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Olympia 2016: Rio: Kampf um die Sicherheit

Kurz vor den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro hat Brasilien wirtschaftlich und politisch mit vielen Problemen zu kämpfen. Unser Reporter vor Ort, Andreas Nöthen, berichtet von der Lage in der Millionenstadt und hat vor allem die Sicherheit im Fokus.
Kopfball: Ein Mann zeigt sein Können an der Copacabana. Bilder > Foto: Sergei Ilnitsky (EPA) Kopfball: Ein Mann zeigt sein Können an der Copacabana.
Rio de Janeiro. 

Wenn in der Favela gefeiert wird, fallen Schüsse. Doch es gibt zwei Arten von Schüssen. Die helleren Feuerwerkskracher verkünden: Der Stoff ist angekommen. Oder: Wir haben ein gutes Geschäft gemacht. Wird scharf geschossen, klingt das dumpfer und dient der Warnung. Nach einem halben Jahr in Rio de Janeiro habe ich gelernt, Feuerwerk von richtigen Schüssen zu unterscheiden. Man hört sie öfters. Echte Schusswechsel habe ich nicht miterlebt.

Gewalt, streikende Polizisten, Korruption, Wirtschaftskrise, Zika – die Welt schaut zurzeit auf Rio. Wer die Berichterstattung verfolgt muss denken, dass wir hier in einem Kriegsgebiet leben, in dem Seuchen grassieren, und die Brasilianer nichts gebacken kriegen. Das ist natürlich ein Zerrbild. Das Image der Stadt leidet darunter.

Zum Thema Kriegsgebiet: Natürlich gibt es in dieser Stadt Gegenden, meist in den Favelas, geführt mit modernstem Kriegsgerät. Es ist ein Krieg zwischen Drogengangs um Marktanteile, Krieg zwischen Drogengangs und Polizei. Nicht selten trifft es Unschuldige. Jüngst wurde ein Sechsjähriger von Polizisten erschossen, der Popcorn kaufen wollte.

Vor der WM 2014 hatte die Stadt Rio mit einem großangelegten „Befriedungsprogramm“ begonnen. In einigen Favelas rückte die Spezialpolizei UPP ein, drängte die Drogenkartelle zurück und sorgte mit großem personellem und materiellem Aufwand für Ruhe.

Von rund 60 000 Morden berichtete der Latin American Herald Tribune in Brasilien, das entspricht einer Quote von 29,1 Toten auf 100 000 Einwohner. Diese Zahlen, aus dem Jahr 2014, verglichen mit den Zahlen aus Deutschland (298 Morde absolut) des gleichen Zeitraums zeigen: Hier weht ein anderer Wind. Ich fühle mich paradoxerweise sogar sicher. Aber man sollte dennoch nie unaufmerksam sein.

Vielleicht taugt der Vergleich mit dem Frankfurter Bahnhofsviertel. Wer allzu leichtsinnig und sorglos ist, kann Probleme bekommen. Mir persönlich ist im Bahnhofsviertel aber nie etwas Negatives widerfahren, egal ob am Tag oder in der Nacht. Hier in Rio bislang auch nicht. Aber man erwischt sich dabei, wie man Ausflugsziele auf ein Gefährdungspotenzial hinterfragt.

Die Sicherheit in
den Wohnvierteln

Sicherheit, besser das Bemühen darum, beginnt in den Wohnkomplexen. Zumindest in der Südzone, in der Stadtteile wie Copacabana oder Ipanema liegen. Oder auch Botafogo, wo wir leben. Die Nordzone und der weitaus höhere Bevölkerungsanteil, 7,3 Millionen Einwohner, hat das nicht.

Wer in ein Condominio hinein will, so heißen hier Wohnkomplexe, landet zunächst an einem hohen Zaun mit Gegensprechanlage. Ein Porteiro, meist ist die Pforte rund um die Uhr besetzt, fragt, zu wem man möchte. Erst wenn der Bewohner den Besuch bestätigt, wird geöffnet. Handwerker, Techniker, Lieferanten müssen sich ausweisen, werden registriert und erhalten einen Besucherausweis. Anschließend können die Porteiros über Überwachungskameras jeden Schritt kontrollieren. In unserem Condominio kommt noch ein weiteres Sicherheitsmerkmal hinzu: der Fingerabdruck. Massive Zäune gehören zum Straßenbild. Mindestens genauso die Überwachungskameras. Kaum ein Winkel des öffentlichen Raumes, kaum ein Eingangsbereich, der nicht im Fokus mindestens einer Kamera steht. Die meisten dieser Vorkehrungen setzen auf Abschreckung. Jede Bankfiliale ist voller Überwachungskameras. In anderen Banken steht neben den Geldautomaten stets ein Sicherheitsmensch in Uniform, Maschinenpistole im Anschlag. Auffällig sind die Sicherheitsbemühungen auch im öffentlichen Raum. In Straßeneinmündungen, die in eine der 1000 Favelas führen, parken Streifenwagen, das Blinklicht eingeschaltet. Klares Signal: Alles im Griff, wir sorgen für Ruhe und Ordnung. Was 50 Meter hinter ihnen im Innern der Favela passiert? Im Zweifelsfalle würden sie davon nichts mitbekommen wollen. Das sieht nach enormen Kraftanstrengungen aus, Sicherheit zumindest suggerieren zu wollen. 85 000 Polizisten und Soldaten sind während der Spiele im Einsatz – doppelt so viele wie 2014 in London. Ein ganzer Teil von ihnen arbeitet, ohne dafür Gehalt zu bekommen. Der Staat Rio de Janeiro ist pleite. Vor einem Monat erpresste Gouverneur Francisco Dornelles mit einem Brandbrief einen Blitzkredit von der Bundesregierung über 2,5 Milliarden Reais, um wenigstens einen Teil der Löhne zahlen zu können.

