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605 von 605 Stimmen: SPD-Parteichef gewählt: Hundertprozentig Schulz

Von Falls die SPD überhaupt weiß, wie ihr gerade geschieht, dann muss sie sich wie eine Burn-out-Patientin auf Crash-Therapie fühlen: So erfolgreich wie Martin Schulz hat noch niemand eine Partei aus der Verzweiflung gewuchtet. Allerdings war auch noch keine Partei so verzweifelt.
Martin Schulz ist der gefeierte Mann der SPD: Auch die Wahlkämpfer Torsten Albig (Schleswig-Holstein, links), Hannelore Kraft (NRW) und Anke Rehlinger (Saarland, rechts) wollen etwas von seinem Glanz abbekommen. Foto: Michael Kappeler (dpa) Martin Schulz ist der gefeierte Mann der SPD: Auch die Wahlkämpfer Torsten Albig (Schleswig-Holstein, links), Hannelore Kraft (NRW) und Anke Rehlinger (Saarland, rechts) wollen etwas von seinem Glanz abbekommen.
Berlin. 

Doch, es gibt Momente, da darf man glauben, sie seien einfach übergeschnappt. Wenn weißbärtige Genossen „Jetzt geht’s loooos!“ grölen, als sei Politik in Wahrheit Rock’n’Roll und Martin Schulz sein größter Star. Wenn ein junger Fernseh-Reporter sich in einen roten Anzug wirft, rotes T-Shirt, rote Socken, rote Schuhe trägt und ein rotes Schild, auf dem steht: „Schulz, geiler geht’s nicht“ – und sämtliche Sozialdemokraten das kein bisschen peinlich finden, sondern das kreisrunde Grinsen ins Gesicht kriegen. Wenn die Parteizentrale behauptet, die direkte Fortsetzung von „London – New York – Paris“ sei Würselen – und 600 erwachsene Menschen das für einen der genialsten Gags der Menschheitsgeschichte halten. Und wenn die SPD, diese alte, in den vergangenen Jahren so oft so entmutigte Partei, Martin Schulz mit 605 von 605 Stimmen zu ihrem Vorsitzenden wählt. Was in Wirklichkeit heißt: zu ihrem Messias, ihrem Erretter. Das muss einer ja auch erst einmal aushalten.

Martin Schulz löst Sigmar Gabriel an der Parteispitze ab. Foto: Kay Nietfeld
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Die Genossen scheinen mit Schulz das Tal der Tränen zu verlassen. Dabei ist die Strategie der SPD ebenso simpel wie unanständig.

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Es geht, als Anke Rehlinger das 100-Prozent-Ergebnis verkündet, ein Schrei durch die Arena, aus vielleicht noch 3000 Kehlen, in dem sich Überraschung und Begeisterung mischen. Sicher ist in diesem Augenblick, dass das keines der halb erzwungenen, halb erfürchteten Resultate ist, mit denen Parteien in Wahljahren oft sich und ihren Spitzenleuten Mut zusammenwählen. Martin Schulz behauptet um halb vier an diesem März-Sonntag, ziemlich genau ein halbes Jahr von dem Bundestagswahl-Sonntag, „dass dieses Ergebnis der Auftakt zur Eroberung des Kanzleramtes ist“. Kann sein. Man wird sehen.

Es geht um Respekt

Ganz sicher sind die 100 Prozent der Moment, in dem die SPD sich zu 100 Prozent Martin Schulz anvertraut. Das kann man Überzeugung nennen oder Mut oder eine Mischung aus beidem. Ganz sicher, auch das, ist keine Spur des Gefühls dabei, das die Partei aus den vergangenen sechs, sieben, acht Jahren am besten kennt. Verzweiflung.

Es hat nämlich in den vier Stunden zuvor auch die anderen Augenblicke gegeben, und sie sind definitiv in der Überzahl gewesen. Die Momente, in denen zu hören gewesen ist, was Schulz in kleinen acht Wochen mit der SPD schon gemacht hat – und wie er das weitermachen möchte mit ihr und zu einem guten Teil mit der ganzen Republik.

