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Schuften an der Heimatfront

Von Während die Männer an den Fronten ihr Leben ließen, waren die Frauen in der Heimat auf sich allein gestellt – und führten ihren eigenen Kampf gegen die Armut.
Diese Frau verkaufte Gemüse, um ihre Familie durchzubringen. Unter dem Bild steht „Kriegsbeschäftigung 1915/16“.	Foto: Fotoarchiv Maars Diese Frau verkaufte Gemüse, um ihre Familie durchzubringen. Unter dem Bild steht „Kriegsbeschäftigung 1915/16“. Foto: Fotoarchiv Maars
Frankfurt. 

Einsam steht die Frau an ihrem Gemüsestand, versucht sich ein paar Reichsmark hinzuverdienen. „Kriegsbeschäftigung 1914/15“ steht auf dem historischen Foto. Ein weiteres zeigt eine Mutter mit ihren fünf Kindern; das Haar ist streng hochgebunden, der Blick verzweifelt: Wie es wohl ihrem Mann an der Front ergeht? Ob er überhaupt noch lebt?

Spätestens zu Weihnachten, so hatten viele Ehefrauen und Mütter 1914 gehofft, sollte der Feind geschlagen, sollten die Männer nach Hause zurückgekehrt sein. Doch nun eröffnet sich zu Hause eine ganz neue Situation. Was die „Heimatfront“ für die Zivilbevölkerung im Deutschland des Ersten Weltkrieges bedeutete, während sie die Soldaten mit wenig hoffnungsvoller Feldpost von der Kriegsfront versorgten, dokumentiert derzeit eine Ausstellung in der Frankfurter Frauenfriedenskirche – jenem Gotteshaus, das 1916 vom Katholischen Deutschen Frauenbund initiiert und 1928 als Mahnmal für jene Männer gebaut wurde, die ihr Leben in den Materialschlachten ließen.

Die Ausstellung zeigt, dass die Frauen zunächst hinter dem Vaterland und ihren wehrfähigen Männern standen, ebenso wie die Söhne, die schon von klein auf Soldaten spielten und von einem heldenhaften Einsatz an der Ost- oder Westfront träumten. Uniformierte Soldaten auf Heimaturlaub mit ihren Familien wurden zu beliebten Postkartenmotiven, und so mancher Knirps posierte in seiner Spieluniform.

Noch im Juli 1914 hatten Hunderttausende Arbeiter gegen den Krieg demonstriert. Doch als die Züge an die Front rollten, ließen sich ganze Familien vom „Rausch des Augusterlebnisses“ mitreißen, wie Thomas Fleming und Bernd Ulrich in ihrem Buch „Heimatfront“ dokumentieren.

 

Hohe Arbeitslosigkeit

 

Vier Jahre lang sollte der Krieg dauern – und niemand zu Hause war auf einen derart langen Verlauf vorbereitet. Die Mobilmachung durch Kaiser Wilhelm II. und Einberufung von über fünf Millionen Männern hatte den Zusammenbruch von ganzen Betriebszweigen zur Folge. Bereits vier Wochen nach Kriegsbeginn war fast ein Viertel der organisierten Arbeiterschaft arbeitslos. Aus Geldmangel wurde Hauspersonal entlassen, darunter viele Frauen – weite Teile der Arbeitslosen drohten in Zeiten ohne finanzielle staatliche Unterstützung schon bald in die Armut und Verelendung abzustürzen.

Die Frauen hatten im Ersten Weltkrieg sozial und wirtschaftlich eine Doppellast zu stemmen: Zum einen hatten sie Kinder und Angehörige zu Hause zu versorgen, zum anderen mussten sie oft ihre Männer ersetzen und in die industrielle Produktion nachrücken – und das in einer Zeit, in der die bürgerliche Mutter mit Abschluss der höheren Töchterschule und einer Schaar kleiner Kinder noch immer dem Idealbild entsprach, Lehrerinnen gar im staatlich verordneten Zölibat lebten.

Bald schlossen sich über alle Partei- und Konfessionsgrenzen hinweg die zahlreichen Frauenvereinigungen im Nationalen Frauendienst zusammen, in der Hoffnung, nicht nur der patriotischen Verpflichtung nachzukommen, sondern auch in der beruflichen Emanzipation einen großen Schritt nach vorn zu machen.

So stieg die Zahl der in der Rüstung beschäftigten Frauen von 113 700 im Jahr 1913 auf 702 100 im Jahr 1917 – und das in wahrer „Knochenarbeit“, denn den Arbeitsplätzen fehlten jegliche Schutzbestimmungen für Frauen. „Wo war ein Plan, als wirtschaftliche und soziale Probleme von nie gekanntem Ausmaß alle Lebensgebiete sturzartig überfluteten?“, fragt die damalige Leiterin der Frauenarbeitszentrale Marie-Elisabeth-Lüders in ihrem 1936 erschienenen Buch „Das unbekannte Heer, Frauen kämpfen für Deutschland 1916–18.“ Die klare Antwort: „Er war nirgends.“

Viele Frauen verloren die Hoffnung auf eine baldige Rückkehr ihrer Männer und Söhne, gaben sich nicht selten neuen, als „sittenwidrig“ verrufenen Beziehungen hin. Die Protagonistin in Claire Golls „Die Schneiderin“, die nach der Todesnachricht ihres Mannes aus Trauer und Wut zur Prostituierten wird, ist ein Beispiel dafür. In Altona standen die Frauen unter Generalverdacht.

Käthe Kollwitz hingegen, die den Tod ihres Sohnes im Dezember 1914 zu beklagen hatte, suchte als glühende Pazifistin ihren Trost in der Kunst. Gegen alle Anstachelungen, bis zum letzten Blutstropfen weiterzukämpfen, forderte sie kurz vor Kriegsende in der SPD-Zeitung Vorwärts: „Es ist genug gestorben. Keiner darf mehr fallen.“

Die Ausstellung „1914–1918, Frauen an der Heimatfront“ in der Frauenfriedenskirche in Frankfurt, Zeppelinallee 101, ist bis zum 13. Oktober zu sehen.

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