Zika ist nicht Ebola. Zika ist kein tödlicher Virus. Eine Erkrankung, die sich durch ähnliche Symptome wie eine Grippe äußert, ist zunächst mal relativ unangenehm, klar. Wer liegt schon gerne einige Tage mit hohem Fieber flach? Im Gegenteil: Ärzte gehen sogar davon aus, dass 80% der Zika-Betroffenen von einer Infektion nichts mitbekommen, weil die Krankheit oft recht sanft verläuft. Bei schwangeren Frauen sieht das Gefährdungspotenzial anders aus. Aber: Wie viele schwangere Athletinnen nehmen an den Spielen teil? Wie hoch ist der Anteil hochschwangerer Frauen an den Zuschauern und Funktionärinnen? Wo bleibt der Aufschrei, wenn es um das – viel heftiger verlaufende – Dengue-Fieber geht oder Chikungunya oder das HI-Virus, das sich so mancher Olympia-Besucher beim abendlichen Unterhaltungsprogramm von Prostituierten einfangen wird. Ohne ein Arzt zu sein, dürfte das letztgenannte Risiko deutlich höher einzustufen sein. Außerdem ist Geschlechtsverkehr ebenfalls ein Übertragungsweg des Zika-Virus. Zika wird überwiegend von der Aedes-Agypti-Mücke übertragen. Diese sind tagaktiv und meist im heißen Sommer. Die Spiele sind im August, dann ist Winter in Brasilien. Es gibt in jeder Drogerie, in jedem Supermarkt Mückenschutz zu kaufen.

Fest steht indes schon jetzt: Zika wird bleiben. Ähnlich wie schon vorher Dengue und das zur WM 2014 nach Brasilien eingeschleppte Chikungunya-Virus wird es dem Olympia-Gastgeberland wohl nicht gelingen, die Ausbreitung von Zika nachhaltig und effektiv einzudämmen. Eine dauerhafte Epidemie dürfte in Zukunft zum Alltag der Carioca werden. Als 2009 Rio de Janeiro den Zuschlag erhielt, war die Welt eine andere. Brasilien, das ewige Land der Zukunft, schien endlich den entscheidenden Schritt machen zu können. Die Wirtschaft lief, politische Programme zur Armutsbekämpfung zeigten Wirkung und selbst die Finanzkrise, die 2008/09 Europa und die USA erschütterte, zeigte kaum Wirkung.

Brasilien, mit dem Ex-Gewerkschaftsführer Luiz Inácio Lula da Silva als Präsident, war der neue Star unter den Schwellenländern. Und es sah sogar so aus, als würde es erst einmal so weitergehen. Die derzeit heftigste Wirtschaftskrise seit fast 100 Jahren war nicht zu erahnen. Für diese Erfolgsgeschichte war die Vergabe der Olympischen Spiele auch eine Art Belohnung und Adelsschlag: Willkommen im Kreis der Großen.

Immer Ärger mit dem Abwassermanagement

Es schien, als hätte das IOC alles richtig gemacht. Zumal ein Kernpunkt der Bewerbung die Behebung eines der größten Probleme der Stadt versprach: Die Reinigung der verdreckten Guanabara-Bucht. Denn das Abwassermanagement der 7,3-Millionen-Metropole war zu jenem Zeitpunkt noch auf Dritte-Welt-Niveau: Sämtliche Abwässer werden in dicken Rohren ungefiltert drei Kilometer vor der Küste im Atlantik verklappt: 10 000 Liter pro Sekunde. Hinzu kommen monatlich rund 340 Tonnen normaler Müll. Daran hat sich im Wesentlichen bis heute nichts geändert.

