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Provokatuer vom Dienst: Sarrazin prognostiziert der AfD eine positive Zukunft

Ob Euro, Migration, Hartz IV oder der Kurs seiner SPD: Thilo Sarrazin gilt als Provokateur vom Dienst. Der 69-Jährige stand unserem Berliner Korrespondenten Dieter Weirich Rede und Antwort.
Eine Zukunft für die AfD, kaum eine für die FDP: Thilo Sarrazin glaubt an einen Umbruch der deutschen Parteienlandschaft.
Foto: Davids/Darmer Eine Zukunft für die AfD, kaum eine für die FDP: Thilo Sarrazin glaubt an einen Umbruch der deutschen Parteienlandschaft. Foto: Davids/Darmer

Herr Sarrazin, würden Sie nach dem Erfolg der „Alternative für Deutschland“ (AfD) bei der Europawahl einem erneuten Liebeswerben von Bernd Lucke widerstehen, sich für die Bewegung zu engagieren?

THILO SARRAZIN: Ein solches Angebot wird es nicht geben, weil man in der AfD weiß, dass ich in der SPD bleibe. Ich gehöre der Partei seit 1973 an – und sie hat kritische Stimmen nötiger denn je.

Der ebenfalls unbequeme Ex-Wirtschaftsminister Wolfgang Clement hat auch erfolgreich den Hindernislauf von Parteiordnungsverfahren überstanden, der Partei aber dann doch den Rücken gekehrt.

SARRAZIN: Das kann jeder halten, wie er will. Ich bin einst in die SPD wegen Brandts Ostpolitik, der modernen Wirtschafts- und Finanzpolitik und des gleichzeitigen Bemühens um sozialen Ausgleich eingetreten. Seither hat sich vieles verändert, was mich nicht erfreut. Man kann einer Partei aber auch mit Kritik einen Dienst erweisen.

Worauf führen Sie den Erfolg der AfD bei der Europawahl zurück?

SARRAZIN: Das liberal-konservative Element in der deutschen Politik ist unbesetzt, lässt Raum für neue Kräfte. Die Union macht jetzt die Erfahrung, welche die SPD mit der Linkspartei schon hinter sich hat.

Die CDU scheint bei der AfD mehr auf Dämonisierung als auf Zusammenarbeit zu setzen. Unions-Fraktionschef Volker Kauder lehnt es sogar ab, mit AfD-Vertretern in Talkshows zu diskutieren.

SARRAZIN: Das wird der AfD erst recht Aufmerksamkeit verschaffen. Mit Gregor Gysi gemeinsam aufzutreten, aber einen angesehenen Wirtschaftsprofessor wie Bernd Lucke in die Schmuddelecke zu stellen, das werden bürgerliche Wähler nicht verstehen. Außerdem verbaut sich Kauder mögliche Machtperspektiven in einer sich verändernden Parteienlandschaft, in der sich die SPD auch Koalitionen mit der Linkspartei vorstellen kann. Das alles ist Ausdruck von Hilflosigkeit.

Wird sich die AfD dauerhaft in der Parteienlandschaft etablieren?

SARRAZIN: Man sollte mit Prophezeiungen vorsichtig sein. Wenn die Partei aber zu innerer Stabilität findet, ist die Chance sehr groß. Klar ist jedenfalls für mich, dass es auf Dauer rechts von der Union eine starke politische Kraft geben wird, wahrscheinlich wird das ein Fünf- oder – wenn Sie so wollen – Sechs-Parteien-System mit CDU, CSU, SPD, Grünen, Linkspartei und der AfD sein.

Sie selbst hatten vor der Europawahl kritisch angemerkt, die AfD sei zu sehr eine Ein-Themen-Partei ?

SARRAZIN: So wurde sie im Europawahlkampf vorwiegend wahrgenommen. Will sie erfolgreich sein, wird sich das ändern müssen. Frau Merkels Union hat so viele liberalkonservative Positionen geräumt, so dass das auch nicht schwer fallen wird.

Wie sehen Sie die Chancen der FDP auf eine Renaissance?

SARRAZIN: Eher gering. Warum sollten bürgerliche Wähler die Partei, die vier Jahre in der Regierung erfolglos blieb, wählen? Weil sie einen nett aussehenden Vorsitzenden hat? Wo ist die Linie? Eine Opposition, die sich nicht gegen die Unvernunft der europäischen Wirtschafts- und Finanzpolitik wendet, braucht man die? Bei allem Wohlwollen: Ein erfolgversprechendes Comeback sieht anders aus.

Die Volksparteien werden sich immer ähnlicher und verlieren ihre Bindungskraft. Sind große Koalitionen das Modell der Zukunft ?

SARRAZIN: Die Ähnlichkeit konnte man im Europawahlkampf studieren. Schulz und Juncker unterschieden sich weniger in Aussagen als in ihrer sprachlichen Klangfärbung; der eine mit rheinischem Singsang, der andere mit etwas französisch anmutendem Deutsch Zu erwarten ist, dass künftig eine Koalition der beiden großen Parteien mit einer kleinen Partei rechnerisch kaum noch möglich ist.

Wie geht es weiter mit dem Euro?

SARRAZIN: Dass ich ein Gegner dieses gigantischen Transformationsprogramms bin, ist bekannt. Wenn Länder wie Italien und Frankreich mit abnehmender Wirtschaftskraft in ein Zwangskorsett mit uns, den Holländern oder auch Österreichern gesteckt werden, kann das nicht gut gehen. Das Instrument der Abwertung gibt es nicht mehr. Wir leben in einer Währungsgefangenschaft. Prognosen zum Ausgang habe ich nicht und werde ich auch nicht geben.

War es nicht polemisch, den Spitzen der großen Koalition in der Euro-Frage weniger wirtschaftspolitischen Sachverstand als Lucke und Henkel von der AfD zuzubilligen?

SARRAZIN: Die Wahrheit muss man sagen dürfen.

Es fällt auf, dass Sie sich zu den aktuellen Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik nicht äußern. Gehören Sie wie Schmidt und Schröder, aber auch die AfD, zu den Putin-Verstehern?

SARRAZIN: Ich äußere mich nur zu Fragen, die ich in allen Details durchdacht habe und voll beurteilen kann. Daher habe ich weder zur Ukraine-Krise noch zur Energiewende etwas gesagt.

Wie verkauft sich Ihr neues Buch „Tugendterror“?

SARRAZIN: Über 100 000 Exemplare sind verkauft und es läuft weiter gut. Ich bin zufrieden.

Warum muten Sie sich noch die Ungemütlichkeit öffentlicher Auftritte mit dem Aufmarsch Ihrer Gegner, Tumulten und anderen Auseinandersetzungen zu?

SARRAZIN: Wer kritisiert, muss sich auch öffentlich der Kontroverse stellen. Ich will und brauche mich nicht zu verstecken.

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