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Die CDU hat eine bekannte Werbeagentur für den Wahlkampf engagiert: Reklame für Merkel

Von Neuland: Zum ersten Mal lässt Angela Merkel sich von der waghalsigsten Werbeagentur der Republik den Wählern verkaufen. Umgekehrt wollte Jung von Matt nie etwas mit Politik zu tun haben. Egal, was herauskommt: Für beide Seiten geht es um viel.
Die Raute, das unverwechselbare Zeichen von Kanzlern Merkel Foto: Michael Kappeler (dpa) Die Raute, das unverwechselbare Zeichen von Kanzlern Merkel
Berlin. 

Wenn Angela Merkel nicht in die Kategorie „Entscheider“ gehört – wer dann? Aber gehört sie auch zu den Entscheidern mit Courage? Wagt sie etwas – und wenn, dann aus wirklicher Lust am Risiko und nicht bloß, weil ihr das Riskante versehentlich unterläuft?

So wie Thomas Strerath funktioniert, würde er jetzt nicht eine dieser Fragen beantworten. Strerath hat einen der herausforderndsten Jobs ergattert – oder anvertraut bekommen, das kommt auf die Perspektive an –, den die Politik in Deutschland zu vergeben hat. Strerath will die Kanzlerin-Dauerschleife verlängern. Runde vier. Mit Werbung. Früher sagte man: Reklame.

Werbeprofi Bild-Zoom
Werbeprofi

Eventuell gibt Merkels Wahl einen Hinweis auf die Dimension ihrer Verwegenheit. Vielleicht aber auch nur der Verzweiflung – zumindest der CDU außerhalb des Chefin-Büros. Strerath ist nicht nur der Dienstjüngste im Vorstand der Hamburger Agentur Jung von Matt. Strerath ist bei Deutschlands zweitgrößten, vielleicht wichtigsten, ganz sicher aber tollkühnsten Werbern der aktuell vielleicht tollkühnste. Mit Sicherheit ist er skandalerprobt. Kurz nach seinem Einstieg sagte er in einem Interview, sein Ziel sei nicht, „den geringsten Arschlochfaktor in der Branche“ zu haben – sondern „Exzellenz“. Im Original klang der Satz noch ein bisschen skrupelloser; aber auch die nach einiger Aufregung entschärfte Version fügt sich mit zwei anderen zu einem klaren Bild. Strerath lästerte über „immer mehr Entscheider, die sich nicht trauen“. Und erklärte, unter Verweis auf die großen Erfolge der Agentur, wie er Zusammenarbeit versteht: „Entsprechend hart müssen wir von unseren Kunden verlangen, dass sie uns zu solchen Leistungen beauftragen.“

Der „Supergeil“-Spot

Leistungen sind für ihn Schöpfungen wie die Weihnachtskampagne „Heimkommen“ für Edeka, über einen alten Mann, der seinen Tod vortäuscht, um die Familie aus aller Welt zum Fest an seinen Tisch zu kriegen. Oder der „Supergeil“-Spot, der sich vor drei Jahren wie ein Virus durch die Republik und bis in die USA katapultierte. Für die Kanzlerin kommt der Tanz durch den Supermarkt damit nicht in Frage; „nichts wiederholen“, sagt Strerath, „gebietet der Stolz der Agentur“. Aber sie haben mit Angela Merkel schon einmal einen Hit gelandet, 2001. Sie zeigten die doppelte CDU-Chefin, links mit ihrem Prinz-Eisenherz-Schnitt, rechts mit Struwwelpeter-Look, als hätte sie in die Steckdose gefasst. „Lust auf eine neue Frisur?“ stand darunter – und: „Mieten sie sich ein Cabrio von Sixt.“ Merkel hatten die Hamburger vorher nicht gefragt. Und öffentlich hat sie nie etwas dazu gesagt.

Auch 16 Jahre später ist Verschwiegenheit Gebot. Was sie am Dienstag vier Stunden lang besprochen haben, Strerath und die „PV-Lage“, PV als Abkürzung für Parteivorstand, unter anderen Merkel und Generalsekretär Peter Tauber? „Filmkonzept, Kampagnenkonzept, Gestaltungsformen.“ Und die „Tonalitäten“.

Im Zusammenhang mit Merkel ist Tonalität ein spannendes Wort. Erst recht, wenn Strerath von Gefühlen zu reden beginnt: „Viel stärkere Entscheidungstreiber als Argumente.“ Und Peter Tauber ergänzt: „Wir haben das Thema – und Jung von Matt gibt uns die Emotionen.“ Noch ist strengstens geheim, wohin Strerath die Kanzlerin trimmen will. Auf wählerkompatible Wärme? Auf kluge Kampfeslust? Auf Retterin der Republik vor Regierungsunfähigkeit à la Weimar? Alles zusammen? Wie wünscht „Erna Kasupke aus Recklinghausen“, Streraths Prototyp-Adressatin, sich ihre Kanzlerin?

Erste Politik-Kampagne

In Deutschland hat Jung von Matt noch nie Politikwerbung gemacht; die Tochter in Österreich aber ließ Alexander van der Bellen gut aussehen in der unendlichen Bundespräsidentengeschichte vergangenes Jahr. Dort haben die Werber die Liebäugelei des FPÖ-Kontrahenten mit dem EU-Austritt benutzt, um die möglichen Hofer-Wähler zu verunsichern. „Die Fan-Base des Gegners auseinandertreiben“ nennt Strerath das – und hofft auf ähnliche Chancen. „Es wäre Wahnsinn, darauf zu verzichten.“

Für die Agentur ist die erste Politik-Kampagne ein Abenteuer. Für Merkel auch. Ihr Riesen-Raute-Plakat vor vier Jahren war das Frechste in drei Wahlkämpfen. Wie weit wird sie sich von Strerath und seinen Kreativen locken lassen? Geheim. Alles. Jüngst haben sie einen Fotografen entdeckt, auf dem Dach eines Nachbarhauses der Agentur. Sie haben sofort die Fenster abgeklebt. Damit keiner „die Grundpfeiler für die Inszenierung“ vorzeitig sieht. Ein verfängliches Wort, vielleicht in der Fake-News-Zeit mehr denn je. Natürlich gehört auch jedes Gespräch dazu, das Strerath mit Journalisten führt – und jede Bemerkung, die er dabei über die Kanzlerin macht. Jede Eigenschaft, die er ihr zuschreibt. „Sie ist mutig.“ Man wird sehen. Was auch immer.

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