Zusammengenommen hat er sie einfach so genommen, wie sie gerade ist – und ihr das Gefühl gegeben, er schaue sie an, wisse exakt, was sie grämt und was ihr fehlt, und wolle und vor allem könne ihr genau das geben.

Das Wort kommt in seiner Rede ein Dutzend Mal vor, allein und in Kombinationen, und eventuell kriegen sie im Adenauer-Haus und im Kanzleramt schon Pusteln davon in den Ohren oder werden neidgrün, weil ihnen das nicht selbst eingefallen ist. Das Wort heißt: Respekt.

Für die SPD, die sich ja immer als die Partei der neuen Zeit versteht, ist das ein ziemlich altmodischer Begriff. Für die Republik, die sich, allerspätestens seit der Sozialdemokrat Gerhard Schröder Kanzler wurde, politisch als Teil der globalisierten Welt begreift und persönlich-individuell oftmals fremdelt mit dieser Identität, ist Respekt zugleich Vergangenheit und Verheißung. Für Martin Schulz ist Respekt – Therapie.

Falls auch die SPD sich fremd geworden war seit 2003, dem Agenda-Jahr – und es gab Anzeichen: das letzte beim Parteitag im Dezember 2015, als ein apathischer Delegierten-Haufen Sigmar Gabriel am Samstag bei seiner Rede verhungern ließ, applausmäßig, und ihm am Sonntag ein Unter-75-Prozent-Ergebnis hinrotzte – falls also die SPD sich nicht mehr auskannte mit sich selbst: Dann kehrt sie an diesem März-Sonntag endgültig zu sich zurück.

Denn auch, wenn Schulz ziemlich in der Mitte seiner Rede sagt „Wir Sozis sind nicht die besseren Menschen“ – seine Botschaft lautet doch: Wir sind die Guten.

So sind sie lange nicht gesehen worden, Stichwort Hartz IV. So haben sie sich selbst nicht mehr gefühlt. Und vor allem: So haben sie sich oft auch nicht benommen. Und es gewusst.

Das soll jetzt vorbei sein, und, noch wichtiger, vergessen. Natürlich ist das eine Inszenierung – die oben auf der Bühne wissen es, und manchmal kann man es manchen ansehen. Für die unten aber ist es echt. Oder kann es zumindest sein und sich so anfühlen.

Die Ex als Randfiguren

Dass Sigmar Gabriel zum Abschied bejubelt wird und auch Kurt Beck, sein so glückloser Vorvorgänger, und dass beide den Ausdruck leichter Pein dabei nicht aus ihren Gesichtern bekommen: Das soll nicht zählen im Vergleich zu dem Hochgefühl, das Martin Schulz erzeugt, wenn er die neue, sozialdemokratisch regierte Republik skizziert: mit gebührenfreier Bildung von der Kita bis zur Uni; mit Rechtsanspruch auf Ganztagsschule; mit Verständnis und Hilfe und Zeit für die Sandwich-Generation, die zugleich für Kinder und Eltern verantwortlich ist und im Job erfolgreich sein muss; mit Geld für „Wohlfahrt“ – Schulz pocht auch hier auf den alten Begriff – wo sie im Wortsinn notwendig ist. Die Geschichte vom guten Deutschland, das zugleich europäisch denkt und fühlt und Autokraten wie den türkischen Präsidenten Erdogan bescheidet: „Wir wollen nicht, dass Menschen gegeneinander aufgehetzt werden – weder in Ihrem Land noch bei uns.“

Für die im Saal fühlt es sich an, als überwänden sie gerade endgültig eine Krankheit, deren Namen sie nicht kennen und die sie selbst nicht so genau beschreiben können. „Neue Kraft“, sagt einer, „die SPD brauchte das mal“, eine andere.

„Das“ ist Martin Schulz, hundertprozentig. Die SPD gibt sich gerne hin, schon immer, einst Willy Brandt, später Gerhard Schröder. Und hinterher wundert sie sich. Mindestens. Auch über sich selbst.

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