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Foto-Reportage: Der Not eine Stimme geben: Reise ins Kriegsgebiet: Rodgauerin (18) auf Spurensuche im Irak

Von Ninve Ermagan (18) aus Rodgau hat ihre Osterferien im Irak verbracht. Auf den Spuren ihrer Religion, erlebte sie den Schrecken des Krieges aus nächster Nähe. Doch was bewegt eine junge Frau sich freiwillig in eine so gefährlich Region zu begeben?
Foto: Privat (Ninve Ermagan/Joseph Danavi)
Frankfurt.  Ninve Ermagan schaut mit nachdenklichem Blick auf ihren Laptop. Vor ihr flimmern im Sekundentakt Bilder ihrer vergangenen Reise. Ein Strand, Palmen und Sonnenschirme sind darauf keine zu sehen. Die Reisebilder der 18-Jährigen zeigen eine andere Welt: Trümmer, Gräber und Soldaten. Warum eine Zwölftklässlerin aus Rodgau ihre Osterferien im Irak verbringt? Diese Frage haben ihr auch ihre Mitschülerinnen gestellt. Für Ninve Ermagan war ihre Reise jedoch eine Selbstverständlichkeit.

Ninve Ermagan (18) reiste in den Irak
Sie selbst nennt sich eine assyrische Aktivistin. Ihr Herz schlägt für Assyrien, jene Region im Norden des Iraks, in dem ein kleine christlich-orthodoxe Minderheit lebt. Die Verbundenheit ist vererbt: Ermagans Eltern sind Assyrer und flohen Anfang der 90er nach Deutschland. Hier pflegt die assyrische Gemeinde einen engen Zusammenhalt. Seit Ninve Ermagan politisch denken kann, zieht es sie in die Ursprungsregion ihrer Gemeinde. Nun, mit 18, war es für sie an der Zeit, endlich einmal selbst in die Städte ihrer Vorfahren zu reisen. „Ich wusste, dass es dort nicht so gefährlich ist wie in Syrien“, erklärt sie, dennoch habe eine große Portion Mut dazu gehört, die Reise auch wirklich anzutreten. Zusammen mit zehn weiteren jungen Assyrern reiste sie schließlich, über die assyrische Organisation Gishru, in den Irak.

Ninve Ermagan (18) reiste in den Irak
Dort standen nicht nur die modernen und relativ friedlichen kurdischen Städte Erbil und Dohuk auf dem Programm. An einigen Tagen der zwei Wochen langen Reise ging es mitten ins Krisengebiet – die nächsten Stellungen des IS in Sichtweite: „Das hat mich sehr bewegt“, erzählt Ermagan mit der Souveränität eines erfahrenen Kriegsberichterstatters. Vor Ort besuchte sie Dörfer, aus denen erst vor Kurzem der IS zurückgeschlagen wurde. Die Bilder sind mahnend und stellen die Frage, um was hier eigentlich noch gekämpft wird.

Ninve Ermagan (18) reiste in den Irak

Ninve Ermagan (18) reiste in den Irak
Der Krieg stellt diese Frage nicht. Ganze Straßenzüge sind zerstört. Wo einst massive Steinhäuser standen, sind nur noch Schutthaufen übrig. „Traurigkeit, Entsetzen, man ist total schockiert, wie Menschen so etwas anrichten können“, sagt Ermagan. Ihre Reisegruppe wurde stets von einem Soldaten begleitet. „Man merkt schon, dass es ein Krisengebiet ist, weil man überall kontrolliert wird,“ blickt sie inzwischen beruhigt zurück.   

Ninve Ermagan (18) reiste in den Irak

Ninve Ermagan (18) reiste in den Irak
Der Vorort Baghdeda wurde im Kampf um die Stadt Mossul komplett zerstört. Im Oktober des vergangenen Jahres konnten irakische Streitkräfte den IS aus Baghdeda vertreiben. Nun wird die Stadt von Soldaten der christlichen Miliz NPU bewacht. „Baghdeda ist unter der Kontrolle meiner assyrischen Kämpfer“, erzählt Ermagan auf Kriegssprech. Dabei präsentiert sie Fotos, auf denen das arabische „N“  an Häuserwänden zu sehen ist. Der Buchstabe steht für „Nazarener“. Damit markierte der IS Häuser, in denen Christen lebten und stellte sie vor klare Optionen: fliehen, konvertieren oder sterben.

