dadurch aber auch zu mutlos und agiert viel zu kontrolliert. Es gibt eine schöne Anekdote dazu: Das Team von Hillary Clinton hat überlegt, ob es einen Witz über die Frisur von Trump machen soll. Sie haben zwei Wochen gegrübelt, Probewitze an einem Probe-
publikum getestet – und dann gesagt: Wir machen das nicht, es ist zu riskant. Da wird politische Rede dann zu kontrolliert, mutlos und künstlich.

dfg f dgh tg

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