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Gadstkommentar: „Rajoy muss endlich verhandeln“

Wer trägt Schuld an der Eskalation der Gewalt in Barcelona? Wann kommen die verantwortlichen Politiker zur Vernunft und gehen aufeinander zu? Fragen, die vor allem auch Menschen umtreibt, die aus der Region stammen.
Spanische Polizeikräfte vor dem katalanischen Parlament in Barcelona. Foto: Emilio Morenatti Spanische Polizeikräfte vor dem katalanischen Parlament in Barcelona.
Frankfurt. 

Fassungslosigkeit, Entsetzen, Verzweiflung: Keine anderen, keine milderen Worte lassen sich für das finden, was gerade in Katalonien geschieht – einem Land, das wir zu kennen glaubten, weil unsere Mutterstadt Barcelona ist, eine Heimat, die wir bald verlieren könnten, weil sie sehenden Auges politischen Selbstmord begeht. Noch immer können wir uns nicht erklären, wie der Streit zwischen Barcelona und Madrid derart eskalieren, wie sich ein beträchtlicher Teil der katalanischen Gesellschaft derart radikalisieren, wie der Fanatismus derart gnadenlos die Vernunft ausradieren konnte.

Natürlich gibt es Ursachen und Gründe, innere Logiken und nachvollziehbare Eskalationsspiralen. Aber all das vermag nicht zu erklären, warum aus Meinungsverschiedenheiten blanker Hass und aus politischen Differenzen unversöhnliche Feindschaft werden konnte.

Nicht mehr zeitgemäß

Es gibt bei diesem Streit nicht die Guten und die Bösen, sondern nur lauter Schuldige. Die Zentralregierung in Madrid benachteiligt die Katalanen vor allem unter den Mandaten der konservativen Volkspartei PP seit Jahren systematisch, kassiert ihre Steuern und lässt gleichzeitig die Infrastruktur verfallen, schmettert jeden Wunsch nach mehr Autonomie mit zentralistischer Arroganz ab und verschanzt sich dabei immer hinter der spanischen Verfassung. Dabei weiß jeder Spanier, dass diese nur drei Jahre nach dem Tod des Diktators Francisco Franco, also noch im langen Schatten der franquistischen Diktatur, verabschiedet wurde und vor allem in Fragen der Autonomie längst nicht mehr zeitgemäß ist.

Der entscheidende, sich heute als so fatal erweisende Zeitpunkt der Eskalation aber war das Jahr 2006. Damals hatte man sich schon auf ein neues Autonomiestatut für Katalonien geeinigt, das Parlament hatte es ratifiziert, König Juan Carlos I. unterschrieben. Doch dann klagte der PP vor dem Verfassungsgericht gegen das Statut, das nach vier Jahren Beratung nur einen Bruchteil der Artikel für verfassungswidrig erklärte. Es wäre ein Leichtes und das Vernünftigste gewesen, wenn sich alle Parteien in diesem Moment an einen Tisch gesetzt und die strittigen Paragrafen nachverhandelt hätten. Dann wären wir jetzt nicht dort, wo wir sind. Doch die PP weigerte sich kategorisch und schuf so erst die Grundlage für die katalanische Radikalisierung.

Die separatistischen Katalanen wiederum verschließen genauso systematisch die Augen vor der Wirklichkeit, flüchten sich stattdessen in den romantischen Traum von der Unabhängigkeit und scheren sich nicht um die Konsequenzen. Sie reden Katalonien stark, obwohl seine Wirtschaftskraft nicht viel höher ist als die im übrigen Spanien – die Katalanen stellen ein Sechstel der spanischen Bevölkerung und sorgen für ein Fünftel der Wirtschaftsleistung, das sind knapp 17 zu 20 Prozent. Sie berauschen sich an ihrer angeblichen Opferrolle und benehmen sich so, als würden sie von Madrid grausamer geknechtet als eine Satellitenrepublik der Sowjetunion. Und irgendwann begannen sie allen Ernstes daran zu glauben, dass die Lösung aller Probleme in der Unabhängigkeit liege. Dabei würden damit alle Probleme erst anfangen: der Rauswurf aus der Europäischen Union, die Zollschranken zu den Nachbarn, die Kosten für den Aufbau eines eigenen Staatswesens.

Allerletzte Hoffnung

Der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy ist nicht Stalin, der katalanische Präsident Carles Puigdemont nicht Che Guevara. Sie sind ganz einfach politische Sturköpfe, die mit ihrem Starrsinn, ihrer Unbeweglichkeit, ihrer Verweigerung jeden Dialogs ein ganzes Land ins Unglück stürzen. Es gibt nur eine Lösung in diesem Trauerspiel, und sie ist ganz einfach: Der gesunde Menschenverstand muss wieder zu seinem Recht kommen. Rajoy muss endlich verhandeln, Puigdemont auf den antiquierten Alptraum eines eigenen Staates verzichten. Die katalanischen Nationalisten müssen den Willen der Mehrheit in ihrem eigenen Land respektieren, die nicht nach Unabhängigkeit strebt. Und die radikalen Zentralisten in Madrid müssen endlich aufhören, jeden Wunsch der Katalanen nach mehr Autonomie als Verfassungsbruch zu verteufeln und sie wie Lakaien zu behandeln.

Seit 548 Jahren leben die Katalanen mit allen anderen Spaniern in einem gemeinsamen Haus. Es ist ein wunderbares Haus, eines der schönsten, das es in Europa gibt. Und es wäre ein katastrophaler Verlust, wenn es einer Handvoll politischer Hooligans gelänge, dieses Haus zu vernichten. Wir kennen Katalonien von Kindesbeinen an und können uns deswegen nicht vorstellen, dass uns nicht ein letzter Trost, eine allerletzte Hoffnung in all der Fassungslosigkeit bleibt. Denn wir glauben immer noch daran, dass die Katalanen am Ende doch klug genug sein werden, auf die Zerstörung ihres eigenen Hauses zu verzichten.

Zum Autor

Jak ob Strobel y Serra, Sohn einer Katalanin und eines Deutsch-Österreichers, ist stellvertretender Feuilleton-Chef, Reiseredakteur
und Gastrokritiker der „Frankfurter
Allgemeinen Zeitung“.

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