Ninve Ermagan (18) reiste in den Irak
Die Meisten flohen. Wie so oft in der Geschichte der Assyrer. „Wir wurden immer verfolgt“, fasst Ermagan die Vergangenheit der assyrischen Christen grob zusammen. Ohne eigenen Staat und ständig in religiösen Brennpunkten beheimatet, gab es kaum eine Zeit, in der die christliche Minderheit in Ruhe leben konnte. Der IS ist nun das schrecklich gegenwärtige Kapitel einer immer schon benachteiligten Vergangenheit. „Wir haben als erste das Christentum angenommen,“ blickt Ermagan auf die Anfänge der Religionsgemeinschaft zurück und fügt schmunzelnd hinzu: „Wir haben das Rad und das Bier erfunden.“ 

Ninve Ermagan (18) reiste in den Irak
In Baghdeda und Bartella, einem weiteren zerstörten Vorort von Mossul, sucht Ninve Ermagan nach religiösen Orten, die die Kämpfe überstanden haben. Sie besucht eine Kirche und schreitet auf staubbedecktem Boden an den Altar. Dort wurden einige Marienbilder aufgebaut, um wenigstens einen kleinen Ort zum Beten zu haben.

Ninve Ermagan (18) reiste in den Irak
Außerhalb der Kirche ist wenig Platz für Spiritualität. Vom IS-Schießtraining durchlöcherte Puppen liegen auf dem Boden des Kirchhofs neben Zielscheiben, Patronenhülsen und rotem Pulver. In einer Ecke erblickt Ermagan zahlreiche leere Bierflaschen und Dosen: Alkohol, der strenggenommen im Islam verboten ist. Nur ein Indiz dafür, wie viel der IS mit dem Islam gemein hat.   

Ninve Ermagan (18) reiste in den Irak

Ninve Ermagan (18) reiste in den Irak

Ninve Ermagan (18) reiste in den Irak
Der Konflikt ist kompliziert und einfach zugleich: Ständige Rätsel gibt dabei die kurdische Peschmerga den Assyrern auf. Einerseits haben Peschmerga und NPU Seite an Seite Dörfer befreit, dennoch fühlt sich die NPU-Miliz von der Peschmerga betrogen: „Die Peschmerga hat versprochen uns zu helfen und der NPU Waffen zu geben, jedoch wollten sie bloß, dass alle Peschmergakämpfer werden,“ berichtet Ermagan. Es ist unübersichtlich geworden im Interessen-Wirrwarr der Akteure und doch ist es so einfach: Der Feind ist der IS. Darin sind sich alle einig. Doch nicht nur von den Kurden, auch von Deutschland fühlen sich die Assyrer im Stich gelassen. „Die Menschen dort sind sehr enttäuscht, dass Deutschland die Kurden unterstützt, aber nicht die Christen“, erzählt Ermagan.

Ninve Ermagan (18) reiste in den Irak
Ninve Ermagan steht in jeder Hinsicht klar auf der Seite der assyrischen Christen. Der Kontakt mit den Soldaten vor Ort hat ihr besonders bleibende Eindrücke verschafft. So habe sie einen Soldaten getroffen, der 24 Stunden das selbe Gebäude stehend bewachte. Ein andermal wurde ihre Reisegruppe von den Soldaten bekocht, ein Erlebnis, das Ninve Ermagan tief zu Herzen ging. Dabei war sie nicht nur beeindruckt vom Eifer und Patriotismus, sondern auch schockiert von den Möglichkeiten der Soldaten. „Das sind Menschen, die gar nicht dafür geeignet sind, viele haben noch nie geschossen“, mahnt sie und zeigt das Foto eines vielleicht erst 18 Jahre alten Soldaten. „Die Kämpfer haben Waffen, die älter sind als sie selbst“ erzählt sie und warnt: „Die, die gegen den IS kämpfen sind in der Mehrzahl, aber uns fehlen die Waffen, der IS hat hoch moderne Waffen!“

Ninve Ermagan (18) reiste in den Irak

Ninve Ermagan (18) reiste in den Irak
Im Krisengebiet durfte Ninve Ermagan auch mal eine Waffe in ihren Händen halten, in einem NPU-Trainingscamp in Alqosh. Diese Waffen gehören an die Front, doch die wohl stärkste Waffe hat Ermagan mit nach Deutschland gebracht: Ihre Erinnerung und ihre Worte. „Durch die Reise ist mir bewusst geworden, dass auch wir Jugendlichen etwas machen müssen“, erzählt sie und plädiert: „Jeder Mensch der dort leidet, sollte eine Stimme bekommen.“

Ninve Ermagan (18) reiste in den Irak
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