Die Chance für Verbesserungen bestand. Nicht nur wegen der Spiele, sondern einer ganzen Reihe von Megaevents: Die Panamerica Games 2007, es folgte der 20+-Gipfel 2012, der Weltjugendtag 2013, die Fußball-WM 2014 und die Olympischen Spiele 2016. Alles Veranstaltungen, die vorausschauender Planung bedürfen. Der größte Vorwurf, den man Rio machen kann ist, diese Abfolge an Großveranstaltungen jeweils einzeln betrachtet zu haben, anstatt einen großen Masterplan zu verfolgen, der sich über die gesamte Spanne erstreckt.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) nahm sich in den 1990er-Jahren selbst in die Pflicht. 1994 wurde der Aspekt Umweltschutz als dritte Grundfeste des Olympismus in die Olympische Charta aufgenommen, neben dem Sport und der Kultur. Seit 1995 hat das IOC eine eigene Sport- und Umweltkommission. Dieser Kommission hätte durchaus schon im Vorfeld auffallen dürfen, dass einer der Kernpunkte, die Reinigung der Bucht, nicht zu schaffen sein würde. Umweltorganisationen kritisieren schon lange, dass die Prüfungen der Kommission nicht weitreichend genug seien.

Bezüglich der Legacy, des Erbes, von Olympischen Spielen wirft dies grundsätzliche Fragen auf. Etwa die des Kosten-Nutzen-Verhältnisses. Rio werden die Spiele zwischen 12 und 15 Milliarden Euro gekostet haben, schätzt man. Aber Kritiker merken immer wieder an, dass dieses Geld besser in das Gesundheitswesen, Bildung und Armutsbekämpfung gesteckt worden wäre, also Kritik an der Schwerpunktsetzung.

Bei Studioaufnahmen Ende der 50er-Jahre soll ein Pianist namens Antonio Carlos (Tom) Jobim den jungen Gitarristen Joao Gilberto zur Weißglut getrieben haben, bis diesem schließlich der Kragen platzte: „Du bist Brasilianer Tom, du bist von Natur aus faul.“ Doch Jobim ließ nicht locker und kurze Zeit später läutete eben jener Song, weswegen sich die beiden Musiker zofften, „Chega da Saudade“, die Geburtsstunde des Bossa Nova ein. So beschreibt es Ruy Castro in seinem Buch „Bossa Nova: The sound of Ipanema“. Gilberto ist, wie Jobim, eine Legende. Jobim durfte jetzt Namenspate eines Olympia-Maskottchens sein. Genauso übrigens wie Vinícius de Moraes, mit dem er das Mädchen von Ipanema besang.

Brasilianer sind sportverrückt – solange es sich um Fußball, Formel 1 oder Volleyball dreht. Mit Fechten, Reiten, Radfahren oder Turnen kann man recht wenig anfangen. Bei allen bisherigen Spielen gewann Brasilien bislang 108 Medaillen, davon 23 Goldene. Damit rangiert das 200-Millionen-Einwohner-Land im ewigen Medaillenspiegel auf Rang 33. Zum Vergleich: Deutschland ist Dritter mit 1682 gewonnenen Medaillen. Olympiastimmung? Kurz vor den Spielen ist davon nichts zu spüren. Es ist wie zu Weihnachten: Vorher ist Stress, dann kommt das Fest und hinterher – der Kater. Eine Initialzündung durch die Spiele, ein Startsignal in eine bessere Zukunft, erwartet von den Spielen niemand. Aber die wirtschaftliche und politische Krise darf Pause machen. Die endgültige Abstimmung des Senats zum Abwahlverfahren gegen die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff soll nach den Spielen stattfinden.

Eine schwierige politische Situation

So soll vermieden werden, dass die politische Situation die Spiele überlagert. Es wären dann Demonstrationen denkbar – für den ohnehin auf äußerster Rille laufenden Sicherheitsapparat wären solche zusätzlichen Aufgaben unmöglich.

Die Amtsenthebung kommt nur zustande, wenn mindestens 51 der 81 Senatoren für die Amtsenthebung stimmen. Bei der ersten Abstimmung im Mai waren es 55 gewesen. Inzwischen hatten bereits einige Befürworter laut darüber nachgedacht ihre Entscheidung nochmals überdenken zu wollen. Wird die notwendige Zweidrittelmehrheit nicht erreicht, kehrt Rousseff in ihr Amt zurück. Regieren wäre dennoch schwierig. Denn der Koalitionspartner, die Partei ihres Vizes und Interimspräsidenten Michel Temer, hatte ihr die Gefolgschaft entzogen. Impeachment, Neuwahlen oder reguläre Wahlen Ende 2018 – Brasilien ist noch längst nicht über den Berg. Ob die Olympischen Spiele zur Besserung beitragen, oder die Lage sogar noch verschärfen, wird sich zeigen.

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