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Debatte: Selbstverteidigung oder härtere Strafen: Was schützt Rettungskräfte vor Angriffen?

Von Rettungskräfte werden immer wieder die Zielscheibe von Angriffen. Dabei enthemmen Alkohol und Imponiergehabe die Täter und bringen dadurch Menschenleben in Gefahr. Jetzt werden die Helfer in speziellen Trainings für gefährliche Situationen fit gemacht.
Ein Mann wirft eine Flasche in Richtung eines Wasserwerfers der Polizei. Foto: Sebastian Willnow Ein Mann wirft eine Flasche in Richtung eines Wasserwerfers der Polizei.
Frankfurt. 

Wieder hat es einen Angriff auf Rettungskräfte gegeben. Ein 37-Jähriger hat am Wochenende in Berlin zwei Rettungssanitäter mit Böllern beworfen. Die 28 und 29 Jahre alten Sanitäter waren wegen eines medizinischen Notfalls gerufen worden. Als sie aus dem Rettungswagen stiegen, warf der Mann zunächst die Böller. Anschließend soll er versucht haben, auf einen abgestellten Defibrillator zu urinieren. Einem der Einsatzkräfte spuckte der 37-Jährige ins Gesicht.

Das ist beileibe kein Einzelfall. Immer häufiger werden Rettungskräfte bei ihren Einsätzen gewalttätig oder verbal angegriffen. Dabei stehen „Feiertage“ wie Silvester bei den Gewalttätern ganz oben im Kurs. Auch in Frankfurt kam es zum Jahreswechsel einmal mehr zu zahlreichen Übergriffen gegen Polizisten, Feuerwehr und Rettungskräfte.

Vor diesem Hintergrund fordert die neue Präsidentin des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), Gerda Hasselfeldt, mehr Respekt für die Arbeit von Helfern. „Übergriffe auf Rettungskräfte dürfen auf keinen Fall toleriert werden“, sagte Hasselfeldt und fügte hinzu: „Wer Sanitäter im Einsatz beschimpft oder gar angreift, gefährdet die Rettung von Menschenleben und gehört bestraft.“

Auch Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) hatte bereits härtere Strafen für Attacken gegen Einsatzkräfte gefordert.

Dass Attacken auf Rettungskräfte nicht nur ein Problem im großstädtischen Umfeld sind, weiß Bernhard Rühl. „An bestimmten Örtlichkeiten kann man solche Angriffe auf Rettungskräfte heute nicht mehr festmachen“, sagt der Lehr-Rettungsassistent beim DRK im Hochtaunuskreis. Nach seinen Erfahrungen kann die Situation bei ganz „profanen Einsätzen“ eskalieren. „Das fängt damit an, dass den Angehörigen eines Verletzten oder Kranken plötzlich alles nicht schnell genug geht. Und schon gibt es Stress am Einsatzort, weil die Betroffenen bestimmen wollen, wie geholfen wird.“ Erst im Oktober 2017 ist in Frankfurt der Vater eines verunglückten Teenagers ausgerastet (hier nachlesen).

Der Rückzug

Um sich vor diesen Übergriffen am Einsatzort zu schützen, setzen Hilfsorganisationen wie das DRK auf Deeskalationstrainings für ihre Mitarbeiter. Bestandteile seien zum Beispiel das Thema Kommunikation und die Gefahreneinschätzung an der Einsatzstelle, so Rühl. Die ganz große Prämisse für die Kollegen sei aber „der Rückzug“, wenn eine Situation zu eskalieren drohe, sagt der DRK-Experte. Von Selbstverteidigungskursen für Rettungskräfte hält Rühl dagegen nichts. „Körperliche Auseinandersetzungen in Konfliktsituationen gehören nicht zu den Aufgaben eines Helfers, sondern sind im Ernstfall Sache der Polizei.“ Zudem bezweifelt er die Wirksamkeit solcher Seminare. Ein zweitägiger Selbstverteidigungskurs reiche nicht aus, um sich später einmal in einer „Stresssituation“ effektiv zur Wehr zu setzen. In Sachen Selbstverteidigung lässt auch Stefan Röhrhoff Skepsis walten. Diese sei im Krisenfall nicht zielführend, so der Experte für Rettungskräfte bei der Gewerkschaft Verdi.

Hilfreiches Training

Für Röhrhoff sind Deeskalationstrainings für Mitarbeiter von Hilfsorganisationen ein probates Mittel, um in Konfliktsituationen richtig zu handeln. Bei diesen Kursen sollten die Helfer auch für die Verhaltensweisen von unterschiedlichen Kulturen sensibilisiert werden. Schulungen in Sachen „interkultureller Kompetenz“ schlägt auch Eckhard Schwill, Justitiar einer Fachgewerkschaft im Deutschen Beamtenbund, vor. Gerade bei Einsätzen in multikulturellen Familien, so berichtet das Magazin „Der Spiegel“, komme es manchmal zu Missverständnissen. So müssten beispielsweise Sanitäter die Patienten oft entkleiden oder anfassen, um diese zu untersuchen. Das würde deren Familienangehörige irritieren und diese drohten den Sanitätern sogar mit Gewalt.

Das Thema Gewalt gegen Einsatzkräfte bringt auch Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) auf den Plan. 2015 und 2016 verzeichnete sein Ministerium jeweils rund 80 Übergriffe. An der Spitze der Gewalttaten gegen Helfer stehen aber Polizeibeamte. 2016 seien rund 3500 Beamte Opfer von Angriffen geworden. „90 Prozent der Übergriffe auf Polizeibeamte finden im normalen Einzeldienst statt, vor allem in den Abendstunden und wenn Alkohol im Spiel ist. Oftmals spielen da die zu bedauernde Respektlosigkeit und auch Imponiergehabe eine wichtige Rolle“, sagt Beuth.

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Die Deutsche Feuerwehr-Gewerkschaft (DFeuG) verurteilte den erneuten Angriff. Die Attacken auf die Rettungskräfte seien völlig unnachvollziehbar, sagte der Sprecher der DFeuG Berlin-Brandenburg, Micha Quäker. „Unsere Kräfte müssen geschützt werden“, forderte er. Die Regierung müsse die Justiz entsprechend ausstatten, dass sie die im vergangenen Jahr verschärften Gesetze zu Angriffen auf Rettungskräfte auch durchsetzen könne. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) sprach angesichts der neuesten Attacke von einem „unfassbaren Zustand“.

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