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Studie Studie der Otto-Brenner-Stiftung: Professor Haller: Medien haben in der Flüchtlingsfrage ihren Auftrag verfehlt

Von „Die ,Flüchtlingskrise’ in den Medien“ – so heißt eine interessante Studie der Otto-Brenner-Stiftung. Sie stellt der Berichterstattung in dieser Frage ein eher schlechtes Zeugnis aus.
Der Frankfurter Hauptbahnhof im September 2015: Die drei Mädchen heißen „Flüchtlinge willkommen“. Foto: Frank Rumpenhorst (dpa) Der Frankfurter Hauptbahnhof im September 2015: Die drei Mädchen heißen „Flüchtlinge willkommen“.
Frankfurt. 

Die Medien haben in der Berichterstattung über die „Flüchtlingskrise“ ihren Auftrag verfehlt. So kann man das Ergebnis einer Studie zusammenfassen, die Professor Michael Haller im Auftrag der gewerkschaftsnahen Otto Brenner Stiftung durchführte. Es sei, meint Haller, die Aufgabe eines „diskursiven Journalismus“, in der Berichterstattung verschiedene Perspektiven einzunehmen und so das Handeln und Denken der politischen und wirtschaftlichen Elite kritisch zu hinterfragen. Stattdessen wäre das Flüchtlingsthema vorwiegend aus Sicht der Entscheidungsträger behandelt worden. In rund 80 Prozent der Berichte kämen vor allem Politiker zu Wort.

Komplexe Behandlung

Der ausgewiesene Zeitungsexperte Haller, der schon mit vielen Blättern zusammengearbeitet hat (auch mit dieser Zeitung) hat für seine Studie die Berichterstattung der „Tagesschau“, die großen überregionalen Tageszeitungen FAZ, „Süddeutsche“ und „Welt“ sowie von 80 lokalen und regionalen Blättern zwischen Februar 2015 und März 2016 ausgewertet.

Michael Haller, Medienwissenschaftler und Leiter der Studie „Die Flüchtlingskrise in den Medien“. Bild-Zoom
Michael Haller, Medienwissenschaftler und Leiter der Studie „Die Flüchtlingskrise in den Medien“.

Alle Medien hätten sehr viel berichtet, so Haller. In den drei großen Zeitungen seien im untersuchten Zeitraum jeweils rund 5000 Beiträger zum Thema Flüchtlinge publiziert worden. Anders als die „Tagesschau“, die auch wegen der Kürze der Beiträge relativ oberflächlich berichtet habe, habe die Presse das Thema komplex und meinungsfreudig behandelt. Aber Haller macht den Zeitungen einen schweren Vorwurf: Bis auf wenige Ausnahmen seien die vom enormen Zuzug betroffenen Bürger, Helfer und auch die Flüchtlinge selbst kaum zu Wort gekommen. Entsprechende Stilformen wie Reportagen und Interview seien zu selten genutzt worden.

Einseitige Perspektive

Auch in den vielen Kommentaren zum Thema sei kaum einmal die Perspektive der Bürger aufgenommen worden. Das liege nicht etwa daran, dass die Medien Befehle aus der Regierung entgegengenommen hätten, wie von rechten Kreisen immer wieder kolportiert wird („Lügenpresse“). Aber viele Journalisten wähnen sich, laut Haller, zu sehr auf Augenhöhe mit den Eliten und nähmen zu oft deren Perspektive ein. Entsprechend sei auch in der Berichterstattung zu oft zumindest unterschwellig die Trennung von Nachricht und Kommentar aufgehoben worden.

Die wohlmeinende Grundstimmung gegenüber der Zuwanderung sei zuweilen zu sehr in die Berichterstattung eingeflossen, anstatt auch einmal die Perspektive der Skeptiker einzunehmen. Medien seien so geradezu zu einem „Podium der Politiker“ geworden, so Haller. Viele Artikel seien dazu noch „nicht-dialogisch“ aufgebaut, die Opposition kaum gehört worden. Haller urteilt hart: „Aufs Ganze des Jahres 2015 gesehen, haben die Leitmedien dieses sozial- und gesellschaftspolitische Problemthema in ein abstraktes Aushandlungsobjekt der institutionellen Politik überführt und nach den für den Politikjournalismus üblichen Routinen abgearbeitet.“

Die Entstehung der „Willkommenskultur“

Professor Haller widmet der Genese der „Willkommenskultur“ in seiner Studie ein ganzes Kapitel. In aller Kürze kann man feststellen, dass der Begriff um 2005 in Wirtschaftskreisen im

clearing

Haller macht den Medien insbesondere den Vorwurf, den Begriff „Willkommenskultur“ (siehe Kasten) werbend übernommen zu haben, statt die nebulöse politische Verwendung des ursprünglich auf traditionelle Gastfreundschaft gemünzten Wortes zu hinterfragen. Überregionale und lokale Medien hätten hier eher als Lautsprecher von Politik und Wirtschaft gewirkt. Kritik wäre am ehesten dergestalt geäußert worden, dass die Verantwortlichen nicht genug für die „Willkommenskultur“ tun.

Es gibt noch Hoffnung

Statt auch einmal auf die Skeptiker zu hören, seien „Menschen mit abweichenden Meinungen und Ängsten“ auch deshalb ausgegrenzt worden, „weil man sie zur dunklen Welt der Fremdenfeindlichen zählte, die auch Gewalt gegen Asylsuchende billigend in Kauf nähmen“. Haller glaubt, dass jene einseitige Berichterstattung dazu beigetragen habe, dass nach den Ereignissen in der Kölner Silvesternacht bei vielen die Skepsis in der Flüchtlingsfrage zu- und das Vertrauen in die Medien abgenommen habe. Haller empfiehlt dem Journalismus, aus den Ereignissen zu lernen. Der Journalismus könne nur dann verhindern, dass die Öffentlichkeit in „Öffentlichkeitsinseln“ von Gleichdenkenden in Internetforen zerfällt, wenn er seinen diskursiven Auftrag wieder erfülle. Dazu müsse man Nachrichten „verständigungsorientiert“ aufarbeiten und anstreben, dass man „nicht nur das angestammte Publikum erreicht, sondern auch die Welten, in denen die Skeptiker, Verängstigten und Verärgerten interagieren“. Nur dann, so kann man Haller interpretieren, könne eine Polarisierung der Gesellschaft verhindert werden, der die Berichterstattung über die „Flüchtlingskrise“ Vorschub geleistet habe.

Bei manchen Zeitungen hat Haller schon Verbesserungen ausgemacht. Abschließend zitiert er zustimmend Springer-Chef Matthias Döpfner: Ein guter Journalist rede mit jedem, anstatt sich vor allem als Politikberater zu verstehen.

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