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Interview: Roman Jeltsch von der Bildungsstätte Anne Frank: Rassismus hat lange Geschichte"

Von Mit Roman Jeltsch von der Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank sprach Dieter Hintermeier über den alltäglichen Rassismus in Deutschland und die Folgen für die Betroffenen. Der Erziehungswissenschaftler Jeltsch ist Leiter des Arbeitsbereich Beratung.
Demonstration gegen Rassismus in Kandel in Rheinland-Pfalz. Dort hatte ein Flüchtling die 15 Jahre alte Mia getötet. Deswegen gab es dort Demonstrationen von linken und von rechten Gruppen. Foto: Uli Deck (dpa) Demonstration gegen Rassismus in Kandel in Rheinland-Pfalz. Dort hatte ein Flüchtling die 15 Jahre alte Mia getötet. Deswegen gab es dort Demonstrationen von linken und von rechten Gruppen.

Herr Jeltsch, wie stellt sich der alltägliche Rassismus in Deutschland dar?

ROMAN JELTSCH: Rassismus ist ein historisch gewachsenes, gesellschaftliches und strukturelles Problem, in dem Menschen Abwertungen, Ungleichbehandlung und Benachteiligungen erfahren.

Was heißt das konkret?

JELTSCH: Im Rassismus werden bestimmten Merkmalen (zum Beispiel Hautfarbe) bestimmte Eigenschaften (zum Beispiel „gefährlich“) zugeschrieben. Es werden Menschen konstruiert, die als vermeintlich „anders“ wahrgenommen werden, als eine einheitliche Gruppe („die Muslima“, „die Geflüchteten“). Der individuelle Mensch wird damit gar nicht mehr als ein Individuum wahrgenommen. Auf Grund von Rassismus und der damit einhergehenden Abwertung bekommen bestimmte Menschen keine Wohnung, keinen Arbeitsplatz, werden auf der Straße beleidigt und werden beim Arzt nicht behandelt.

Roman Jeltsch von der Bildungsstätte Anne Frank Bild-Zoom Foto: Felix Schmitt
Roman Jeltsch von der Bildungsstätte Anne Frank

Was sind die Gründe für Diskriminierung?

JELTSCH: Rassismus hat eine sehr lange Geschichte und geht in die Zeit des deutschen Kolonialismus zurück. Es sind historisch gewachsene Bilder, Vorstellungen, die als Legitimation dazu dienen, einer Gruppe von Menschen Zugang zur gesellschaftlichen Ressourcen zu verweigern. Rassismus hat viel mit Privilegien und gesellschaftlichen Positionen zu tun, die oft unsichtbar bleiben – für diejenigen, die von Diskriminierung nicht betroffen sind.

Wie macht sich das bemerkbar?

JELTSCH: Wie beispielsweise in den letzten Jahren zu beobachten war, wurde und wird anhand rassistischer Deutungen und Argumentationen eine vermeintliche „gute gesellschaftliche Ordnung“ von rechts gegen die imaginierte Bedrohung durch Migration verteidigt, anstatt sich ruhig und bedacht mit der Situation zu beschäftigen, den Menschen zuzuhören und gemeinsam nach (politischen) Lösungen zu suchen, die nicht gewaltvoll enden.

Wie gehen die Betroffenen damit um?

JELTSCH: In der Beratung bei uns berichten Betroffene oft von alltäglichem Rassismus, den sie erleben und für den sie ganz unterschiedliche Strategien der Bewältigung und des Umgangs parat haben. Ignorieren, Kontern, Drüberstehen, Weggehen, sich an Freunde wenden, Schweigen und oder mit Humor nehmen. Viele von Rassismus betroffene Menschen haben ihre jeweils eigenen Umgangsstrategien.

Können Sie die beschreiben?

JELTSCH: Diese Liste ist lang, die Strategien sind sehr individuell und hängen auch von Kontext, Verfassung oder Situation ab. Zugleich berichten viele Menschen davon, in Habachtstellung zu sein, sobald sie ihre Wohnung verlassen. Es ist ein Gefühl, dass jederzeit und unerwartet etwas passieren kann: ein blöder Spruch, eine Beleidigung oder eine andere Form von gewaltvoller Grenzüberschreitung.

Ist der Antisemitismus eine Form des Rassismus? Ist er gleichzusetzen mit dem antimuslimischen Rassismus?

JELTSCH: Antisemitismus ist keine Form des Rassismus. Antisemitismus lässt sich als Feindschaft gegen Juden bezeichnen, während antimuslimischer Rassismus Rassismus gegen die vermeintlich homogene Gruppe der Muslime meint

Wie unterscheiden sich die beiden?

JELTSCH: Auf einer theoretischen Ebene beinhaltet Antisemitismus ein Modell zur Erklärung der Welt, in dem Juden im Prinzip erhöht und deshalb „gefährlich“ oder als „zu bekämpfen“ stereotypisiert werden: Daher ist der Antisemitismus häufig verknüpft mit welterklärenden Verschwörungstheorien, wie beispielsweise die Erzählung von den gefährlichen „Hintermännern“, die die „Finanzwelt“ und damit die Welt beeinflussen. Dieses welterklärende Modell fehlt dem Rassismus, wobei gleichzeitig Betroffene von Rassismus nicht erhöht, sondern in der Regel abgewertet werden.

Und was ist das „verbindende“ Element zwischen Antisemitismus und Rassismus?

JELTSCH: Durch beide Mechanismen, die Erhöhung sowie die Abwertung, findet eine moralische Legitimation statt, um ein „Dagegen vorgehen“ zu begründen. Daher erleben wir immer wieder Angriffe, Anfeindungen und gewaltvolles Vorgehen gegen Betroffene.

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